Eltern mit behindertem Kind oft überfordert

11.8.2010, 18:00 Uhr

© Mark Johnston

Eltern eines behinderten Kindes sind nach Ansicht der Fürther Sozialpädagogin Katharina Weimar zunächst in aller Regel überfordert. Nicht nur der Lebenstraum einer gesunden, unbeschwerten Familie ist geplatzt - auch die Pflege, die Betreuung und von Fall zu Fall finanzielle Sorgen belasten Väter und Mütter.

Es gebe Beratungs- und Hilfsangebote, doch viele Eltern wüssten davon erst mal nichts, sagt Weimar. So bekämen die Betroffenen "von der Pflegekasse zum Beispiel oft nicht mitgeteilt, welche Leistungen ihnen zur Entlastung zustehen". Die 56-Jährige vom Verein Lebenshilfe, der sich bundesweit für Behinderte engagiert, leitet seit 20 Jahren die Offenen Hilfen Fürth.

Kein Raum für persönliche Wünsche

Diese kümmern sich zurzeit in Stadt und Landkreis Fürth um 192 Menschen mit Behinderung. In einem Drittel der Fälle geht es um Kinder. Viele Eltern sind nach der Erfahrung der Expertin der Situation, für ein behindertes Kind sorgen zu müssen, nicht gewachsen. Neben der Pflege des Kindes müssten sie sich auch oft noch mit Behörden auseinandersetzen, hätten kaum finanziellen Spielraum und müssten ihre persönlichen Wünsche und Pläne meist hinten anstellen: "Das überfordert viele."

Besonders schwierig sei es, wenn sich Eltern eines behinderten Kindes trennen, selbst erkranken oder andere Probleme auftauchen - so gebe es nicht selten Konflikte mit gesunden Geschwistern. Oft könne man schon mit kleinen Maßnahmen viel bewirken, meint Weimar. "Ganz wichtig sind die Gespräche. Die Menschen müssen das Gefühl haben, dass wir sie begleiten", sagt sie.

Dienste zur Entlastung

Ihr Verein bietet sogenannte familienentlastende Dienste an: Behinderte Kinder werden dabei stundenweise von Erziehern, Sozialpädagogen, Krankenschwestern und qualifizierten Hilfskräften im häuslichen Umfeld betreut, es werden aber auch Freizeitaktivitäten wie ein Spielplatzbesuch organisiert. Die Eltern hätten dann einmal Zeit für sich selbst oder könnten etwa Behördengänge in Ruhe erledigen, erklärt Weimar. Zudem helfe man in rechtlichen Fragen weiter, berate bei Ansprüchen auf Sozial- und Pflegeleistungen. Auch die Vermittlung von Therapieangeboten, wie etwa psychologische Betreuung, gehöre zu den Aufgaben. Eine Gesprächsgruppe ermögliche den Austausch mit anderen Eltern.

Begrüßenswert findet Werner Steinkirchner, stellvertretender Geschäftsführer der Lebenshilfe, die neuen, vom Freistaat finanziell geförderten "Koordinierenden Kinderschutzstellen" (KoKi), die zurzeit in Städten und Landkreisen entstehen. Wie berichtet, hat Martin Schmitz im Fürther Jugendamt die Aufgabe, Kontakt zu allen Einrichtungen, Diensten und Berufsgruppen zu halten, die mit Kindern und Eltern in Berührung kommen. Ziel ist es, Familien (mit behinderten ebenso wie mit nichtbehinderten Kindern) in kritischen Lebenslagen möglichst frühzeitig Hilfe anzubieten und dadurch Schlimmeres wie die Misshandlung von Jungen und Mädchen zu verhindern.

KoKi: Ausbau der Prävention im Landkreis

Mit der Einrichtung "KoKi - Netzwerk frühe Kindheit" hat auch die Kommunale Jugendarbeit im Landkreis Fürth ihre präventiven Angebote weiter ausgebaut. Ansprechpartner hier sind die Sozialpädagogen Andrea Böhrer und Frank Spengler. Der vierjährige Sven ist körperlich und geistig schwer behindert. Seine Mutter zog mit ihm im Frühjahr von Hessen nach Fürth. Bis zum Umzug lagen nach Angaben der Staatsanwaltschaft keinerlei Hinweise auf eine Vernachlässigung des Kindes vor.

Lebenshilfe Fürth, Tel. (0911) 729022; KoKi Fürth, Tel. (0911) 9741985; Koki Landkreis, Tel. (0911) 97731277