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Erinnerungen an den Schabbesgoy

Spurensuche: Nicht-jüdische Nachbarn halfen Juden über Feiertage hinweg - 14.09.2011 13:00 Uhr

Christen und Juden lebten in Fürth lange in Harmonie miteinander. Das Bild zeigt den Schulhof (heute Geleitsgasse) mit der alten Synagoge (rechts) und dem Turm von St. Michael im Hintergund. © Stadtarchiv


„In den Zehn Geboten steht, dass nicht nur die Familie am siebten Tage ruhen muss, sondern auch alle Dienstboten, selbst der Ochse und der Esel sind damit gemeint. Wir hatten keinen Ochsen oder Esel in Fürth und auch keine Dienstboten. Trotzdem musste das Mittagessen gekocht, das Gaslicht angezündet werden: All das war ,Arbeit‘ gemäß der Definition des Wortes, wie es fromme Leute wie mein Großvater verstanden. Aus diesem Grund hatten wir gleich den anderen Familien eine christliche Nachbarin, die, ohne dass man es ihr sagte — denn dann wäre es ,Arbeit‘ gewesen —, in die Wohnung kam, um das Gaslicht zu löschen und andere kleine Tätigkeiten zu verrichten. Diese Nachbarn nannte man ,Schabbesgoy‘. Ein ,Goy‘ war ein Nichtjude, und der oder eben meistens die ,Schabbesgoyin’ kam theoretisch nur aus Freundschaft. Zahlen konnte man nur indirekt, durch Geschenke, darunter natürlich auch Geldgeschenke (...) Die ,Schabbesgoyin‘ ging auch zum Bäcker, um das Essen abzuholen: Dieses war von meiner Großmutter und ihren Töchtern (...) am Freitag gekocht und dann zum Bäcker getragen worden, um es warm zu halten bis zum Schabbat-Mittag.“

In ihren Erinnerungen „Wege im harten Gras“ erzählt die in Fürth bei ihrem Großvater in der Theaterstraße aufgewachsene Schriftstellerin Ruth Weiß (geboren 1924) von einem konfliktfreien Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden, wie es in den 20er Jahren normal war. Man lebte, besonders in der Altstadt rund um die Synagoge, auf engem Raum zusammen, man half einander. Der Schabbesgoy, kein Beruf, eher eine Berufung, gehörte ganz einfach dazu. Ruth Weiß aber fährt fort: „Der Bruch mit den Nachbarn ist gekommen. Irgendwann hat die Schabbesgoyin gesagt: ,Ich mache das nicht mehr, das ist zu gefährlich für mich.‘ Und das war bestimmt kurz nach den Nürnberger Gesetzen. Sie war nicht angestellt bei uns, aber es war dasselbe: dass eine Christin nicht mehr ein jüdisches Haus betreten durfte.“

Nicht mehr nötig

Mit dem Verschwinden der Juden aus der Stadt kam auch das Aus für den Schabbesgoy. Wer sich heute auf die Suche nach ihm begibt, wird enttäuscht. Man braucht ihn tatsächlich nicht mehr, denn technische Erfindungen haben ihm seine Arbeit mittlerweile größtenteils abgenommen. Aber der Reihe nach.

David Geballe ist Rabbiner in der Israelitischen Kultusgemeinde in Fürth, die mit heute über 300 Mitgliedern wieder eine funktionierende religiöse Gemeinschaft ist. Um die „Funktion“ des Schabbesgoy zu erklären, sagt Geballe, müsse man zunächst einmal die Situation begreifen, die ihn überhaupt notwendig macht.

„Es gibt die 39 kreativen Arbeiten, die am Schabatt verboten sind, und die haben auch noch Unterverbote. Verwirrender wird es noch, weil die Rabbiner den in der Thora festge-schriebenen Verboten weitere hinzugefügt haben. Zum Beispiel ist es von der Thora her erlaubt, einen Nichtjuden direkt zu bitten: Mach diese und diese verbotene Aktivität am Schabatt für mich. Den Rabbinern gefiel das nicht, weil sich herausstellte, dass durch die Delegierung von Arbeiten der Schabatt zu einem ganz normalen Wochentag zu werden drohte. Nur dass man halt einen Nichtjuden hatte, der das alles für einen gemacht hat. Es gibt aber in bestimmten Situationen Ausnahmen, wo es erlaubt ist, durch einen Nichtjuden Dinge verrichten zu lassen.“

Blickt man zurück in die Zeit vor 1933, dann stellte sich die Sache in Fürth keineswegs einheitlich dar. Diejenigen Juden, die „Betuchteren“, die etwa in der Hornschuchpromenade oder der Königswarterstraße wohnten, die assimiliert waren und die strengen Gesetze kaum beachteten, waren in jeder Hinsicht fein raus: sie hatten Hausangestellte, und wenn es ihnen doch wichtig war, zumindest am Schabatt ein wenig nach der Regel zu leben, dann hatten sie ihre dienstbaren Geister, die ungefragt und ohne Befehle die entsprechenden Tätigkeiten übernahmen.

Tolerierte Auswege

Anders beim Großteil der Fürther Juden in der Altstadt zwischen Synagoge und Friedhof, am Gänsberg und in den Häusern rund um Theater-, Blumen- und Rosenstraße. Waren sie streng orthodox, so stellte sich ihnen die Frage, wer für sie eine Arbeit übernehmen könnte, sowieso nicht. Die anderen aber, die ihren Glauben so recht und schlecht lebten, fanden die tolerierten Auswege meist im selben Wohnhaus. Christliche Nachbarn gab es überall.

„Mit der Zeit hat sich das alles reibungslos eingespielt“, sagt Gisela Naomi Blume, die ehemalige Vorsitzende der Fürther Gemeinde. Zwischen Freitagabend und dem Dunkel-werden am darauffolgenden Schabatt gingen die Christen ihren jüdischen Nachbarn ganz selbstverständlich und mit der Zeit eben auch „ungebeten“ zur Hand: sie zündeten die Lampen an oder löschten sie, sie legten Holz nach im Ofen oder wärmten das Essen auf, das von der jüdischen Hausfrau am Freitag gekocht worden war und beim Bäcker aufbewahrt wurde.

So langsam wie das jüdische Leben nach 1945 in der Stadt wieder erwachte, so wenig kehrte die Normalität, zu der nun mal der Schabbesgoy gehörte, wieder zurück. Heute machen den Großteil der Gemeinde Bürger aus der ehemaligen Sowjetunion aus, die direkte Nachbarschaft von christlichen und jüdischen alteingesessenen Fürthern gehört der Vergangenheit an.

Die Fürtherin Gisela Naomi Blume hat keinen Schabbesgoy. Und sie erklärt auch gleich, warum das heute selbst für einen gläubigen Juden gar nicht mehr so schlimm ist: „Seitdem es diese Zeitschaltuhren gibt, können die Lampen auch am Schabatt ohne mein Zutun zur richtigen Zeit an- oder ausgehen.“ Und der Schabbesgoy? Es gebe ihn schon noch hier und da, meint Rabbiner Geballe und legt Wert darauf festzustellen, dass der Begriff keineswegs abwertend gemeint ist. Aber er ist rar geworden, vor allem aber nicht mehr so selbstverständlich und notwendig wie in alten Zeiten. Und vielleicht läuft er einem bald nurmehr in Romanen über den Weg. Wie etwa in Benjamin Steins „Die Leinwand“, in dem der christliche Nachbar am Samstag eine gelieferte Waschmaschine in Empfang nehmen soll, weil der Jude die Tür nicht öffnet, wenn es klingelt: „Dass ich hier in Deutschland noch einmal als Schabbesgoy nützlich sein kann, hätte ich mir nie träumen lassen.“

 

Bernd Noack

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