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Foerstermühle: Die Zärtlichkeit der Kettensäge

Garantiert nicht hölzern: Bildhauer Clemens Heinl stellt in Fürth aus - 29.06.2019 17:30 Uhr

Die Mensch-Plastiken aus den Händen von Clemens Heinl — 1994 nahm er den NN-Kunstpreis entgegen — geben dem Betrachter das Gefühl, eine archaische Kunst zu betrachten.


"Human Playground" nennt sich die Schau, die am heutigen Samstag eröffnet und bis Ende August zu sehen ist. Ein wunderbarer Spielplatz humaner Vorstellungskraft tut sich hier auf.

Seine Mensch-Plastiken aus Holz übernehmen die Aufgabe, für einen ersten Eindruck zu sorgen. Sie erledigen das mit einer Nonchalance, wie sie nur denen gelingt, die vollkommen in sich ruhen. Es sind Abbilder, Spiegel von Männern und Frauen, die draußen in der realen Welt existieren. "Phantasiefiguren bleiben hölzern", sagt ihr Schöpfer.

Sorgfältige Vorarbeit geht jedem Werk voraus. Skizzen, Zeichnungen stehen am Anfang. Wie das ausschaut, ist in der Ausstellung am Beispiel von Ideen zum Zeitenüberbrücker Albrecht Dürer zu sehen. Wenn das Holz gewählt ist, kommt die Zeit der Kettensäge. Ein zärtliches Instrument, wenn es in den Händen von Heinl liegt. Es ist, als befreie der 60-jährige NN-Kunstpreisträger einen Kern, der verborgen im Stamm nur darauf gewartet hat, ans Licht und zu seiner neuen Berufung zu kommen.

Die Wunden und Verletzungen des Holzes, Käferangriffe oder Spechtattacken aus den Jahren im Wald fügen sich mit einem Mal zu unentbehrlichen Gesichtspunkten seiner Skulpturen. Das stets mitschwingende Gefühl, eine archaische Kunst zu betrachten, verstärkt sich noch, wenn der Schwabacher Köpfe, Arme, Hände aus Bronze formt und den Holzkörpern beifügt. So haben einst schon die Römer gearbeitet, doch bei Heinl kommt keinen Augenblick lang museale Distanz ins Spiel. Sie sind im Hier und Jetzt, diese Typen, und scheuen sich nicht, mit ihren Betrachtern in Kontakt zu treten. Was sie zu sagen haben, teilt sich ganz unmittelbar mit und bedarf keiner Worte.

„Phantasiefiguren bleiben hölzern“, sagt Clemens Heinl. © Foto: Hans-Joachim Winckler


Was übrig bleibt, Holzabschnitte vom ersten Freilegen der späteren Figur, enthüllt seine Geschichte, wenn Heinl zur Farbe greift. Sägespuren beginnen von Wintertagen zu berichten, von Bergwelten und Vulkangipfeln.

Sensibel folgt der Künstler den Spuren, trägt transparente Töne auf und bleibt dabei eng bei dem, was sich zeigt. Kein Forcieren taugt bei diesem beinahe meditativ erscheinenden Tasten nach Ausdruck im Holz. Kein Automatismus liegt in diesem Vorgehen. "Wenn ich zu viel mache, entwickelt sich nichts", kommentiert Heinl lakonisch.

Bock mit Torte

Im Galerie-Garten lassen sich derweil auch tierische Vertreter entdecken, die aus dem Stamm hervorkamen. Schweine, zum Beispiel. So offensichtlich zufrieden, dass ihr Glück ansteckend ist. Der Bock, der seine Gelüste auf einen gedeckten Kaffeetisch mit feiner (Holz-)Torte gerichtet hat, ist noch nicht am Ziel seiner Hoffnungen.

Überraschend, weil unerwartet sind Heinls Arbeiten aus einem Material, das sich als Opposition zum Holz ausnimmt – Polyethylen. Ein Sack voll mit Granulat des thermoplastischen Kunststoffs brachte ihn zu völlig neuen Figuren. Nachdem er sich aus einem alten Fass einen Ofen gebaut hatte, entstanden Hennen, Flamingos in Ruhestellung, eine Ziege mit Fell, so plastisch, als sei es wollig und weich.

Der Holz-Mann lässt sich durch die neonbesprühte Nachbarschaft überhaupt nicht aus dem Konzept bringen. Er weiß, wer er ist. Und das allein spricht doch schon deutlich genug von der Kunst des Clemens Heinl

"Human Playground": Eröffnung Samstag, 19 Uhr, Galerie in der Foerstermühle (Würzburger Straße 3). Einführung: Harald Tesan, Musik: The Lucky Rulers (alias Achim Goettert, Keili Keilhofer, Klaus Mages). Montags bis donnerstags 9-17 Uhr, freitags 9-12 Uhr. Bis 23. August.

Sabine Rempe

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