Fürther Jugend im Ausnahmezustand

22.10.2018, 21:00 Uhr
Der Erzähler und der Autor vor der Silhouette der alten Oberrealschule: Ex-Stadtheimatpfleger Alexander Mayer hat die Eindrücke von Wilhelm Peetz (links) in einem lesenswerten Buch verarbeitet.

Der Erzähler und der Autor vor der Silhouette der alten Oberrealschule: Ex-Stadtheimatpfleger Alexander Mayer hat die Eindrücke von Wilhelm Peetz (links) in einem lesenswerten Buch verarbeitet. © Foto: Thomas Scherer

Einen besseren Gewährsmann hätte der Autor kaum finden können. Als einer aus dem Volk hat der 1934 geborene Wilhelm Peetz hautnah miterlebt, was die Bürger bewegte. Und als einer der dienstältesten Fürther Stadträte (1972 – 2003) verfügt der Sozialdemokrat zugleich über genug politische Erfahrung, um die Entwicklung reflektieren zu können. Das schelmische Augenzwinkern, mit dem sich Wilhelm Peetz durch die schwere Zeit geschlagen hat, prägt auch den Rückblick.

Bei der Buchvorstellung in der Gaststätte Herr & Kaiser erzählt der Installateur im Ruhestand freimütig, wie er zur Vereidigung als Stadtrat erstmals den Rathaussaal betreten hat und auf der Referentenbank seinen ehemaligen Fähnleinführer aus der Hitlerjugend erkannte. Natürlich sprach ihn Peetz umgehend darauf an.

Zu den Jugendsünden des gestandenen Sozialdemokraten zählt das weitgehend autobiographische Buch dessen kurzzeitigen CSU-Eintritt in den 1950er Jahren. Zusammen mit 20 Jugendlichen der evangelischen Kirchengemeinde St. Paul verhalf Peetz so einem CSU-Gemeindemitglied zur Nominierung bei der Kommunalwahl. Die Partei wollte einen Katholiken ins Rennen schicken. Doch der konnte dann überstimmt werden.

Lehrer, die in den Kriegsjahren nichts Besseres im Sinn hatten, als Kindern das Zerlegen eines Wehrmachtskarabiners beizubringen, die Arbeit der Mutter im Heeresbekleidungsamt auf dem heutigen Areal des Phönix-Centers, die sinnlosen Brückensprengungen der Wehrmacht vor dem Einzug der Amerikaner, die Plünderungen samt grausamen Hausschlachtungen bei Kriegsende und die schwierige Rückkehr zur Normalität: All das setzt sich zu einem großen Bildnis der Zeit zusammen.

"Klar wussten wir Bescheid über die Konzentrationslager", berichtet Peetz. Die Ausmaße des Holocausts seien jedoch nicht allgemein bekannt gewesen. Im Buch findet sich die Aufnahme zweier Passanten mit Judenstern in der Schwabacher Straße. Eine Seltenheit, wie Autor Alexander Mayer erläutert. Die meisten Juden seien vor der Kennzeichnungspflicht deportiert worden. Mit einer Chronikleiste werden die persönlichen Erinnerungen untermauert. Daneben hat Mayer Aspekte wie die Deportationen mit Extrabeiträgen herausgehoben.

Fünf mehrstündige Interviews hat der Autor im vergangenen Jahr mit Wilhelm Peetz in der Gaststätte Herr & Kaiser, gleich neben der Wohnung des Berichterstatters, geführt, um das Material für sein neues Buch zu sammeln. Weil es jedoch nur zu 90 Prozent reichte, musste er weitere Fürther Zeitzeugen befragen, wie etwa Günther Rückel.

Das Buch knüpft nahtlos an einen 2009 erschienenen Vorgängerband an, mit dem der 1960 geborene Mayer am eigenen Beispiel die Fürther Jugend in den 60er und 70er Jahren schildert. Heuer hat der Historiker im Erfurter Sutton-Verlag bereits einen Bildband mit dem Titel "Fürth Gestern & Heute" herausgebracht. Darin erläutert er mit kritischem Unterton die Stadtentwicklung in 55 Gegenüberstellungen aktueller und historischer Aufnahmen.

Aufgewachsen in Fürth in den 40er und 50er Jahren, Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen, 64 Seiten mit zahlreichen historischen Fotos, 13,90 Euro.

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