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Fürther Klinikum will Kinder fortan besser schützen

Spezielles Team greift bei Verdacht auf Misshandlungen ein - 02.02.2018 06:00 Uhr

Wenn ein Kind misshandelt oder vernachlässigt wird - wie auf dem Foto symbolhaft dargestellt - ist es wichtig, dass etwa Ärzte oder Pfleger Anzeichen dafür richtig deuten und schnell handeln. © colourbox.com


Auch am Fürther Klinikum gibt es im Jahr rund 40 Kinder und Heranwachsende, bei denen ein solcher Verdacht besteht. Ihnen hilft die Kinderschutzgruppe. Kommt der Knochenbruch wirklich vom Sturz von der Schaukel oder hat dem Kleinkind womöglich jemand Gewalt angetan? Immer wieder müssen Ärzte auch am Fürther Klinikum einen prüfenden Blick auf solche Fälle werfen, um zum Wohl des Kindes eingreifen zu können. Seit zehn Jahren arbeitet dafür in Fürth die so genannte Kinderschutzgruppe. Kürzlich wurde sie nun - rascher als ähnliche Initiativen in anderen Krankenhäusern - in die Liste der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM) aufgenommen. Sie setzt sich dafür ein, dass Gewalt und Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen mit Hilfe von Kinderärzten, Psychologen, Sozialpädagogen und Sozialarbeitern schneller erkannt und verhindert wird.

Am Fürther Klinikum arbeitet dazu ein 16-köpfiges Team aus Ärzten, Pflegern, Psychologen und Sozialpädagogen zusammen, um Verdachtsmomente rasch zu klären und die Betroffenen zu schützen. Mindestens alle zwei Monate treffen sich die Mitglieder, in akuten Fällen auch sofort. Der erste Schritt ist dann, dass die Kinder für weitere Untersuchungen zunächst stationär aufgenommen werden.

Erforderliche Weiterbildung

Eine wichtige Aufgabe kommt auch dem Pflegepersonal zu. "Es hat ein Auge darauf, wie die Eltern mit dem Kind umgehen, und dokumentiert seine Beobachtungen", erklärt Dr. Florian Trini, Arzt in Weiterbildung in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie. Trini hat - ebenso wie seine Mitstreiterin Dr. Birte Schmitt - im vergangenen Mai eine Weiterbildung absolviert, um die Zertifizierung durch die DGKiM zu erhalten. Trini sieht darin eine Bestätigung für seine Arbeit und die seiner Kollegen: "Wenn wir ein ,Weiter so‘ von der DGKiM bekommen, wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind."

Ganz wichtig ist es dem Team, dass an erster Stelle das Kindeswohl steht und nicht die Frage nach dem Täter. Je nach Fall gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, zu reagieren. Oft genügt ein Gespräch mit dem niedergelassen Kinder- und Jugendarzt, der seinen Eindruck vom Kind und seiner Familie schildert. Dazu müssen die Eltern allerdings den Kinderarzt von seiner Schweigepflicht entbinden. "In 90 Prozent der Fälle willigen die Eltern aber ein", sagt Trini.

Frühzeitig handeln

Erhärtet sich ein Verdacht, wird - möglichst auch mit Zustimmung der Erziehungsberechtigten - Kontakt zum Jugendamt aufgenommen, in seltenen Fällen muss die Polizei hinzugezogen werden. Erklärtes Ziel der Kinderschutzgruppe ist es jedoch, möglichst nicht erst zu handeln, wenn bereits etwas passiert ist, sondern frühzeitig Hilfsangebote zu vermitteln. Daher wird immer zunächst das Gespräch mit der Familie gesucht, um zu klären, welche Art von Unterstützung für sie sinnvoll sein könnte. Um mögliche Misshandlungen rasch aufzudecken, sind alle Mitarbeiter des Klinikums dazu aufgerufen, ein wachsames Auge auf ihre kleinen Patienten haben.

Im Zweifel können sie sich jederzeit an das Team der Kinderschutzgruppe wenden, wenn sie den Eindruck haben, dass Eltern mit der Erziehung oder Versorgung ihres Kindes überfordert sind. Je nach Schwere des Falls, wird ein spezieller Ablauf in Gang gesetzt, der von der Meldung eines Verdachts bis hin zu einer etwaigen Verhandlung vor Gericht reicht.

Rückmeldungen sind erwünscht

Für die Zukunft würde sich Trini wünschen, dass er und seine Kollegen nach der Meldung eines Verdachtsfalles erfahren, wie es weitergegangen ist und wie es seinen ehemaligen Patienten geht. Aus Datenschutzgründen dürfen solche Informationen bislang nicht weitergeleitet werden. Dabei wäre es für Trinis Arbeit wichtig, eine Rückmeldung zu bekommen. Ein Gesetz, das solche Fälle regeln soll, hat der Bundesrat mehrfach vertagt. Außerdem würde er es begrüßen, wenn die Gruppe für ihr Engagement eine gewisse Vergütung bekommen würde - bislang ist sie ehrenamtlich tätig. Es zeichnet sich aber ab, dass die Krankenkassen die Arbeit gegen Kindesmissbrauch künftig honorieren könnten.

Gwendolyn Kuhn

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