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Fürther Nazi-Archivar: Schwammbergerstraße wird umbenannt

Stadtrat entscheidet am Donnerstag - Vorschlag: "Bella-Rosenkranz-Straße" - 22.11.2017 12:00 Uhr

Die Schwammbergerstraße verbindet Mohren- und Königstraße.


Die Schwammbergerstraße ist eigentlich nur ein Gässchen, ein Durchgang von der Mohren- hin zur Königstraße. Dass sie trotzdem zum Politikum geworden ist, liegt an dem Mann, dessen Namen sie trägt: Adolf Schwammberger, nach dem Krieg über viele Jahre Leiter des Fürther Stadtarchivs, hochdekoriert mit der Goldenen Bürgermedaille und dem Bundesverdienstkreuz. Er galt als liebenswürdig, charmant und geistreich.

Dennoch wird die Schwammbergerstraße nicht mehr lange Schwammbergerstraße heißen, am Donnerstag stimmt der Stadtrat darüber ab. Die Gründe dafür liegen in der NS-Zeit. Wie ausführlich berichtet, hat der Fürther Hobbyhistoriker und Grünen-Stadtrat Kamran Salimi in der polnischen Stadt Torún Akten ausgewertet, die Schwammbergers hässliche Seite zeigen: Er war ein antisemitischer Hetzer und treuer Diener des Nazi-Regimes.

Salimis Vortrag im Stadtmuseum brachte den Stein ins Rollen, eine Sonderseite in den Fürther Nachrichten tat ihr Übriges. Das Rathaus reagierte prompt: Am Tag nach der Veröffentlichung in den FN teilte die Stadtspitze mit, der Ältestenrat werde sich mit einer Umbenennung beschäftigen. Außerdem erhielt Stadtarchivleiter Martin Schramm den Auftrag, Salimis Forschungsergebnisse zu prüfen.

Schramm kommt zu dem Schluss: Was Salimi ausgegraben hat, lässt keine Zweifel zu. Schwammberger half von 1939 bis 1944 in der besetzten Stadt Torún (deutsch: Thorn) eine Verwaltung aufzubauen. Er übernahm das Kulturreferat und arbeitete eng mit dem ebenfalls aus Fürth stammenden Bürgermeister Franz Jakob zusammen.

In diesem Dokument aus dem Archiv in Torún nannte Schwammberger handschriftlich seine Spezialgebiete als Redner, unter anderem: „Judenfrage“.


Wie schon Salimi sagt nun Schramm: Schwammberger muss von den Deportationen und Erschießungen polnischer Juden in dieser Zeit in Thorn zumindest gewusst haben. Zudem hielt er üble antisemitische Hetzreden und war in Enteignungen von Polen und Juden verwickelt.

"Aufwendige Recherche"

Trotzdem wurde Schwammberger im Entnazifizierungsverfahren 1949 als "entlastet" eingestuft. Allerdings: Schramm zufolge gehörten die Entlastungszeugen selbst dem NS-System an oder konnten zum Teil überhaupt keine Aussage über die maßgebliche Zeit in Thorn treffen. Das Resümee des Stadtarchivars: "Mit dem heutigen Wissen und unserem heutigen Blick auf die Welt kann es nicht vereinbar sein, dass in Fürth eine Straße nach diesem Mann benannt ist."

Der Ältestenrat der Stadt folgte in seiner Novembersitzung Schramms Stellungnahme. "Es herrschte Einigkeit", sagt Rathauschef Thomas Jung, der Salimi ausdrücklich für dessen "aufwendige Recherche" dankt.

Am Donnerstag wird der Stadtrat grünes Licht für die Umbenennung geben, ein Vorschlag für den neuen Namen liegt bereits vor: Das Gässchen soll "Bella-Rosenkranz-Straße" heißen. Rosenkranz war eine Fürther Jüdin, die im April dieses Jahres im Alter von 95 Jahren gestorben ist.

Die neue Namensgeberin: Wer war Bella Rosenkranz?

Und was sagt Kamran Salimi? "Mein Anliegen war es, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen", betont der 48-Jährige. "Ich habe nicht zwei Jahre recherchiert, damit eine Straße umbenannt wird." Dass dies nun aber das Nebenprodukt seiner Arbeit ist, freue ihn durchaus.

Allerdings, so Salimi, könne Schwammberger nur ein Anfang sein: "Es gab unzählige Menschen, die nach dem Krieg gut im Leben gelandet sind und es geschafft haben, ihre Nazi-Vergangenheit zu tilgen." Auch in Fürth gebe es noch einige "dicke Bretter zu bohren". Stellvertretend nennt er einen Namen: Gustav Schickedanz. Zum Quelle-Gründer gibt es ihm zufolge noch 30.000 Aktenseiten aus der NS-Zeit im Staatsarchiv in Nürnberg.

Johannes Alles

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