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Fürths früherer Archivar entpuppt sich als Nazi

Recherche in Polen bringt überraschende Erkenntnisse über Adolf Schwammberger - 14.09.2017 17:05 Uhr

Adolf Schwammberger (Mitte links) im Gespräch mit Generalgouverneur Hans Frank, dem berüchtigten „Schlächter von Polen“.


Schwammberger leitete von 1957 bis 1970 Fürths Archiv und Bücherei, betreute außerdem die Freilichtbühne im Stadtpark. Sein Buch "Fürth von A bis Z" ist das erste Standardwerk zur Stadtgeschichte. Bevor er 1975 starb, erhielt er die Goldene Bürgermedaille und das Bundesverdienstkreuz. "Ich glaube, dass jetzt viele aus allen Wolken fallen werden", sagt daher die Historikerin Barbara Ohm.

Verantwortlich dafür sind die Erkenntnisse, die Kamran Salimi, Fürther Grünen-Stadtrat und Hobby-Historiker, bei seiner Recherche im Staatsarchiv im polnischen Torún (deutsch: Thorn) gewonnen hat. Dorthin war Schwammberger Ende Oktober 1939 dem Fürther Oberbürgermeister Franz Jakob gefolgt, der in der besetzten Stadt eine deutsche Verwaltung installieren sollte.

Schwammberger fungierte als Kulturreferent, aber auch als Stellvertreter des rücksichtslosen Jakobs, der – wie zuvor in Fürth – im großen Stil polnisches und jüdisches Eigentum beschlagnahmte bzw. arisierte. Als Jakob über sexuelle Eskapaden stolperte, vertrat Schwammberger das Stadtoberhaupt immer öfter – auch nach außen. Laut Salimi stieg er zum Schulungsredner im Gau Danzig auf, wurde immer wieder für Vorträge gebucht.

Auf die Frage nach seinen Spezialgebieten gab er handschriftlich an: "Geschichte, kulturelle Fragen, Judenfrage". Sein Manuskript "Der totale Krieg – der Kampf gegen das Judentum" beinhaltet unverhohlene antisemitische Hetze: "Das Judentum wünscht keine gesunden Völker. Es bekämpft nicht nur ein gesundes, deutsches Volk, sondern wünscht alle Völker in seelischer und blutlicher Zersetzung."

Wird die Straße umbenannt?

Die Überraschung in Fürth rührt nicht zuletzt daher, dass Schwammberger im Rahmen der Entnazifizierung als "entlastet" galt. Über seine Zeit in Thorn war kaum etwas bekannt. Nun werden Stimmen laut, die eine Umbenennung der Schwammbergerstraße in Fürth fordern. Die kleine Gasse verbindet König- und Mohrenstraße.

Ein kleines Gässchen, das von der Königstraße abzweigt, ist nach Adolf Schwammberger benannt. Das könnte sich ändern. © Hans-Joachim Winckler


Nach einem Bericht in der Printausgabe der FN am Donnerstag hat die Stadt Fürth angekündigt, dass sich der Ältestenrat mit dem Thema beschäftigen werde. Oberbürgermeister Thomas Jung sei sehr dankbar für die Recherche. Man habe Stadtarchivar Martin Schramm damit beauftragt, einen Vorschlag zum weiteren Vorgehen zu unterbreiten. Zu klären sei auch, ob zusätzlich einschlägige historische Institute mit einer Prüfung der Sachlage beauftragt werden sollen oder ob die vorliegenden Erkenntnisse für eine abschließende Stadtratsentscheidung ausreichen.

Schockierter Stadtarchivar, überraschte Historikerin

Schramm hatte sich gegenüber den FN fassungslos gezeigt: "Mir war schon zuvor klar, dass seine Beziehungen zum NS-System enger waren, als man etwa in seinen Nachrufen lesen durfte. Trotzdem bin ich absolut schockiert von den Ergebnissen", sagte er. "Auch wenn er persönlich kein Blut an den Händen haben sollte: Stellvertreter in einer Stadt wie Thorn wirst du nicht, wenn du nicht voll und ganz hinter dem System stehst. Als Kulturreferent für das NS-System gearbeitet zu haben ist schlimm genug, aber auch noch menschenverachtende und bezahlte Vorträge zum Thema ,Judenfrage‘ zu halten, lässt keinen Interpretationsspielraum zur Gesinnung und persönlichen Verwicklung mehr. Es ist aus heutiger Sicht unbegreiflich, wie dieser Mann nach dem Krieg als ,entlastet‘ eingestuft werden konnte."

Die Fürther Historikerin Barbara Ohm fordert ein Ende der "Schwammberger-Verehrung": "Als ich mich vor Jahren mit Schwammbergers NS-Zeit beschäftigt habe, allerdings auf Basis der dünnen Fürther Quellen, zeichnete sich ab, dass er ins System verstrickt war. Das nun doch sehr große Ausmaß überrascht mich", sagte sie den FN. Schwammberger habe in Fürth als liebenswürdiger, charmanter und geistreicher Mann gegolten. Er sei nach dem Krieg "ein Meister des Verschleierns" gewesen.

Sie hätte gerne noch Antworten, ob er in Thorn aktiv anderen geschadet habe, vielleicht sogar den Tod von Menschen herbeigeführt habe. Schwammberger, so Ohm, habe sich nicht wie so viele angepasst, um in dieser Diktatur zu überleben, sondern offenbar aus voller Überzeugung gehandelt.

 

 

 

Johannes Alles Fürther Nachrichten E-Mail

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