Grenfell Tower: Fürths Feuerwehrchef über Brandschutz

17.6.2017, 10:00 Uhr
Gegen die Feuersbrunst im Grenfell Tower sollen 200 Feuerwehrleute gekämpft haben. Eine Chance, jeden der mehreren Hundert Bewohner lebend herauszubringen, sagt Fürths Feuerwehrchef Christian Gußner, hatten seine Londoner Kollegen nie.

Gegen die Feuersbrunst im Grenfell Tower sollen 200 Feuerwehrleute gekämpft haben. Eine Chance, jeden der mehreren Hundert Bewohner lebend herauszubringen, sagt Fürths Feuerwehrchef Christian Gußner, hatten seine Londoner Kollegen nie. © Foto: AFP

Herr Gußner, was treibt Sie um, wenn Sie die Bilder aus London sehen?

Gußner: Es ist ein Horrorszenario, ich fühle mich betroffen. Wissen Sie, bei der Feuerwehr hat man einen unwahrscheinlichen Respekt vor der Einsatzart Hochhausbrand. Es geht da gleich um sehr viele Menschen und man weiß, man kommt an die Leute nicht ohne weiteres ran. Wenn es beispielsweise im 18. Stock brennt, dann müssen Sie ja erst einmal die ganze Ausrüstung weit hinaufschaffen. Und Hubschrauber können Sie in einem Fall wie diesem nicht brauchen.

Warum eigentlich nicht?

Gußner: Die könnten sich schon wegen der aufsteigenden heißen Brandgase über dem Gebäude nicht von oben nähern und seitlich kämen sie auch nicht ran. Hubschrauber-Einsätze bei Hochhaus-Bränden gibt es nur in Actionfilmen. Als ich die ersten Bilder gesehen habe, war mir sofort klar, dass die Kollegen in London keine Chance haben, zu tun, was wir Feuerwehrleute immer wollen, nämlich jeden einzelnen lebend rausholen. Dieser Brand hat sich außerdem nachts entwickelt, zu einer Zeit also, wo man davon ausgeht, dass die Bewohner daheim sind.

Noch dazu im Bett. . .

Gußner: Ja. Gefährlicher als das Feuer ist ja zunächst der Brandrauch. Wenn Sie schlafen, können wenige Atemzüge ausreichen, um bewusstlos zu werden. Sie sind dann angewiesen auf die Rettung durch Dritte. Ganz ehrlich, vom brennenden World Trade Center am 11. September 2001 abgesehen ist das der schlimmste Brand eines Wohngebäudes, den ich je gesehen habe.

Am Grenfell Tower soll der Brandschutz zu wünschen übrig gelassen haben. Deutschland, heißt es, habe den europaweit besten Brandschutz. Kein Grund also zur Beunruhigung?

„Ich fühle mich betroffen“: Feuerwehrchef Christian Gußner.

„Ich fühle mich betroffen“: Feuerwehrchef Christian Gußner. © Foto: Winckler

Gußner: Tatsächlich dürfte es so was wie in London bei uns nicht geben. Nach hiesigem Baurecht gilt ein Gebäude als Hochhaus, wenn es ab Oberkante Fußbodenhöhe 22 Meter misst. Es hat dann mindestens sieben oder acht Stockwerke. Eine Dämmung einfach hinzukleben und davor eine Alufassade, wie es beim Grenfell Tower mutmaßlich gemacht wurde, was auch die rasche Brandausbreitung erklären würde, ginge aber gar nicht. Nach der so genannten Musterhochhausrichtlinie muss die Fassade eines Gebäudes, das wie etwa das Fürther Bahnhofcenter höher ist als 22 Meter, mit nicht brennbarem Dämm-Material isoliert werden. Auch muss das Haus eine Brandmeldeanlage mit automatischen Brandmeldern haben. Gebäude, die über 60 Meter hoch sind, brauchen zusätzlich eine Sprinkleranlage.

Was ist mit Mehrparteienhäusern, die die 22 Meter nicht erreichen?

Gußner: Da sind die Anforderungen niedriger. Bei 21,99 Metern ist eine schwer entflammbare Isolierung der Außenfassade erlaubt. Allerdings ist hierzulande dann noch der Einbau horizontaler nicht brennbarer Riegel Vorschrift. Ich habe aber selbst schon in Fürth erlebt, dass die Fassade eines mehrstöckigen Gebäudes in Flammen stand, nachdem ein vor dem Haus abgestellter Pkw in Brand geraten war.

Welche Nachricht beunruhigt Sie demnach eigentlich mehr? Die vom brennenden Hochhaus? Oder die vom Brand eines Mehrparteienhauses?

Gußner: Der Hochhausbrand ist grundsätzlich schwieriger. Aber in puncto Fassade kann ein mehrstöckiges Gebäude für die Feuerwehr der schlimmere Gegner sein.

Im Hochhaus, sagen Fachleute, sei die Eigenrettung der Bewohner gewährleistet. Was heißt das?

Gußner: Das heißt, dass sich die Leute theoretisch selbst retten können. Ich frage mich, wie viele Treppenhäuser der Grenfell Tower hatte. Bei uns sind zwei von einander unabhängige Treppenräume Vorschrift bzw. ein Sicherheitstreppenraum mit Schleusen zu den Wohngeschossen hin. Die Feuerwehr hilft hier nur mit, dass die Menschen bei Feuer rauskommen.

Einen zweiten Rettungsweg braucht aber jedes Haus, oder?

Gußner: Ja, bei kleineren Häusern ist das in der Regel das anleiterbare Fenster, wie wir sagen. Bis zu 22 Metern Haushöhe kann es dann die Drehleiter sein, mit der wir rankommen.

Wenn Sie rankommen und nicht, wie neulich wieder in der Fürther Innenstadt, durch falsch parkende Autos behindert werden.

Gußner: Ja, das ist in den engen Straßen unserer Innen- und Altstadt das eine Problem. Ein anderes ganz, ganz großes Problem ist, dass Feuerwehrzufahrten zwar bauaufsichtlich genehmigt und entsprechend beschildert, dann aber nicht freigehalten werden. Feuerwehrzufahrten müssen außerhalb von Kurven mindestens 3,50 Meter breit sein. Aber oft sind sie viel enger, weil dort irgendwann mal Büsche oder Hecken gepflanzt wurden, die sich dann im Lauf der Jahre ausbreiten. Erst letzte Woche standen wir wieder vor einer Zufahrt, wo die Zufahrtsmarkierungen von Buschwerk überwuchert waren.

 

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