Montag, 23.11.2020

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Hochwasserschutz an der Farrnbach: "Es muss ja keine Mauer sein"

Wasserwirtschaftsamt soll "ergebnisoffen" planen - 25.10.2020 10:00 Uhr

Sehr wenig Platz hat die Farrnbach im Bereich der Regelsbacher Brücke, hier der Blick in Richtung Hinteres Dorf.

22.10.2020 © Foto: Birgit Heidingsfelder


Weil es landesweit immer öfter zu verheerenden Überschwemmungen kommt, wird eine Vorsorge an Flussläufen wichtiger. Das betrifft auch die Farrnbach, die von ihrer Quelle bei Wilhermsdorf-Kreben über Keidenzell und Hiltmannsdorf nach Burgfarrnbach fließt. Dort unterquert sie den Main-Donau-Kanal, ehe sie Unterfarrnbach hinter sich lässt und in die Regnitz mündet. Auf diesen mehr als 23 Kilometern steht Burgfarrnbach im Fokus, wo das Hintere Dorf nah am Wasser liegt.

Hochwasserschutz der Priorität zwei

Die viel diskutierte und noch nicht umgesetzte Hochwasserschutzmaßnahme hier hat nach einem standardisierten Einstufungsverfahren die Prioritätenklasse zwei (von fünf). Es besteht demnach dringender Handlungsbedarf.

Ein früherer Vorschlag des zuständigen staatlichen Wasserwirtschaftsamts Nürnberg, der in der Bevölkerung auf heftigen Widerstand stieß, sah den Bau einer knapp 200 Meter langen Mauer vor. Sie sollte jenen Hochwasserschutz gewährleisten, der statistisch einmal in hundert Jahren gebraucht wird. Im Gespräch sind nun aber auch andere Lösungen, etwa ein Deich oder eine "Erweiterung des Gewässerbetts" mit Rückhaltebecken, wie Jürgen Tölk sagt, der Leiter des Amts für Umwelt, Ordnung und Verbraucherschutz.

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Noch ist nichts definitiv. Der Stadtrat hat jetzt einstimmig sein Okay zu einer neuen Planungsvereinbarung zwischen dem Freistaat und der Stadt gegeben. Ausdrücklich betont wurde mit Blick auf Kritiker, dass für geschätzte 215 000 Euro, von denen Fürth die Hälfte stemmen muss, "ergebnisoffen" geplant wird.

Es gibt "keinen Automatismus, dass das Planungsergebnis gebaut wird", heißt es aus dem Baureferat. Und Tölk betont: "Es muss ja nicht unbedingt eine Mauer sein." Was auch immer herauskommt: Freistaat und Stadt müssen dazu eine Bauvereinbarung schließen. Tölk rechnet damit, dass das Wasserwirtschaftsamt in einem Jahr etwa erklärt, welche Variante geeignet erscheint.

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Grundlage für die Untersuchungen der Behörde wird auch eine vom Stadtrat mehrheitlich beschlossene neue Rechtsverordnung sein, die die Stadt in Kürze bekanntgibt. Sie war fällig, weil das Überschwemmungsgebiet der Farrnbach in Fürth neu bestimmt werden musste.

Dazu wurde das Areal zwischen Landkreisgrenze und Vacher Straße überflogen, Kameras nahmen die Topografie via Laserscan auf. So entstand ein Geländemodell zur Neuberechnung des Überschwemmungsgebiets, aus dem dann Grundstücke (teils) heraus- oder hineinrutschten. Bei einem Haus ging es um zwei Zentimeter. Die können folgenschwer sein, denn im Überschwemmungsgebiet gelten andere Bauvorschriften und strengere Regeln etwa für die Heizöllagerung.

Es gab zahlreiche Einwände, Kritiker zogen das Modell in Zweifel, doch das Landesamt für Umwelt überprüfte es und befand es für gut. Es kam zu Nachvermessungen und zu Vor-Ort-Gesprächen mit den Anliegern. Einige, nicht alle, erklärten danach ihre Einwendungen für erledigt.

Die Stadt hat nicht die Planungs- und Entscheidungshoheit, wenn es um die Festsetzung von Überschwemmungsgebieten geht und um Maßnahmen zum Hochwasserschutz. Sie hat aber ein Mitspracherecht und eine Mitwirkungspflicht bei der Risikominimierung, darf also nötige Maßnahmen nicht verzögern. Bei der Farrnbach sitzt ihr die Regierung von Mittelfranken im Nacken.

Farrnbach-Anlieger pochen auf besseren Abfluss

Tölk sagt, die Bevölkerung erlebe die Farrnbach zumeist als Bächlein, doch während sich Fürths größere Flüsse Rednitz, Pegnitz und Regnitz in den Talauen "relativ schadlos ausbreiten" könnten, sei sie im Bereich Regelsbacher Brücke eng umbaut. Und Maßstab seien hier nun mal Jahrhundertereignisse, die viele Menschen nie erleben werden. Dass Burgfarrnbach bisher nicht betroffen war, nennt er einen "glücklichen Zufall".

Kritiker dagegen warnen vor einer Zerstörung des Landschaftsbildes und zweifeln am Nutzen "gigantischer" Hochwasserschutzmaßnahmen in Zeiten zunehmender Trockenheit. Sie pochen stattdessen auf Maßnahmen für einen besseren Wasserabfluss nach Starkregen. Inzwischen fürchtet mancher sogar, dass das Bett der Farrnbach austrocknen könnte, wenn dem Boden in ihrem Quellgebiet erst einmal Wasser zur Versorgung der in Langenzenn geplanten und höchst umstrittenen XXL-Gewächshäuser entzogen wird.

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