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In Leichendorf gärt es

Anlieger sollen noch mehr für neue Straße zahlen - 02.07.2010

„Würde die Stadt 110 Prozent verlangen, würde mich das auch nicht mehr wundern“, sagt Margit Ehrngruber. Das Gasthaus der Ehrngrubers liegt im Winkel von Schwabacher und Ortsstraße. Sie wird also doppelt zur Kasse gebeten.

01.07.2010 © Linke


Margit Ehrngruber schüttelt den Kopf. „Ehrlich gesagt, wenn die Stadt morgen 110 Prozent von uns verlangen würde, würd’ mich das auch nicht mehr wundern“, sagt die Wirtin vom Gasthof an der Brücke. Ihr Anwesen liegt im Winkel von Schwabacher und Ortsstraße. Ergo wird sie gleich doppelt zur Kasse gebeten. Einer vorläufigen Berechnung zufolge kommen die Ehrngrubers auf 73000 Euro Straßenausbaubeitrag. Jetzt könnte es noch mehr werden.

„So oder so: Das ist existenzbedrohend“, finden sie. Ein Nachbar habe schon seinen Garten als Bauland verkauft, von einer anderen Anliegerin heiße es, sie biete ihr Elternhaus jetzt feil. „Wir wären ja bereit, unseren Anteil zu tragen, das aber in einem vertretbaren Rahmen. Doch diese Satzung“, sagt Stefan Ehrngruber, „senst eine ganze Ortschaft nieder.“

Dabei waren sich die Anlieger einig: Sie wollten die neuen Straßen nicht. „Die hatten kein einziges Schlagloch, keine 25 Autos am Tag fahren in der Ortsstraße und die Fußgänger sind an einer Hand abzuzählen“, so Stefan Ehrngruber. „Wenn’s unbedingt sein muss, dann zieht halt neue Teerdecken auf, die tun’s auch“, argumentierten sie. Doch jetzt werden Orts- und Schwabacher Straße von Grund auf saniert und verkehrsberuhigt ausgebaut. Den Bürgermeister hatten sie zum Gespräch gebeten und die Fraktionssprecher auch, doch es hatte alles nichts genutzt. Wir wollen halt den Leichendorfern auch mal was Gutes tun, habe eine Stadträtin gesagt, berichtet Margit Ehrngruber. „Um Himmels Willen“, habe sie gekontert, „lassen’s das, was passiert erst, wenn Sie uns mal was Böses wollen.“ Und nicht zuletzt fragen sich die Ehrngrubers genauso wie ihre Nachbarn, „wo ist da Gerechtigkeit?“. Würden sie in Oberasbach wohnen, bekämen sie ihre Straßen umsonst. Ein Argument, das im Zirndorfer Stadtrat angekommen ist. In der jüngsten Sitzung haben die Kommunalpolitiker eine Resolution verabschiedet, mit der sie eine Gleichbehandlung der Bürger in allen Kommunen einfordern.
 

Schwerlaster im Dorf
 


Weshalb die Leichendorfer für den maroden Zustand der Schwabacher Straße, die Jahrzehnte Kreisstraße war, aufkommen sollen, ist ihnen ohnehin ein Rätsel. „Es kann doch nicht unser Problem sein, wenn sich die Stadt im Tausch für die Westspange eine kaputte Straße andrehen lässt“, entrüstet sich Margit Ehrngruber. Zuvor rollten die Panzer der früheren Pinder Barracks durchs Dorf. Als dann die Schwerlaster zur Baustelle der Westspange vorbeidonnerten, habe sie sich noch gefragt, ob bei den zehn Millionen, die die Umgehung kostet, wohl 20000 Euro übrig bleiben würden, um die Dorfstraßen auszubessern, berichtet die Wirtin.

Als die Westspange für den Verkehr freigegeben wurde, wurde die Schwabacher Straße von der Kreis- zur Ortsstraße umgewidmet. 24000 Euro hat der Landkreis als Ausgleich für die Abnutzung von Schwabacher, Banderbacher und Bahnhofsstraße bezahlt, wie Bürgermeister Thomas Zwingel auf Anfrage erklärt. Doch nachdem sich vor Baubeginn im April herausstellte, dass die Schwabacher Straße lediglich auf „a bisserl Schotter und viel Dreck“ gründete, werde jetzt nachverhandelt, was die Gesamtbaukosten drücken könnte. Nur nach der Anfrage der CSU-Stadträtin werde dieser Effekt wohl konterkariert.

Auf knapp 44000 Euro hätte sich der Ehrngruber’sche Anteil laut Schreiben der Stadtverwaltung allein für die Ortsstraße belaufen, bei einem Beitrag von 60 Prozent anteilig umgelegt auf die Grundstücksfläche. Getoppt wird diese Summe nur noch von dem Betrag, den das Bauamt Mathilde Weiskopf ankündigte: Die 83-Jährige hat einen Acker mit 4500 Quadratmetern, der an die Ortsstraße grenzt. Bei 60 Prozent wäre sie mit 62000 Euro dabei gewesen. Und jetzt? „Wird’s wohl an die 100000 gehen“, überlegt die 83-Jährige resigniert. Ihre Tochter zahlt für den Grund, auf dem das Mehrfamilienhaus der Weiskopfs steht, noch einmal 12000 Euro. Den Abend des Tages, an dem die Post aus dem Rathaus angekommen war, verbrachte sie weinend am Esstisch ihrer Mutter.
 


"Verkauf die Woar"

Wie Mathilde Weiskopf die Summe aufbringen will? „Einem Nackerden“, sagt die Seniorin, „können s’ net in die Tasche langen.“ Sie lebt von 185 Euro Witwenrente und den Mieteinnahmen im Haus. Doch davon bleibt nicht viel, das Gebäude will unterhalten sein. Einen Kredit bekommt sie in ihrem Alter von keiner Bank. Und den Acker mag sie nicht verkaufen, „das ist meine finanzielle Absicherung“. „Wenn ich mal nicht mehr bin“, hat sie zu ihrer Tochter gesagt, „verkaufst’ die ganze Woar. Denn wenns d’ nur a bisserl was hast, dann bist hierzulande der Dumme.“

Für die 21 Anlieger, die 60 Prozent der Ausbaukosten für die Schwabacher Straße mitzutragen haben, könnte es Zwingel zufolge trotzdem günstiger werden als ursprünglich kalkuliert. Bei der vorläufigen Berechnung 2008 ging die Stadt von einer Kostenschätzung aus, die sich auf knapp eine Million Euro für die gesamte Verkehrsberuhigung in Leichendorf belief.

Vergeben sind die Arbeiten laut Frank Meier vom Bauamt jetzt für etwa 830000 Euro — 480000 für die Schwabacher und 350000 Euro für die Ortsstraße. Und der Dorfplatz, so habe man sich in nichtöffentlicher Stadtratssitzung verständigt, werde genauso wie die Plätze in der Altstadt nicht auf die Anlieger umgelegt, erklärt Zwingel.

 

Sabine Dietz

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