Kehrtwende beim Gewerbegebiet

5.10.2014, 11:00 Uhr

© Archivfoto: Berny Meyer

Vier zusätzliche mögliche Gewerbestandorte hatte Ingenieur Rühl im Auftrag des Gemeinderats aktuell unter die Lupe genommen, ergänzend zu dem noch unter SPD-Altbürgermeister Peter Lerch erstellten Gutachten, das seinerzeit das Bernbacher Gelände südlich der Bahntrasse als insgesamt am besten für Gewerbe geeignet bewertet hatte.

Von Rühl nun neu untersucht wurde erstens eine Fläche am westlichen Rand von Raindorf, die in seiner Analyse von 2013 noch als wenig geeignet eingestuft worden war. Zweitens ein Areal nahe der Biogas-Anlage der infra und des Kompostplatzes, das sich aber teilweise auf Gebiete der Nachbargemeinden erstreckt und somit Zustimmung und gemeinsame Planung der beteiligten Kommunen erfordern würde.

Jetzt kein Wohngebiet?

Als dritte Variante geprüft wurde eine mögliche Ausdehnung und Verlängerung der Gewerbeflächen am Reitweg. Und viertens schließlich ein unter der früheren SPD-FW-Mehrheit noch fest als Wohngebiet vorgesehenes Gelände in Siegelsdorf östlich der Seukendorfer Straße.

Für die letztere Fläche hatten schalltechnische Untersuchungen des Büros Sorge – insbesondere nachts aufgrund des Güterverkehrs der nahe gelegenen Bahn – Emissionswerte erbracht, die die gesetzlichen Grenzen für Wohngebiete überschreiten, argumentierten die Vertreter von CSU und WBH. Dadurch werde eine Wohnbebauung dort zwar eher problematisch, dafür käme aber alternativ eine Nutzung für Gewerbe infrage.

Einen ausführlichen Detailvergleich der vier Areale kürzte Peter Lerch (SPD) indessen ab: „Wie wir alle wissen, stehen die Flächen bei Raindorf nicht zum Verkauf. Ein gemeinschaftliches Gewerbegebiet bei der Maisgasanlage ist mittelfristig nicht realisierbar. Und die etwaige Erweiterung Reitweg liegt mitten im Naturschutzgebiet.“ Zudem gehe ohnehin das vierte Gelände östlich der Seukendorfer Straße aus der Untersuchung als Gesamtsieger hervor.

Auch in Rühls folgendem Direktvergleich mit dem bisherigen Favoriten für neues Gewerbe – dem von CSU und WBH abgelehnten Gebiet südlich von Bernbach – schnitt das Areal in Siegelsdorf letztlich ein klein wenig besser ab.

Scharf kritisierten Vertreter der SPD dieses Ergebnis, da ihrer Meinung nach einzelne Punkte zu Unrecht besser eingestuft worden waren. Zudem stelle das Gebiet östlich der Seukendorfer Straße die letzte noch verbleibende Möglichkeit für eine Wohnbebauung in Bahnhofsnähe dar, wodurch der Individualverkehr verringert werde. Auch der zusätzlichen Belastung der Siegelsdorfer Bevölkerung durch ein neues Gewerbegebiet werde man nicht zustimmen. Zumal sich an eine solche Entscheidung direkt die nächste, bislang aber noch ungeklärte Frage anschließe – wo nämlich sonst geeignete Wohngebiete als Ersatz für das Siegelsdorfer Areal ausgewiesen werden sollen.

„Hier wird heute vollzogen, was von CSU und WBH im Wahlkampf vereinbart wurde“, fasste Traugott Goßler (SPD) den Unmut seiner Fraktionskollegen verärgert zusammen und kündigte an: „Wenn das so entschieden wird, dann starten wir ein Bürgerbegehren.“

Wolf-Dieter Hauck (WBH) hielt dagegen, dass es keinen Sinn mache, in Siegelsdorf ein Wohngebiet zu schaffen, das aufgrund des Bahnlärms von vorneherein unattraktiv sei, während die höheren Grenzwerte für Gewerbe nicht erreicht würden: „Das geht nicht gegen die Siegelsdorfer. Aber es gibt geeignete und ungeeignete Flächen.“

Zur Frage alternativer Wohngebiete merkte Zweiter Bürgermeister Jan Ziegler (CSU) zudem an, habe Stadtplaner Rühl schon erste Ideen entwickelt, die dieser in der nächsten Sitzung im Einzelnen vorstellen werde. „Für diesmal hätte das – zusammen mit der Gewerbeflächendiskussion – einfach den zeitlichen Rahmen gesprengt“, bat Bürgermeister Marco Kistner (CSU) um Verständnis. Zudem, so Kistner weiter, sei der heute zu fassende Beschluss noch keineswegs die finale Entscheidung: „Zuvor muss eben auch die Wohngebietsfrage geklärt sein.“

Hierzu empfahl Ingenieur Rühl dem Gremium, ruhig einmal generelle Überlegungen anzustellen, die künftige Siedlungspolitik der Gemeinde insgesamt aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse neu auszurichten: „Wohnen nördlich der Bahn, Gewerbe südlich der Bahn“, lautete hierfür sein Ansatz.

Schallgutachten erläutern

Zum von der SPD zuvor beanstandeten Ergebnis nächtlicher Lärmemissionen durch den Schienenverkehr auf dem Gebiet östlich der Seukendorfer Straße schlug Rühl vor, in der nächsten Sitzung einen Vertreter des mit dem Schallgutachten beauftragten Büros Sorge zu hören: „Dort wurden verschiedene Bebauungsszenarien durchgerechnet. Die Ergebnisse im Detail kann am besten einer der damit befassten Experten erklären.“

Nach etlichen weiteren Wortmeldungen aller Fraktionen und teils heftigem Schlagabtausch des Für und Wider ging es schließlich um die Entscheidung, Stadtplaner Matthias Rühl für weitere Überlegungen zu beauftragen, „die notwendigen Gutachten für die mögliche Inangriffnahme eines Gewerbegebiets östlich der Seukendorfer Straße einzuholen“.

Mit einer Mehrheit von 13 Stimmen aus CSU und WBH gegen die sieben der SPD fiel dann wie erwartet der Beschluss, die neue Planungsrichtung für Gewerbe weiter zu verfolgen.

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