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Klettern gegen Depression bringt erste Erfolge

In der Zirndorfer Boulderhalle holen sich depressive Menschen Selbstvertrauen - 23.10.2017 11:42 Uhr

Therapeutin Carolin Sack klettert an der Boulderwand voran — die Kolleginnen feuern sie an. © Foto: Uni Erlangen/Katharina Luttenberger


Als Marie-Luise die Boulderhalle betritt, blüht sie regelrecht auf. Klettern, das ist ihr Ding. Zwischen den Wänden mit den bunten Griffen fühlt sie sich wohl. Die 60-Jährige wirkt fröhlich, von ihrer Depression ist nichts zu spüren.

Vor drei Jahren war das anders. Da traute sich Marie-Luise (Nachname der Redaktion bekannt) an manchen Tagen nicht einmal mehr aus dem Haus. "Man hat Angst, in die Öffentlichkeit zu gehen, Leute kennenzulernen, überhaupt etwas zu sagen." Den Tiefpunkt erlebte sie, als ihr Mann sie zur Behandlung in die Psychiatrische Tagesklinik nach Erlangen fuhr.

Eine Panikattacke ergriff Marie-Luise. "Ich dachte, ich halt’s da nimmer aus im Auto, ich krieg’ keine Luft mehr, ich sterb’ jetzt." Mehrere Wochen in der geschlossenen Abteilung folgten. Dass sie heute gelassen von dieser Zeit erzählen kann, das verdankt sie der Boulder-Therapie, davon ist Marie-Luise überzeugt.

2014 nahm sie an einer Pilot-Studie der Uni Erlangen teil. Damals stellten Studienleiterin Katharina Luttenberger und ihr Team fest, dass sich bei den Teilnehmern der Boulder-Therapie die Depression im Vergleich zu einer Wartegruppe durchschnittlich um einen Schweregrad besserte. Wie das Bouldern im Vergleich zur kognitiven Verhaltenstherapie und einem Sportprogramm abschneidet, wird derzeit im Großraum Nürnberg, in Weyarn und Berlin erforscht.

An diesem Tag klettert Marie-Luise gemeinsam mit einer Partnerin. "Siamesische Zwillinge" heißt die Übung: Ein Schal, locker in den Hosenbund gesteckt, verbindet die beiden. Therapeutin Nina Karg stellt eine Aufgabe: "Ihr versucht zu bouldern, ohne dass die Verbindung abreißt." In etwa einem Meter Höhe klettern sie von links nach rechts. Vorsichtig tasten sich ihre Füße vorwärts. "Nicht so schnell", ruft Marie-Luise von hinten.

Kein Problem, schließlich kommen beide auch langsamer ans Ziel. Dort klatschen sie ab, Marie-Luise strahlt und sagt: "Du warst rechts stürmisch, ich hatte zu tun, dir Einhalt zu gebieten." Stopp sagen – als sie noch tief in ihrer Depression steckte, hätte sich die 60-Jährige das nicht getraut.

Das Bouldern hat ihr Selbstvertrauen gegeben. "Es ist ja nicht nur das Erlebnis, dass man die Strecke geschafft hat, sondern dass man überhaupt zu jemand anderem was sagt. Für uns Kranke ist das nicht nur ein Erfolgserlebnis, es sind ganz viele."

Panikattacken wie aus dem Nichts – Menschen mit Depression erleben das häufig. An der Boulderwand können sie sich ihrer Angst stellen. Spüren, dass die Angst kontrollierbar ist. "Wir möchten, dass die Teilnehmer merken, die Angst kommt nicht aus dem Nichts, sondern sie kommt langsam", erklärt Therapeutin Nina Karg. "An der Wand lernen sie, die Angst zu regulieren". Ausdauersportarten wie Joggen bieten diese Möglichkeit nicht. Zwar können beim Laufen im Gehirn Glückshormone ausgeschüttet werden. Doch manche Depressionspatienten kommen dennoch nicht aus ihren negativen Gedankenschleifen heraus. Studienleiterin Katharina Luttenberger hält deshalb das Bouldern für besser geeignet. "Ich kann nicht in der Wand hängen und mir Gedanken machen, weil ich mich auf den nächsten Griff konzentrieren muss. Dieses Im-Hier-Und-Jetzt-Sein ist etwas, von dem wir wissen, dass es ganz hilfreich ist bei Depression."

Gegen die Überforderung

Ganz gesund ist Marie-Luise bis heute nicht, auch nicht mit der Boulder-Therapie. Aber es geht ihr deutlich besser. Ebenso wie Hans. Er ist Teilnehmer der aktuellen Studie, war im Sommer regelmäßig in der Zirndorfer Boulderhalle. "Mir tut’s sehr gut, ich hab’ mich jede Woche drauf gefreut", sagt der 40-Jährige im Rückblick. In die letzte Therapiestunde kommt er bereits wie ein Kletterprofi, trägt Boulderschuhe und eine atmungsaktive Hose, an der ein Beutel mit Magnesiumpulver gegen schwitzige Händen baumelt.

"Die letzten zehn Wochen haben mich dazu animiert, den Sport weiterzuführen", sagt Hans. An der Wand habe er gelernt, seine Grenzen zu erkennen und sich nicht permanent selbst zu überfordern. Früher habe er sich nur durch seine Arbeit definiert, erzählt er. "Jetzt möchte ich mich durch das definieren, was ich bin und was ich mache. Ich sehe mich selbst mehr im Mittelpunkt."

Für den dritten Durchlauf der Studie "Klettern und Stimmung" der Uni Erlangen werden noch Teilnehmer gesucht. Eine Informationsveranstaltung beginnt am Montag, 23.10., um 16.30 Uhr im Hörsaal der Schwabachanlage 10 in Erlangen neben der Kopfklinik. 

KARIN GOECKEL

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