Donnerstag, 20.02.2020

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Kofferfabrik: Gratwanderungen in Acryl

Emotionale Gemälde ohne heile Jenseitswelt-Ästhetik sind Birgit Maria Weiss gelungen - 08.02.2020 18:25 Uhr

„Ich denke mit dem Bauch und male aus dem Bauch heraus“, sagt die Oberpfälzer Künstlerin Birgit Maria Weiss. © Foto: Tim Händel


Allerdings pflegt Malerin Birgit Maria Weiss (42) ihre eigene Sicht der Dinge. Und die ist abstrakt. In diesem Fall erweist sich der Schutzengel als ein schillerndes Konglomerat von Farben auf blauem Hintergrund mit zwei weiteren Farbkaskaden daneben. Das könnten noch mehr himmlische Heerscharen sein. "Nein, das sind die Menschen", erklärt die Künstlerin.

Die autodidaktische Malerin, die aus Weiden in der Oberpfalz stammt und im Brotberuf als Übersetzerin (Englisch und Italienisch) arbeitet, komponiert abstrakte Farbflächen in kühler Acrylmalerei, meistens im Hochformat oder Quadrat. Größere Flächen als ein Quadratmeter sucht man vergebens.

Doch ganz so zweidimensional ist die Malfläche dann doch nicht. Da kommt es zu Blasen und Blähungen, zu Rissen in der Leinwand und zu Schrunden, die wie Wunden klaffen und darunterliegende Farbmuster entblößen. Auch Materialien wie Sand, Sägespäne und sogar Kaffeesatz mischt Birgit Maria Weiss in ihre Farben und sorgt für einen Kontrast aus zartem glatten Auftrag und rauer Anmutung.

Abstrakte Maler nennen ihre Gemälde gewöhnlich "ohne Titel" oder, kaum weniger einfallsreich, "Komposition Nr. 5". Die Künstlerin hingegen verteilt eher sentimentbetonte Titel wie "Wintermärchen", "Wer bin ich?", "Flügelschlag" oder gar "Gefühlsausbruch". Das deutet auf die Sichtbarmachung von inneren Zuständen hin. "In der Tat gebe ich meinen Bildern den Titel schon beim Malen", bestätigt Birgit Maria Weiss, "oder spätestens nach der Vollendung. Ich spüre etwas, das heraus muss. Ich denke mit dem Bauch und male aus dem Bauch heraus. Ich will meine Emotionen mit den Betrachtern teilen, und wenn ein Mensch von einem meiner Bilder innerlich bewegt wird, dann habe ich mein Ziel erreicht."

Ist das nun Malerei als Therapie? Nein, mit den einlullenden Heile-Jenseitswelt-Bildern esoterischer Engelwesenmalerei haben Weiss’ Gemälde nichts zu schaffen. Sie vermitteln eher das Gefühl von Gratwanderungen zwischen psychischen Verletzungen, Suche nach Stabilität und kurzen Annäherungen an Idealzuständen. Nicht von ungefähr begegnet der Reisende in der Oberpfalz auf Schritt und Tritt Kreuzen, Marterln, Bildstöcken und Kapellen am Wegesrand. Wer in solch einer von Volksfrömmigkeit gesättigten Umgebung aufwächst, ist geprägt von der Gegenwart höherer Mächte. Aber das ist nur eine Interpretation. Weiss‘ Malerei lässt viele Schlüsse zu und Wege offen.

"Hin und weg": Galerie in der Kofferfabrik (Lange Straße 81). Bis 31. März.

Reinhard Kalb

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