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Kreativitätsschub für ausgebremsten Schwertransporter

Der Fürther Kulturbetrieb im Zeichen von Sparzwängen — Ideenreichtum in klein gewordenen Spielräumen bringt neue Perspektiven - 31.12.2011 13:00 Uhr

Überragend: „Moderne Zeiten“. Mit ihrem im Mai im Kulturforum uraufgeführten Tanzstück reflektiert die Choreografin Jean Renshaw in Nachfolge von Charlie Chaplin die Brutalisierung der Gesellschaft und trifft damit den Nerv. Wie im Oktober auch Nilufar K. Münzings Inszenierung der Moritat „Graf Öderland“ zum 100. Geburtstag von Max Frisch. Daneben setzt die Fürther Choreografin und Sängerin Jutta Czurda mit ihrer Dramatisierung von Gedichten der polnischen Lyrikerin Wislawa Szymborska unter dem Titel „Ich verspeise Himmel“ einen markanten Akzent. Czurdas Generationenprojekt Brückenbau und ihr Community Dance haben zur Profilierung der Fürther Kulturlandschaft beigetragen

© Hans Winckler


Was im Rückblick auffällt, ist das Ansehen, das Fürths Kulturaktivitäten und seine Kulturkräfte zunehmend überregional genießen. So werden vom Internationalen Klezmer-Festival inzwischen Besucher aus ganz Deutschland angelockt. Und nicht von ungefähr ist der Leiter der städtischen Kunstgalerie, Hans-Peter Miksch, zum Kurator der zweiten Triennale für zeitgenössische Kunst 2012 in Schweinfurt bestellt worden. Dem steht die Selbstverständlichkeit gegenüber, mit der das Kunstspektrum am Entstehungsort quittiert wird. Ein Beleg dafür, dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt? Von Resignation ist jedoch keine Spur. Vielmehr entwickeln kulturelle Kräfte in der Kunst, kleinere Brötchen zu backen, enorme Kreativität.

Dufte!: Die neue Fürther Kulturreferentin Elisabeth Reichert testet unter den Augen von Stadträtin Maria Ludwig und Museumsleiter Martin Schramm die neuen Riechstationen im Stadtmuseum Ludwig Erhard.

© Edgar Pfrogner


Ein entscheidender Impuls ist im Frühjahr bereits vom Ballungsraum-Projekt „made in...“ ausgegangen. Auf dem Prüfstand: die kulturelle Identität der Städte. 25 Zulieferer künstlerischer Aktivitäten wie Taxifahrer, Floristen, Grafikdesigner und Ticketverkäufer führt eine Tanztheaterproduktion mit Künstlern zusammen. Und das Klinikum Fürth überlasst Künstlern Räume ihrer ehemaligen Kinderklinik als Ateliers. Die Initiative entwickelt sich nachhaltig. Denn im Juli 2012 werden weitere Ateliers zur Verfügung gestellt. Mit Aktionstagen wie erst kürzlich einem Kreativ-Weihnachtsmarkt öffnet sich die Künstlerherberge dem Publikum, das auch aus dem benachbarten Klinikum kommt.

 

Schwund der Ateliers


Viele interessante Aspekte zeichnen das kulturelle Leben in der Kleeblattstadt heuer aus. Die kunst galerie fürth hat erfolgreich ein spezielles Seniorenprogramm (oben links) etabliert. Wie sehr Musik Menschen verbindet, zeigt sich beim 3. Integrativen Soundfestival im Kulturforum (unten links). Das BallettCentrum Nürnberg/Fürth in der Königstraße 115 setzt mit Contemporary Dance bei den Ostertanztagen markante Akzente, und das Klezmer-Intermezzo im Kulturforum, die kleine Form des Klezmer-Festivals, erweist sich mit Gruppen wie Klezgoyim (rechts der Bassist) als Publikumsmagnet ersten Ranges.

© Winckler (3), Scherer


Ein dauerhaft etabliertes Künstlerhaus hält nicht nur Miksch für dringend erforderlich, um das weitere Abwandern von Künstlern nach Nürnberg zu verhindern. Der florierenden Altbausanierung fallen in Fürth nämlich immer mehr Ateliers zum Opfer und die Nachbarstadt lockt mit interessantem Ersatz etwa im AEG-Areal. „Wer mit Kultur punkten will, muss dafür schon etwas einsetzen“, gibt Miksch zu bedenken. Er weiß, wovon er spricht, stand im vergangenen Jahr doch sogar seine Galerie auf der Sparliste. Heuer verzeichnet die Galerie eines ihrer besucherstärksten Jahre. Vor allem Kinder und Jugendliche strömen in Scharen. Aber auch Senioren werden mit einer neuen Reihe auf die Beine gebracht.


Für das Künstlerhaus macht sich auch Kulturamtsleiterin Claudia Floritz stark und denkt dabei an die teilweise Nutzung des alten Hauptbahnhofs. In der neuen Fürther Kulturreferentin Elisabeth Reichert (SPD), die im März den aus Spargründen monatelang vakanten Posten übernimmt, hat sie eine engagierte Mitstreiterin für verstärkte Kulturförderung gefunden. Auf Dauer, so Floritz, sei mit einem auf Kante gestrickten Ressort kein Staat zu machen.


Reichert selbst attestiert allen kulturellen Institutionen „tolle Arbeit“. Mit extrem wenig Geld hätten sie enorm viel bewegt. Ein Beispiel für die ungebrochene Innovativkraft ist für Floritz das Aufkündigen der bequemen, weil etablierten Großraumveranstaltung „LesArt“ für ein speziell auf Fürth zugeschnittenes Literaturfestival mit dem Titel „Lesen!“ im Frühjahr.
 

Exklusive Veranstaltungen



Ausrufezeichen setzt Fürth aber auch mit ambitionierten Exklusiv-Veranstaltungen wie der heuer zum zweiten Mal von Carlos Cortizo organisierten Duettbiennale oder der aufsehenerregenden multimedialen Kammertanzoper „Du Liebe?!“.

Das Jahr steht daneben im Zeichen zahlreicher Jubiläumsveranstaltungen. Sein 30-jähriges Bestehen feiert der Kulturring C unter anderem mit einer spektakulären Ausstellung in der historischen Central-Garage. Und zum Atelierwochenende „Gastspiel“ leistet sich die Organisation nach vielen Jahren endlich wieder einmal einen repräsentativen Katalog.

Ein über das ganze Jahr verteiltes Konzertfeuerwerk zündet die Musikschule zu ihrem 25-jährigen Jubiläum. Schulleiter Robert Wagner wird als deren Motor und Mann der ersten Stunde mit dem Goldenen Kleeblatt dekoriert. Sein besonderer Einsatz gilt der Einbindung von Menschen mit Behinderung. Wie Musik verbinden kann, zeigt sich etwa beim mitreißenden integrativen Klangfestival.

Auf sein zehnjähriges Bestehen blickt der Kunstkeller o21 als Nachfolger des Fürther Musikhauses zurück. Zehnjähriges feiert auch das Rundfunkmuseum in der ehemaligen Grundig-Direktion und Einjähriges immerhin schon das neue Stadtmuseum im früheren Ottoschulhaus.

 

VON VOLKER DITTMAR

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