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Kunstquartier mit heilsamer Note

Die frühere Kinderklinik hat sich vorübergehend in ein Kreativzentrum verwandelt - 04.04.2011 13:00 Uhr

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In nur drei Monaten haben Ulrike Irrgang, Eva Göttlein und Lutz Krutein ein enorm vielfältiges und damit schon beinahe verwirrendes Event aus dem Boden gestampft. Kunst und Kreativität an jeder Ecke, wohin man auch schaut. Von den gut vernetzten Künstlern und kreativen Köpfen Fürths hatte jeder seinen Anteil in die „Nierenschale“ geworfen und so wurde die Eröffnungsfeier zu einer Rundum-Kunst-Party, wie es sich für eine Großstadt gehört. Mit seiner erstklassigen medialen Performance zeigte Pantomime Dobs Brugal gleich zu Anfang, worum es bei Clinc geht: nämlich um Fantasie, Kreativität und Inspiration. Auch zu den Themen Klinik und Fürth fand er die passenden Anknüpfungspunkte. In seinem bis auf das Skelett durchleuchteten Körper schlug ein ganz besonderes Herz – ein pumpendes Kleeblatt.

Gebändigtes Leid: Vor dem Eingang des einstigen Klinikgebäudes hält ein stilisierter Panzer mit Palme und fixierter Kanone die Stellung. Von diesem Kriegsgerät, das andernorts für volle Kliniken sorgt, geht keine Gefahr mehr aus. Mit Selbstporträts, die (rechts) wie Röntgenbilder wirken, setzt sich im Gebäude Susa Schneider mit einer Krebserkrankung auseinander. © Thomas Scherer


Bei einer Graffity-Aktion versuchten sich Kulturamtsleiterin Claudia Floritz, Kulturreferentin Elisabeth Reichert, Oberbürgermister Thomas Jung und Bürgermeister Markus Braun – sicher in ihrem Leben zum ersten Mal – als Sprayer an der Klinikwand und eröffneten damit das Spektakel. „Das ist nur in Fürth möglich“, schwärmte Floritz über das Projekt. Dann hieß es für das zahlreich herbeigeströmte Publikum, sich einclincen in das Gesamtkunstwerk.

Skurriles Klinikpersonal führt die Besucher zu den Kunststätten im Erdgeschoss und hier im sechsten Stock des Betonkolosses.


Rund 50 Künstler bevölkern zwei Stationen im Erdgeschoss und im sechsten Stock des Klinikgebäudes mit ihrer Kunst. „Der Besuch“ heißt die zentrale Ausstellung im Obergeschoss und sie thematisiert auch einen wesentlichen Teil der Abläufe in einem Krankenhaus. Wer dort als Patient liegt, erwartet ihn meist sehnsüchtig.

In den Klinikfluren hat die Heilkunst der Bildenden Kunst das Feld überlassen. Das Publikum konnte zum Projektstart auf Schritt und Tritt Interessantes entdecken.


Doch bei Eva Maria Mandok sieht das anders aus. „Ungebetener Besuch“ hat sie ihre Installation mit weißen Saatkrähen genannt. Sie formieren sich zwischen schwarzen Federn und das scheint nichts Gutes zu verheißen – Beklemmung macht sich breit. In absurdem Kontrast dazu stehen die Überbleibsel der ehemaligen Kinderklinik: die Glastrennwände zieren bunte Diddlmäuse.

Überall, in jedem dieser ehemaligen Krankenzimmer gibt es diese „Zusammenstöße“ von Alt und Aktuell, die aber einen besonderen Reiz ausmachen. Susa Schneider thematisiert mit ihren fotografischen Selbstporträts die am eigenen Leib erlebte Krebserkrankung. Und wie ein Hoffnungsschimmer erscheinen da die mit Kräutern und bunten Frühlingsblumen bepflanzten Klinikwaschbecken.

Im Wartezimmer

Auch Warten ist natürlich ein Thema, dem für Patienten zentrale Bedeutung zukommt. Wörtlich nehmen das Tanja Elm und Stefan Günther mit ihrer Installation „Wartezimmer“: Auf Stühlen haben sie großformatige Fotografien verschiedener Menschen in ganz individuellen Wartepositionen aufgestellt.

„Der letzte Besucher“ heißt eine Installation von Michael Mattheus Martha: Ein Fahrrad, hängt am Tropf einer Infusionsflasche und hinterlässt an der Wand nur eine schwarze Schmutzspur.

Mit einer ganz besonderen Aktion beteiligt sich Anja Schöller. Unter dem Titel „Sammlung Kinderklinik... mit freundlicher Leihgabe“ hat sie in der Bevölkerung deren liebste Kunstwerke zu einer Ausstellung in der Ausstellung zusammengetragen. Für manchen Künstler sicher haarsträubend, wie da der „Mann mit Goldhelm“ und ein Mangamädchen einträchtig nebeneinanderhängen oder was ein schlimmes Sonnenuntergangs-Puzzle und süße Babyfotos mit Kunst zu tun haben.

In „Kreativ-Kunst-Kontoren“ im Erdgeschoss zeigen Kulturschaffende, was ihre Arbeit mit dem Faktor Wirtschaft zu tun hat. Gerade das soll ja einer der Ansatzpunkte des gesamten „made in...“-Festivals sein. Dort präsentieren u. a. ein kreativer Fellwerker und eine Modellbaufirma ihre Leistungen und Produkte. Oberbürgermeister Thomas Jung versprach in seiner Eröffnungsrede für die nächsten zwei bis drei Jahre eine Nutzung von Räumen der ehemaligen Kinderklinik durch solch Kreative.

So eine Überdosis Kreativität machte am Samstagabend durstig. An umfunktionierten OP-Tischen schenkte das CLINC-Team „Infusionen“ aus und das Publikum wurde mit einem kostenfreien Büffet versorgt, das Sponsoren aus der Gastronomie bereitgestellt hatten. Countertenor Johannes Reichert beglückte die Eröffnungsgäste mit seiner Gesangskunst und mit einer spekatulären Feuershow überraschte in der Dämmerung Anne Devries auf der Terrasse.

Dort konnte man auch zusehen, wie die original „Fürther „Bronx-Tonne“ entsteht. Und wer dann noch nicht genug hatte, konnte schließlich im Keller in der zur Disco umfunktionierten ehemaligen Milchküche auch noch bis in die Nacht abtanzen. (Eine Bildergalerie finden Sie online unter www. fuerther-nachrichten de)

Bis 17. April gibt es im Rahmen von Clinc ein täglich wechselndes, umfangreiches Programm mit Führungen, Vorträgen und Kunstaktionen, Texten, Filmen, Theater und vielem mehr. Es empfiehlt sich ein Blick auf die Internetseite www.clinc-blog.de

  

Marion Reinhardt

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