Verkehrswende

Landkreis Fürth: Radwege für knapp 100 Millionen Euro?

Harald Ehm
Harald Ehm

Fürther Nachrichten

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13.10.2021, 18:00 Uhr
Mehr Fahrräder auf die Straßen: Die Stadt Oberasbach begleitet ihre Anstrengungen, fahrradfreundliche Kommune zu werden, auch optisch auf einigen Verkehrsinseln.

Mehr Fahrräder auf die Straßen: Die Stadt Oberasbach begleitet ihre Anstrengungen, fahrradfreundliche Kommune zu werden, auch optisch auf einigen Verkehrsinseln. © Foto: Hans-Joachim Winckler

In Schnappatmung versetzte diese Summe in der jüngsten Sitzung des Kreistags allerdings niemanden. Zu tun haben mag diese Tatsache mit mehreren Gesichtspunkten: So verteilen sich die Millionenausgaben auf Bundesstraßen, Staatsstraßen, Kreisstraßen und jene Verbindungen, für die die Kommunen zuständig sind. Diskutiert wurde das Vorhaben zudem schon im Kreisausschuss. Und: Es handelt sich bei allem nur um Vorschläge.


Lob und Kritik: Fürth ist fahrradfreundliche Kommune


"Es bestehen keine rechtliche Verpflichtungen aus dem Konzept." Mit diesem Satz in der Vorlage verabreichte die Kreisverwaltung vorsorglich eine gehörige Portion Baldrian. Gefettet ist diese Formulierung nicht, ganz im Gegensatz zu den Zahlen, die den Anteil des Landkreises am Paket beziffern: immerhin noch rund 28 Millionen Euro – auszugeben in zehn Jahren – so viel zum Zeithorizont.

Die Idealvorstellung

Mit dem Konzept soll ein Netz von Verbindungen entstehen, auf denen Radler in der Freizeit, auf dem Weg zur Arbeit, aber auch im Alltag schnell und sicher unterwegs sein können. Zwar hat der Landkreis ab 2009 ein Radwegekonzept entwickelt, das ein lückenloses Netz zum Ziel hatte, aber nun haben die Planer nach einer eingehenden Analyse zunächst ein idealtypisches Netz entwickelt und dieses dann auf die bestehenden Wegverbindungen umgelegt.

Bei dieser Betrachtung sollen nicht nur neue Qualitätskriterien greifen, die Verknüpfung von Radnutzung und öffentlichem Nahverkehr sei "neu definiert" worden, sagte Landrat Matthias Dießl in der Sitzung. Verzahnt wurden auch andere Dinge: Wo könnten Bürgerinnen und Bürger ihr Auto abstellen und mit dem Rad weiterfahren? Wo gibt es diese Verbindung mit Bus und Bahn oder Car-Sharing-Stationen?

Aus dem Konzept ergeben sich Sofortmaßnahmen sowie kurz- und mittelfristige Projekte. Die Vorhaben werden nun detailliert ausgearbeitet und ins Radwegeprogramm aufgenommen, das jährlich fortgeschrieben wird. Das heißt: Die Kreisräte und -rätinnen beschäftigen sich mit jedem einzelnen Vorhaben und wägen es ab. Fällt der Beschluss zur Realisierung, wird Geld im Haushalt bereitgestellt.

Auf dieses Weise soll eine Infrastruktur entstehen, die mehr Menschen dazu bewegt, auf das Rad umzusteigen und so Umwelt und Straßen zu entlasten. Dabei ist gewaltig Luft nach oben: Bei der letzten Modal-Split-Verkehrszählung aus den Jahren 2016/2017 betrug der Anteil der Radfahrer am Gesamtverkehrsaufkommen im Landkreis gerade einmal sechs Prozent. Zum Vergleich: In der Stadt Fürth sind es ungefähr zehn Prozent.

Dießl geht zwar davon aus, dass die Quote seit damals auch im Fürther Land gestiegen ist. Genauere Werte könnte jedoch nur eine weitere Erhebung liefern: Eine Information, die dem Grünen-Kreisrat Norbert Schikora aktuell "fehlt". Aufgrund der Kosten für den Landkreis – Dießl nannte 30.000 Euro – will man aber abwarten, bis der Bund wieder mit im Boot sitzt. Wer im Übrigen angesichts des Konzepts überbordenden Jubel bei den Grünen erwartet hätte, sah sich getäuscht: Die Fraktion will vielmehr "kritisch hinsehen", schließlich sei auch der Radwegebau mit zusätzlichem Flächenverbrauch verbunden.

"Viel Handlungsbedarf" hatte Renate Krach (CSU) erkannt. Was die finanziellen Auswirkungen angeht, meinte sie, selbst wenn man die Förderung abziehe, müsse der Kreis jährlich zirka eine Million Euro investieren. Vorsichtig gab sich in diesem Punkt auch Friedrich Biegel (Freie Wähler), er wertete das Konzept jedoch als "hervorragende Grundlage, auf deren Basis wir weiter planen können".

Gefahrenpunkte im Blick

Uneingeschränktes Lob kam von der SPD: Michael Bischoff begrüßte einen grundsätzlichen Wechsel der Denkweise, freute sich über die Verknüpfung mit dem ÖPNV und auch darüber, dass Schnitt- und Nahtstellen der Radwege – oft ausgewiesene Gefahrenpunkte – besonders unter die Lupe genommen wurden.

Christian Löbel (Die Linke) sprach mit Blick auf das Auto davon, dass mit dem Konzept, die "stiefmütterliche Behandlung der kleinen Schwester Radverkehr" nun ein Ende gefunden habe und provozierte mit dieser Wertung Widerspruch des Landrats.

Die FDP sah das Konzept und seine Chancen kritisch: "Erschreckend" seien die Kosten, meinte Thomas Peter, lieferte aber das Beruhigungsbonbon im gleichen Atemzug mit: "Wir werden das Geld nicht ausgeben können." Der Landwirt glaubt nämlich nicht, dass der Landkreis an die notwendigen Flächen kommen wird. Die Eigentümer wollten nicht verkaufen, "aber die Basis ist der Grund".

Am Personal in der Landkreisverwaltung soll das nicht scheitern: Mit dem Ja zum Radwegekonzept – gegen eine Stimme – beschloss der Kreistag, ab 2022 auch eine weitere Vollzeitstelle im Bereich Grunderwerb und Straßenbauangelegenheiten einzurichten – befristet auf fünf Jahre.

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