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Merkwürdig: Fidelo-Inszenierung in Fürths Stadttheater

Theater Ulm hinterlässt bei den Besuchern mehr Fragen als Antworten - 24.10.2019 15:00 Uhr

Bei der Befreiung Florestans durch Leonore muss der Kerkermeister dran glauben – obwohl er später wieder gebraucht wird. © Jochen Klenk


Mit Chor und Orchester reiste das Theater Ulm an: im Gepäck die aktuelle Neuinszenierung vom September.

"Wir sind so frei" dachte sich offenbar auch Regisseur Dietrich W. Hilsdorf, dem um die 150 Inszenierungen nachgesagt werden. Sein "Fidelio" fängt schon mit der Bemerkung im Programmheft an: "keine Pause". So hatte man sich auf einen ungewohnt kurzen "Fidelio" einzustellen: ohne gesprochene Dialoge.

Nach der getragen und gewichtig musizierten Ouvertüre rieb man sich erst einmal die Augen: So einen "Fidelio" hatte man – wenn überhaupt – schon lange nicht mehr gesehen. Die Kostüme wie in romantischen Zeiten, Roccos Gefängnis-Dienstwohnung ein schäbiges Idyll mit Rotkäppchen-Wandbild und dem röhrenden Hirsch auf der Sofadecke.

Mit maroden Abflussrohren freilich auch, mit Ausguss und verschimmeltem Schrank (Bühnenbild: Dieter Richter, Kostüme: Bettine Munzer). In diesem Ambiente plättet Marzelline schon mal ihr Hochzeitskleid und preist der Kerkermeister im ordentlichen Gilet solide Finanzen für die Ehe. Überraschend war dieses Entrée im alten Stil durchaus, die Personenführung war logisch und durchdacht.

Erste Zweifel

Allerdings: Wenn die Gefangenen aus einem fest verriegelten Kerkerabgang in diese Idylle strömen und im Biedermeier-Mief von Frühlingsluft und Freiheit singen, kommen einem die ersten Zweifel an der Stimmigkeit dieses Konzepts.

Und so war es denn, wie es am Stadttheater von heute offenbar kommen muss: Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nicht weit. Die Beleuchtung springt zum pausenlos und attacca angeschlossenen zweiten Akt auf helles Neonlicht um, das Wohnzimmer wird Kerker. "Welch Dunkel hier", singt Florestan und man fragt sich, warum er das Hochzeitskleid von Marzelline an hat, wenn er ans Tageslicht getappert kommt. So erstickt die Freiheitsoper nun im Zwang dieses Einheitsbühnenbilds, in dem wie bei einem Wunschkonzert die Ensembles, Chöre, Arien atemlos vorüberrauschen.

Man kann gegen das originale Libretto von Sonnleithner und Treitscke sagen, was man will: Die Dialoge verschaffen dieser Hochdruck-Oper Atem und logischen Ablauf. Diesen Verlust können auch die gestisch-mimischen Überleitungen der Ulmer Aufführung nicht auffangen.

Die erschütternde Spannung des 2. Akts, des "Melodrams", bei der Befreiung Florestans durch Leonore bleibt aus, der mittelmäßig brutale Pizarro wird erst mal erschossen, verkrümelt sich in die Sofaecke und wird zum Finale aber ja dann doch gebraucht. Dazu stürmen fahnenschwenkende Suffragetten in Roccos Biedermeier, schubsen einen tapprigen Minister herein, dem man das Schild "Ich bin ein Minister" umgehängt hat. Gut, das kann man so sehen, wenn man Beethovens Freiheits- und Befreiungsvision und -appell sowieso nicht traut. Und das tut Hilsdorf offenbar kein bisschen.

Als erstes wird Roccos Weinkeller geplündert, reißt sich der nun konkurrenzlose Jaquino die enttäusche Marzelline an die breite Brust. Und das "hohe Paar" Florestan und Leonore kann sich und der neu gewonnenen Freiheit kaum in die Augen schauen. Die "Heldin" ist es, die schließlich zu Tode erschöpft, enttäuscht zu Boden sinkt. Vielleicht auch deswegen, weil Florestan immer noch dieses lächerliche Hochzeitskleid an hat.

Dem Applaus im fast ausverkauften Fürther Stadttheater konnte man die mäßige Begeisterung über dieses teilweise kuriose Konzept entnehmen, aber auch die Zustimmung zu den sängerischen Leistungen. Vollkommen überzeugend war Erica Eloff in der Titelrolle, Markus Francke beeindruckte mit gut differenzierter Kerkervision als Florestan.

Die Ulmer Aufführung brachte mit Guido Jentjens als Rocco ein langjähriges Mitglied des Nürnberger Ensembles mit, den Bariton Dae-Hee Shin als süffisant-brutalen Gefängnisgouverneur Pizarro, der sich gern die Stiefel putzen lässt. Und mit Maryna Zubko und Luke Sinclair ein junges Paar, das sich sehr glaubhaft mit seinen sehr unterschiedlichen Wünschen auseinandersetzt. GMD Timo Handschuh ließ keinen Zweifel an der Genialität von Beethovens Partitur: eine feine Leistung des Ulmer Philharmonischen Orchesters. Damit hätte dieser "Fidelio" wirklich zu einem Erlebnis werden können.

Uwe Mitsching

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