Mutige Initiative: Fürther Volkswohl wird 100

28.12.2020, 11:00 Uhr
Wohnanlage Herrnstraße, 1954: Die „Herren“ von Volkswohl und des Stadtrats, heißt es im Jubiläumsband, feiern das Richtfest des zweiten Bauabschnitts .. .

Wohnanlage Herrnstraße, 1954: Die „Herren“ von Volkswohl und des Stadtrats, heißt es im Jubiläumsband, feiern das Richtfest des zweiten Bauabschnitts .. . © Foto: Volkswohl

Wie "Schöner Wohnen" vor mehr als hundert Jahren in Fürth aussah, das kann man bis heute zum Beispiel in der Königswarterstraße bestaunen. Die Kehrseite dieser noblen Lebensräume ist glücklicherweise verschwunden. Das waren Quartiere in der Altstadt, in denen Menschen auf engstem Raum zusammengepfercht existierten.

Nicht selten, dass sich eine Familie mit Kindern lediglich ein einziges Zimmer leisten konnten. Andere wurden zu "Schlafgängern", weil sie sich angesichts der extremen Wohnungsnot stets nur für ein paar Stunden ein Bett mieten konnten. In dieser bedrückenden Situation griffen 19 Männer im Dezember 1920 zur Selbsthilfe und gründeten die Baugenossenschaft Volkswohl.

. . . und in der Südstadt entsteht einmal mehr bezahlbarer Wohnraum .

. . . und in der Südstadt entsteht einmal mehr bezahlbarer Wohnraum . © Foto: Volkswohl

Es war eine mutige Initiative mit dem Ziel, den Menschen, die als Industriearbeiter in die Stadt gekommen waren, erschwingliche Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Was mehr als nötig war. Zwischen 1875 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 war die Fürther Bevölkerung von 27 000 auf rund 69 500 Menschen angewachsen. Und dass die Genossenschaftsidee einen Nerv traf, hatte bereits der 1898 gegründete Bauverein Fürth bewiesen.

Die Gründer der Baugenossenschaft Volkswohl waren rasch erfolgreich. Schon in den ersten vier Wochen hatte sich die Zahl der Mitglieder mehr als verdoppelt. Das erste Bauprojekt – die beiden Mehrfamilienhäuser in der Ludwigstraße 94 und 96 in der Fürther Südstadt – konnte bereits im Mai 1922 bezogen werden. Weitere Bauten in der Ludwigstraße, der Kaiserstraße und der Erhard-Segitz-Straße folgten bald darauf.

Eine Kiste als Glücksfall

Den Weg der Volkswohl durch die Jahrzehnte beleuchtet jetzt ein 172 Seiten starker Band zur Geschichte der Genossenschaft. Die Historikerin und Autorin Helga Zahlaus arbeitete sich für ihren faktenreichen Text durch umfassendes Aktenmaterial. Bernd Windsheimer, Historiker und Geschäftsführer von "Geschichte für alle", kümmerte sich um die reichhaltige Bebilderung.

Er fand historische Aufnahmen unter anderem im Stadtarchiv sowie bei FürthWiki und freut sich über den "Glücksfall", dass Volkswohl-Mitarbeiterin Edeltraud Herberth beim Umzug eine Kiste mit alten Fotos gesichert hat.

Stadtheimatpflegerin Karin Jungkunz, die das Projekt koordinierte, lobt, dass das Jubiläumsbuch die Entwicklung der Bau- und Siedlungsgesellschaft Volkswohl "in die Geschichte der Stadt einbindet und Zusammenhänge deutlich macht". Dies mache es zum Standardwerk für alle historisch Interessierten.

Über den aufschlussreichen Blick auf die Volkswohl-Geschichte hinaus vermitteln der Text von Helga Zahlaus und die Bildauswahl von Bernd Windsheimer spannende Einblicke in Details. So waren zum Beispiel die Wohnungen der Baugruppe Erhard-Segitz-Straße 24 – 30, errichtet 1926/27, erstmals mit einem heute selbstverständlich erscheinenden Luxus ausgestattet: Sie hatten Bäder.

Und auch wenn auf sämtlichen frühen Aufnahmen von Grundsteinlegungen oder Richtfesten ausschließlich Männer im Dreiteiler mit gravitätischer Miene zu erkennen sind, so setzten sich die Frauen in einem praktischen Bereich durch: Sie erreichten, dass in derselben Baugruppe nicht nur Wäscheleinen für alle aufgespannt wurden, sondern darüber hinaus eine Wäschemangel und eine Schleuder zur Verfügung standen.

Mehr als 1500 Einheiten

Wie aktuell die Idee der Bau- und Siedlungsgenossenschaft Volkswohl 100 Jahre nach ihrer Gründung ist, macht Geschäftsführer Stephan Gutsch deutlich: "Unseren rund 2000 Mitgliedern lebenslang eine gute, sichere und sozial verantwortbare Wohnungsversorgung zu gewährleisten, ist das vorrangige Ziel."

Im Mittelpunkt stehen "weiterhin bezahlbare Mieten für breite Schichten". Heute verfügt die Volkswohl über "ein Immobilienvermögen mit mehr als 1500 Wohnungen in Fürth und insgesamt etwa 107 000 Quadratmetern Wohnfläche".


Genossenschaften gehen Verbindung ein


Für die Präsenz im Stadtgebiet sei nicht zuletzt der Zusammenschluss mit der "Baugenossenschaft der Kriegsbeschädigten" von 1941 und die 2010 erfolgte Fusion mit der "Bau- und Siedlungsgenossenschaft Fürth" ursächlich, sagt Gutsch. "In Fürth arbeiten wir außergewöhnlich kollegial mit den anderen Baugenossenschaften und der städtischen Wohnungsbaugesellschaft zusammen." Wegen der Pandemie mussten die geplanten Jubiläumsfeierlichkeiten abgesagt werden. Trotzdem gab es unter anderem Spenden über insgesamt 10 000 Euro an fünf Fürther Kindertagestäten und Kindergärten. "Und an jede Wohnungstür im Bestand der Volkswohl wurde eine Stofftasche mit dem Jubiläumsband gehängt."

Die reich bebilderte Publikation "Bau- und Siedlungsgenossenschaft Volkswohl eG Fürth – 100 Jahre" (ISBN 978-3-96486-004-0; 14,80 €) ist über den örtlichen Buchhandel, in der Volkswohl-Geschäftsstelle, Ludwigstraße 97, oder direkt beim Sandberg-Verlag zu beziehen. Auf der Volkswohl-Homepage (www.volkswohl-fuerth.de) kann man online schon einmal durch den Band blättern und einen Jubiläumsfilm anschauen.

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