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Narrensichere Tricks

Ausgefallene Berufe: Der Gaukler und das Publikum - 16.08.2013

Auch der Apfel gehört zu den Requisiten von Marc Vogel. Hier steht der 40-Jährige im historischen Kostüm vor der Scheune in Dambach, in der auch seine Werkstatt untergebracht ist.

© Pfeiffer


Lustig war das nicht. Wirklich nicht. Auf Burg Rabenstein hat es, wie überall in Franken, Anfang Juni gegossen wie aus Kübeln. Knöchelhoch hat Marc Vogel beim Mittelaltermarkt im Matsch gestanden, drei Tage lang. Und die Schuhe? „Ich hatte keine an“, sagt er. Denn Treckingschuhe oder Gummistiefel würden den nostalgischen Eindruck eines früheren Zeitalters gründlich ruinieren.

Aber jetzt ist Sommer! So schön, dass Marc Vogel sein Morgenyoga im Garten vorm Haus in Dambach praktizieren kann. Wenig später klingelt das Telefon, eine Künstleragentur fragt für ein Firmen-Event an. Vier, fünf Leute, kostümiert – und stumm. Vogel protestiert: „Gaukelei ohne Sprache, das ist wie Fahrradfahren ohne Räder.“ Denn Worte sind wie eine Nabelschnur, mit der die Unterhalter ihr Publikum an sich binden. Nun gut, lenkt Marc Vogel ein, wenn der Kunde darauf besteht… „Dann aber mit Maske, dass das einen Sinn hat.“

Solche Verhandlungen gehören zum Alltag. Genauso wie die Organisation der Gruppe, die auftreten soll und immer wieder neu zusammengesetzt ist. Wer ist verfügbar? Welche Darbietungen können die Gaukler präsentieren? Was funktioniert vor Ort?

Egal, ob er als Artist, als Feuerschlucker oder als Gaukler auftritt, sagt Marc Vogel, „das Wichtigste ist, mit Menschen gut umzugehen“. Nur wer ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen und halten kann, wird als Unterhalter erfolgreich sein. Natürlich gibt es ein paar Tricks, die narrensicher sind. Zum Beispiel, wenn Vogels Figur Oskar mit französischen Akzent erklärt, wie man sich begrüßt in Paris. Dann ergreift er die Hand einer Zuschauerin, Nonono!, kein Handschlag. Auch kein – er hebt die Hand zum Mund – Handkuss. Nonono! Die Franzosen küssen sich auf die Wangen. Oskar macht das mit Luftkuss vor – und hält dann seine Wange hin. Nachmachen bitte. Und während die Zuschauerin die eigenen Lippen spitzt, stibitzt er mit schneller Kopfdrehung einen echten Kuss.

Da lachen alle, immer. Der hautnahe Kontakt muss einem Künstler liegen und er erfordert viel Übung. Wie reagieren Menschen, was amüsiert sie? „Je mehr Zuschauer es sind, desto leichter wird es“, sagt Marc Vogel. Einigen gefällt es auf jeden Fall – und die reißen die übrigen mit.

Der 40-Jährige hat viel Erfahrung. Angefangen hat’s mit einem Jonglier-Workshop vor mehr als 20 Jahren. Erste Auftritte hatte er beim Grafflmarkt („Den Leuten gefällt’s, man kriegt Geld und was zu trinken, hat Spaß“) und auf Reisen. Prag, Budapest, Singapur. Als er nach anderthalb Jahren zurückkam, konnte er mit Fackeln jonglieren, Feuer spucken und den Fakir machen. „Zehn Minuten lang, von heute aus gesehen grottenschlecht.“ Aber das war neu, die Agenturen waren Feuer und Flamme.

Er trat als lebende Deko in Kaufhäusern auf, jonglierte bei Straßenfesten und lernte das Stelzenlaufen. Über die Jahre hat er sich in jeder Hinsicht weiter entwickelt. „Un poco loco“, wie seine Truppe heißt, gestaltete schon abendfüllende Feuershows, regelmäßig treten sie bei der Blauen Nacht in Nürnberg auf und seit 2010 organisiert Vogel den mittelalterlichen Weihnachtsmarkt auf der Freiheit. Wenn er wollte, sagt Marc Vogel, könnte er nur noch managen und organisieren und dabei mehr verdienen als mit Auftritten.

Aber er will ja nicht. Sondern sucht das Publikum. Ein 20-Minuten-Auftritt kann 400 Euro aufwärts kosten. Minimum. „Was?!“ fragen die Kunden dann ungläubig. Marc Vogel erklärt geduldig: Eine Stunde packen, eine Stunde Aufbau, Show, eine Stunde Abbau „und dann ist noch nicht geprobt und es sind noch keine Spezialgeräte dabei“. Wie der Leiterwagen mit Lautsprecher, der ihn mobil macht, wie das Feuerfloß oder die Flammenfackel. Sie alle hat Marc Vogel selbst konstruiert und gebaut. „Ich klemme mich dahinter und lese alles!“ Solides Wissen ist gefragt, denn bei seinen Shows kommen brennbare und explosive Stoffe wie Spiritus, Gas oder Bärlapp-Sporen zum Einsatz, Druck und Tragfähigkeit müssen gewährleistet sein.

Ansonsten, sagt Marc Vogel, „das Übliche. Selbst und ständig.“ Seit zehn Jahren kann er ganz von der Gaukelei leben, 2007 hat er noch sein Studium zum Hauptschullehrer abgeschlossen und macht gerade eine Ausbildung zum Yogalehrer.

Denn ewig gaukeln? Ist vielleicht doch nicht das Wahre, auch wenn Marc Vogel behauptet, er hätte einen gute-Laune-Schalter. Bei den Wintermärkten ist es oftmals bitterkalt, und vor der Bühne stehen zehn schlotternde Zuschauer im Nieselregen. Oder die Familienfeiern. Steife Geburtstage und Hochzeiten, bei denen vorher richtig gestritten wurde, sind gar nicht selten. „Manchmal ist es echt schwer“, sagt Marc Vogel. Und andererseits: Er ist Stimmungskatalysator, bringt gelangweilte Menschen auf neue Gesprächsthemen – und wird mit Applaus belohnt.

VON GABI PFEIFFER

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