Dienstag, 19.11.2019

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Quelle: "Ich hab’ meinen Frieden wieder gefunden"

Einige Mitarbeiter kamen nach der Pleite beim Landesamt für Statistik unter - 20.10.2019 16:00 Uhr

Vor der Kirche „Unsere Liebe Frau“ drückte dieses Kreuz 2009 die Verzweiflung vieler Menschen über das Ende der Quelle aus. © Archivfoto: Ralf Rödel


Zum Beispiel Lutz-Jean Kern. Als der 53-Jährige 1991 über einen Job bei Quelle "reinrutschte", durchschritt man in der Hauptverwaltung an der Nürnberger Straße ein richtiges Eingangsportal. Es gab eine große Treppe, über die man zu einem Portier hinaufstieg, die Vorstandsetage trug dunkles Holz und präsentierte die Firmeninhaber Gustav und Grete Schickedanz in Porträts. Kern erlebte noch, wie Chauffeure und Manager die "First Lady" umschwirrten, wenn sie zu ihrem Büro ging. "Das war schon ein bisschen majestätisch."

Kern hat 18 Jahre bei Quelle gearbeitet, zuletzt als Marketing-Spezialist für die Gesamtplanung Vertrieb. Er kannte die Zahlen des Versandgeschäfts, wusste, dass die Umsätze seit Anfang 2000 schrumpften. Trotzdem: Dass der Tanker versinken könnte, schien auch ihm undenkbar. Der kinderlose Single glaubte seinen Job sicher bis zur Rente. Als der Insolvenzverwalter das Aus verkündete, war Kern "wie betäubt". Er bewarb sich europaweit, erhielt aber oft nicht einmal eine Absage.

"Das war schon komisch"

Dann tat sich doch eine Zukunft für ihn auf, ausgerechnet an seiner alten Arbeitsadresse. "Das war schon komisch." Die Verlagerung des Landesamts für Statistik von München in die frühere Quelle-Hauptverwaltung verschaffte ihm dank Zensus einen Zeitvertrag und später ein unbefristetes Arbeitsverhältnis.

Manuela Steinecke, Lutz–Jean Kern, Evi Bürner und Richard Klusch (von links) vor dem Landesamt für Statistik, der ehemaligen Quelle-Hauptverwaltung. © Foto: Hans-Joachim Winckler


Er habe sich finanziell verschlechtert, sagt Kern, nennt die Behörde aber seine "letzte Rettung". Heute arbeitet er im Sachgebiet "Regionalstatistik, Informationssysteme, Auskunftsdienst, Verzeichnisse" und ist sich sicher: "Meinen Job mach’ ich bis zur Rente."

Evi Bürner (50) hatte Geburtstag. Sie wurde just an dem Tag 40, als ein Bote ihr zuhause die Kündigung überreichte. "Ein unvergessliches Geburtstagsschenk!" 1989 hatte Bürner als Lehrling angefangen und sich hochgearbeitet zur Merchandise Controllerin für den Bereich Schuhe und Sport. Fast 21 Jahre war sie bei Quelle, doch als sie zum Schluss als eine der letzten Beschäftigten bei der Abwicklung des Konzerns half, fühlte sie sich in der Nürnberger Straße "wie in einem Geisterhaus".

Während sie selbst vom dritten Stock in Fürth aus die Räumung des Leipziger Lagers veranlasste, machte ein Räumkommando in den Nachbarbüros tabula rasa und warf Unterlagen aus dem Fenster hinunter in den Hof, wo ein Container stand. "Unsere jahrelange harte Arbeit war plötzlich nur noch Müll und bereits Geschichte."

Nach zig vergeblichen Bewerbungen und diversen Zeitverträgen im Landesamt, wo sie jetzt dem Gesamtpersonalrat vorsteht, wurde Bürner Sachbearbeiterin für Hochschulfinanzstatistik. Sie weiß von Ex-Kollegen, die bei anderen Firmen erneut "in die Pleite gerasselt sind", und ist froh um ihren Job. Denn: "Ich hab’ meinen Frieden wieder gefunden."

Richard Klusch (54) ist zweifacher Familienvater. Kurz vor der Quelle-Insolvenz hatten er und seine Frau Wohneigentum gekauft. Schulden wollten abbezahlt werden, die beiden Söhne waren 12 und 8 Jahre alt. Mit der Insolvenz begann für den Diplom-Betriebwirt (FH), der im Bereich Warenwirtschaft und Controlling 17 Jahre in Diensten der Quelle gestanden hatte, eine Zeit, die geprägt war von Hilflosigkeit und der immer gleichen Frage: Was wird aus mir und meiner Familie?

2011 heuerte Klusch beim Statistikamt an – in München. Eineinhalb Jahre pendelte er, dann kehrte er zurück nach Fürth. Richard Klusch ist einer der Teamleiter im Sachgebiet "Öffentliche Finanzen, Personalstand, Schulden". Dass sein Arbeitgeber nun der Freistaat ist und nach der Entkernung und Sanierung nichts mehr im Haus an die Ära Schickedanz erinnert, stört ihn nicht.

"Was für eine Energie"

Doch hat sich ihm ins Gedächtnis gebrannt, wie energisch Grete Schickedanz ihm einmal "Guten Morgen" wünschte. Damals habe er erahnen können, "was für eine Energie und Entschlossenheit früher in dieser Frau gesteckt haben muss".

Manuela und Ronald Steinecke traf das Quelle-Aus doppelt. Das Paar hatte nach der Wende Potsdam verlassen und in Fürth neu angefangen. Er, bei Quelle zuletzt Teamleiter IT-Support, sie, Buchhalterin und Einkaufssachbearbeiterin, trafen sich immer zur Mittagspause auf halber Strecke zwischen ihren Arbeitsplätzen in der Nürnberger Straße und der Herderstraße.

Von ihrer Entlassung erfuhr Manuela Steinecke im Urlaub auf Santorin durch einen Anruf ihres Chefs. Sie war, nach fast 20 Jahren Betriebszugehörigkeit im September 2009 eine der ersten, die von den Kündigungswellen erfasst wurden. Ihr Mann verlor seinen Job kurz danach.

"Es war für uns der absolute Zusammenbruch", sagt die 52-Jährige, die heute als stellvertretende Projektleiterin an der Pilotstudie für den Zensus 2021 arbeitet. Dass es für beide im Statistikamt mit dem Zensus einen Neuanfang gab und sie ihre Mittagspausen längst wieder gemeinsam im Fürther Stadtpark verbringen können, findet Manuela Steinecke "megacool".

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