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Rehe als Streitobjekt

Waldbesitzer, Jäger und Forstexperten müssen reden - 18.03.2017 09:00 Uhr

Müssen mehr Rehe geschossen werden? Ja, meinen die Waldbesitzer. © Foto: Bernhardt


Wenn sich Vermieter und Mieter, Arbeitgeber und –nehmer, Radfahrer und Fußgänger zum Interessenabgleich treffen, geht es selten einmütig zu. Und dennoch, dies sind die Auseinandersetzungen, die das Wesen des demokratischen Zusammenlebens ausmachen. Sie sind der Nährboden, auf dem die Republik gedeiht, wie der Mischwald auf dem gesunden Grund. Der gesunde Mischwald aber ist bedroht. Durch den Klimawandel (es ist zu warm für Kiefern und Fichten) und zu viel Wild, vor allem Rehe. Das ist für wohlmeinende Städter hart zu begreifen: Während das Schwarzwild, die schlauen Sauen, die Kulturlandschaft beschädigen, ist es das scheue, verehrte und idealisierte Reh, dass die nachwachsende Baumtriebe wegfrisst und Aufforstungen zunichtemacht. Bambi ist zum Waldschädling geworden.

Doch allein über die Jagd, sagt Professor Erwin Hussendörfer ist das natürliche Gleichgewicht nicht wieder herzustellen. © Peter Budig


Die Parteien werden sich aber nur schwer einig: Hier die Jagdgenossen — Grundbesitzer ganz unterschiedlich großer Wälder; dort die Jagdpächter — Jäger, deren Antrieb ihr Hobby und ihre Leidenschaft ist. Der Wunsch des Waldbesitzers sind verträgliche Wildpopulationen. Dafür soll der Pächter durch vermehrtes Abschießen sorgen. Der Pächter ist außerdem für Verbiss und Feldschäden per Gesetz haftbar zu machen — ein Streitgebiet, das zu allerhand Ärger bis zum Prozess führen kann.

Und noch etwas trägt dazu bei, dass Einhelligkeit erst am Ende eines längeren Einigungsprozesses zustande kommen könnte: Gemeinschaftsjagdreviere brauchen — so ist es Jagdgesetz — mindestens 250 Hektar. Viele Waldbesitzer besitzen deutlich weniger. Sie müssen sich zusammentun, damit ihr Wild bejagt wird, in Deutschland gibt es vier Millionen Jagdgenossen (Waldbesitzer), aber nur 30 000 Jagdgebiete. Jeder Jäger soll also Wünsche von etlichen Waldbesitzern erfüllen. Der Wunsch lautet meist: Mehr Abschuss.

Vor diesem Hintergrund muss man erst einmal die Stimmung loben im Cadolzburger Gasthaus Zur Friedenseiche. In den Nebensaal sind gut 300 Gäste gekommen. Die Männer ähneln einander in ihren bequemen Wander- und Sportschuhen, den Jeans und Cordhosen, den Flies- und Trachtenjacken teurer Marken. Draußen stehen überdurchschnittlich viele große Fahrzeuge mit Anhängerkupplung.

Gastgeber Filmer hat zudem eine mutige Entscheidung getroffen, indem er Erwin Hussendörfer als Referenten einlud. Der ist nicht nur Wissenschaftler und Ausbilder des Forstnachwuchses, sondern selbst Jäger und Jagdgenosse (Waldbesitzer). Er gehört dem kleineren der beiden bayerischen Jagdverbände an, dem Ökologischen Jagdverein (ÖJV), während 95 Prozent der Jäger beim Bayerischen Jagdverband Beiträge entrichten.

Hussendörfers Statement enthält einiges, was unter Jägern umstritten ist: "Ein natürliches Gleichgewicht werden wir mit der Jagd allein nicht erreichen, aber angepasste Wildbestände. Luchs, Bär und Wolf könnten ein Gleichgewicht herstellen. Allerdings haben wir stark veränderte Umweltbedingungen, wie etwa die Zerschneidung der Landschaft durch Straßen oder große Maisfelder."

Am Tisch sitzen Marianne und Wolfgang Werzinger, die einen großen Wald mit 30 Hektar in Buchschwabach besitzen. Sie sind nicht nur Grundbesitzer, sondern auch beruflich engagiert, für Marianne Werzinger die "Voraussetzung unserer Vorhaben, sonst könnten wir uns das nicht leisten". "Das" ist ihr Projekt "Zukunftsorientierter Waldumbau": "Die Zukunft von Kiefer und Fichte ist absehbar", erklärt Wolfgang Werzinger. Der Klimawandel erzwinge den Umbau des Waldes zum Mischwald mit neuen Sorten. Will man dies nicht in umzäunten Schonungen bewerkstelligen, muss in die Wildpopulation eingegriffen werden: Zu viele Rehe im Wald fressen die jungen Triebe weg. Schutzzäune sind teuer, 510 laufende Meter kosten 3658 Euro. Auch die Jäger mögen keine Zäune, die ihre Reviere parzellieren. Das sind Fakten, die eine Einigung auf höhere Abschussquoten unerlässlich machen.

"Ich sehe die Notwendigkeit ein. Doch Jagd im Revier funktioniert nur, wenn alle an einem Strang ziehen", meldet sich Roland Kretsch, Vorsitzender der Fürther Jäger und Ausbilder zu Wort. "Ausgerottet gehört das Kroppzeug", ruft ein Waldbauer wütend in den Raum, doch dies bleibt der einzige Ausfall an diesem Abend. "Kommunikation statt Zäune", gibt Frank Wagner von der Hegegemeinschaft Zenngrund Nord vor. Denn wer will wie kontrollieren, wie viele Rehe tatsächlich zur Strecke gebracht wurden? Im Grunde beweist der Diskurs, dass das natürliche Gleichgewicht nicht mehr funktioniert: Die Verjüngung des Waldes, das Regeln der Wildpopulation hat man lange der Natur überlassen können. Bis der Mensch eingegriffen hat. 

Peter Budig

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