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S wie Seeling

Fürther von A bis Z: Rolf Otto Seeling ist ein Nachfahre des Industriellen und Wirtschaftsfachmanns Otto Seeling - 28.08.2012 09:00 Uhr

Rolf Otto Seeling mit Sohn Constantin Mutter Luise und Ehefrau Sibylle vor dem Porträt des Großvaters im Rathausflur. © Hans-Joachim Winckler


In der Otto-Seeling-Schule wird gefeiert. Lehrer, Eltern und Klassensprecher füllen die Aula und Professor Dr. Rolf Otto Seeling ist sichtlich stolz, als er über seinen Großvater spricht: „Er war leistungsorientiert und leistungsstark, er hat Leistung wahrgenommen und seine Wertschätzung zum Ausdruck gebracht.“ In dieser Tradition stiftet seine Familie jährlich den „Otto-Seeling-Preis“, der Mittelschüler für besondere schulische, soziale, kulturelle oder sportliche Leistungen auszeichnet. Die festliche Übergabe kurz vor den Sommerferien markiert einen besonderen Tag, auch Seelings Frau Sibylle und seine Mutter Luise sind gekommen.

„Die älteren Fürther haben mich auf der Straße angehalten und gesagt: Generaldirektor Seeling, ach ja!“, erzählt Luise Seeling. Sie selbst hat den Schwiegervater noch persönlich kennengelernt, bei ihrer Hochzeit lebte er schon nicht mehr. Otto Seeling war 1891 in der Erlanger Straße geboren, verlor mit fünf Jahren den Vater und mit 16 die Mutter. Er absolvierte eine Kaufmannslehre und lernte abends fürs Abitur, studierte Volkswirtschaft und Jura und war als junger Doktor rer. pol. schon Syndikus mehrerer Wirtschaftsverbände.

Adenauers Berater

Gerade 31 Jahre alt, wurde er in den Vorstand der Tafel-, Salin- und Spiegelglasfabriken A.G. Fürth berufen, gründete die Flabeg und die Detag — beide enorm erfolgreiche Spiegel- und Glasproduzenten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er, wie andere führende Industrielle, von den Amerikanern inhaftiert. Nach fünf Monaten entlassen, widmete er sich dann dem Wiederaufbau und war zunächst bayerischer Vertreter im bizonalen Wirtschaftsrat, gehörte später zum engsten Beraterkreis um Bundeskanzler Konrad Adenauer. Ein fast schon überlebensgroßes Vorbild. Macht das Druck? „Ich denke, es gab die Leistungserwartung“, sagt Rolf Otto Seeling nach der Preisverleihung, entspannt in seinem Wohnzimmer mit Blick auf einen grünen Garten.

Als guter Schüler habe er ihr mühelos gerecht werden können, als ähnlich schwerelos hat er die Banklehre und das Jura-Studium in Bayreuth, Lausanne, Erlangen und München empfunden. Heute vereinbart der Arbeits- und Gesellschaftsrechtsexperte die Tätigkeit in einer großen Kanzlei mit einer Professur an der FOM, der privaten Hochschule für Ökonomie und Management in Nürnberg. „Ich definiere mich nicht durch meinen Großvater. Für Menschen, die beruflich nicht erfolgreich sind, stelle ich mir das schwieriger vor.“

Als er 1963 zur Welt kam — benannt nach seinem Onkel Rolf, der in den Nachkriegswirren getötet wurde, und nach Otto Seeling — war sein Großvater schon acht Jahre lang tot. Er kennt ihn nur aus Erzählungen. Lebendig ist ihm der Opa Wüstendörfer in Erinnerung, der in Fürth weithin bekannte und geschätzte Arzt. Und natürlich „Onkel Gustav“ Schickedanz, dessen erste Frau die Schwester der Frau Wüstendörfer war und der an Kindergeburtstagen den Chauffeur mit einem Berg von Geschenken vorbeischickte. „Das Lebenswerk von Otto Seeling war mir fremder als die Quelle oder die Arztpraxis Wüstendörfer“, sagt der Enkel.

Aufgewachsen ist er im Dreieck Seeling-Wüstendörfer-Schickedanz. Eine bemerkenswerte Konstellation, geprägt von unternehmerischer Tatkraft, großbürgerlichem Lebensstil und sozialer Verpflichtung. Doch seine Herkunft war in Fürth „weder in der Schule noch für die Freunde ein Thema“, erzählt Rolf Otto Seeling. Seine Frau Sibylle stammt aus Neustadt/Aisch. „Ich war völlig unbefangen“, erinnert sie sich ans Kennenlernen. Sie kannte den Straßennamen — mehr nicht. „Sie haben aber nichts mit der Promenade zu tun?“, wird die Familie heute noch angesprochen. Und inzwischen auf die Galerie in der Mathildenstraße, die die Eheleute 1999 eröffnet haben. Vor sieben Jahren hat der Erste gesagt „Seeling, ach von der Galerie?“. Ein Durchbruch.

Dass jemand nach dem Generaldirektor fragt, der 1954 als Erster mit der Goldenen Bürgermedaille ausgezeichnet wurde und dessen Bild im Rathausflur hängt, ist eine Seltenheit. „Das Wissen verliert sich. So ist das halt“, sagt Rolf Otto Seeling ohne Bedauern. Das Leben geht eigene Wege, und was aus dem Namen wird, ist ungewiss. Seelings berühmter Großvater hatte die Familiengeschichte in Fürther Kirchenbüchern bis zum 30-jährigen Krieg zurückverfolgt, seine Schwester lebt in Berlin, und dass seine Söhne als Erwachsene in der Stadt bleiben, hält er für „relativ unwahrscheinlich“. Auch aus diesem Grund hofft Rolf Otto Seeling, „dass wir etwas geben können, und ich empfinde es als Privileg, den Preis spenden zu dürfen. Eine tolle Gelegenheit, uns sozial zu betätigen.“ 

Gabi Pfeiffer

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