Steine statt Blumen

24.7.2013, 19:00 Uhr

© Hans-Joachim Winckler

Unter Quietschen öffnet sich das Tor, dann heißt es Hut auf oder Kippa. Aber nur für die Männer, Frauen sind durch ihr Wallehaar genug bedeckt. Kaum ein Stein hier steht gerade, Brennnesseln wuchern in die Höhe, keine Blume ziert ein Grab, dafür entdeckt man hin und wieder ein Steinchen auf einer Grabstelle. Warum ist das so?

„Blumen spielen als Grabschmuck keine Rolle, ein Toter kann sich an Blumen nicht mehr erfreuen“, sagt Gisela Blume. „Die Steinchen erinnern an den vierzigjährigen Zug der Kinder Israels durch die Wüste.“ Denn wer in der Wüste sein Grab fand, wurde mit Steinen bedeckt — damit die Tiere den Toten nicht herausscharren konnten.

20000 Quadratmeter umfasst Fürths jüdischer Friedhof, etwa 20000 Beerdigungen hatten hier stattgefunden, die letzte 1936. Doch nur 6000 Grabsteine sind übrig. Sehr viele Grabsteine wurden in der Reichskristallnacht und in den Jahren danach zerstört oder zu Steinmetzen zwecks Wiederverwertung geschleppt

Andere sind im Lauf der Jahre umgekippt, im Erdboden versunken oder von den Bäumen überwuchert. Auch das gehört zu den Paradoxa jüdischer Friedhöfe: Einerseits gehört dem Toten sein Grab bis zum Tag, an dem der Messias kommt, deshalb spielt die Unversehrtheit des Grabes eine eminent wichtige Rolle. Christliche Gräber hingegen werden aufgelassen und die Knochen wandern ins Beinhaus. Andererseits darf ein jüdischer Grabstein durchaus umkippen, verwittern oder unter Moos verschwinden, was auf christlichen Friedhöfen mit ihrer pedantischen Grabpflege schier undenkbar ist.

Wer kein Hebräisch versteht, steht vor vielen Grabsteinen ratlos. Doch Zeichen geben Aufschluss. Zwei aneinandergelegte Hände mit einer Lücke zwischen Ring- und Großem Finger symbolisieren den Aaronitischen Segen. Das bedeutet, hier liegt ein Kohen, ein Priester.

Gräber rekonstruiert

Die älteren Steine bestehen alle aus Sandstein, tragen hebräische Schriftzeichen und unten die Segensformel: „Seine Seele sei eingebunden ins ewige Leben.“ Das ändert sich mit dem 19. Jahrhundert. Dann wandeln sich die Steine zu Obelisken aus schwarzem Granit oder zu gebrochenen Säulen, die ein kurzes Leben kennzeichnen. Nun kann man auf Deutsch nachlesen, wer hier ruht.

Entlang der Bogenstraße stehen die Steine derart dicht an dicht, dass man kaum an Gräber mehr glauben kann. In dieser Abteilung legten die Nazis einen Löschteich an. Das heißt, sie warfen die Steine auf einen Haufen, hoben die Erde aus und zerstreuten die Gebeine. Inzwischen stehen dort die Steine wieder. Doch die Gräber sind verloren. Ein Gedenkstein erinnert an die namenlosen Toten.

Die Lage der intakten, aber ungekennzeichneten Gräber kann Gisela Blume dennoch ungefähr angeben. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg hatte man den Friedhof mit Markierungssteinen in Planquadrate eingeteilt; in den Dreißiger Jahren schoss ein Fotograf Aufnahmen der Grabstätten, so dass die ungefähre Lage manchen Grabes zu rekonstruieren ist.

Gisela Blume weist auch auf Gräber prominenter Fürther Juden hin, so auf Louis Alfred Nathan, Begründer des Nathanstifts, oder auf den Rabbi Isaak Loewi, der im 19. Jahrhundert von der Bayerischen Regierung nach Fürth entsandt wurde. Nicht weit davon liegt auch das Grab der Eltern von Benno Strauß.

Strauß war an der Entwicklung des rostfreien Edelstahls für Krupp beteiligt. Das Patent dafür hatte er allerdings unter dem Pseudonym Clemens Pasel eingereicht. „Damals hatte Benno Strauß sich längst einen Namen gemacht“, erzählt Wolfgang Stark, „und hätte er unter seinem Klarnamen das Patent eingereicht, wären die Engländer hellhörig geworden, denn Edelstahl spielte im Ersten Weltkrieg eine bedeutende Rolle für Turbinen, Gewehrläufe und Salpetersäure.“ Die Nachwelt dankte es ihm schlecht, Strauß wurde 1934 entlassen und starb 1944 als gebrochener Mann in einem Arbeitslager.

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