Sonntag, 08.12.2019

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Ungewöhnliche WG: Als ein junger Syrer zur Familie stieß

Ehepaar in Vach beherbergte einen Flüchtling und sammelt ermutigende Erfahrungen - 11.02.2019 16:00 Uhr

Berührungsängste abgebaut: Die Fürtherin Sonja Hutter mit dem inzwischen anerkannten Asylbewerber Alan Ali kann auf eine „unheimlich bereichernde“ Zeit des Zusammenlebens zurückblicken. © Foto: Leberzammer


"Alan ist quasi unser dritter Sohn geworden", erzählt Sonja Hutterer. Inzwischen hat Alan Ali zwar eine eigene Wohnung in Fürth gefunden, Kontakt halten die Hutterers mit ihrem Schützling aber noch: "Wir haben ihn ein Stück weit begleitet, jetzt ist er flügge geworden."

Den Anstoß zu der ungewöhnlichen Wohngemeinschaft gaben die beiden erwachsenen Söhne der Hutterers – in zweierlei Hinsicht. Zum einen, weil sie 2015 mit ihrem Auszug aus der elterlichen Wohnung überhaupt erst Raum für eine anderweitige Nutzung gemacht haben. Zum anderen, weil ihre anfänglichen Bedenken gegenüber der – mittlerweile aufgelösten - Flüchtlingsunterkunft bei Mutter Sonja die Neugier geweckt hatten.

Sorgen vor Kriminalität und Unrat im Umfeld der Unterkunft hatte nämlich einer ihrer Söhne geäußert. Auf die Frage seiner Mutter, ob er denn einen der dort Untergebrachten überhaupt kenne, antwortete er mit der Gegenfrage: "Nein, aber kennst denn du jemanden?"

Für Sonja Hutter war dies der Auslöser, ein Treffen der Vacher Flüchtlingshilfe zu besuchen, wo sie bis heute aktiv ist. So lernte sie schließlich auch Alan Ali kennen. Der 29-Jährige flüchtete 2015 aus Syrien, ist mittlerweile anerkannter Asylbewerber und studiert in Erlangen Soziologie. Anfangs stellten ihm die Hutterers einen Raum zur Verfügung, in dem er sich in Ruhe auf die Prüfungen seiner Deutschkurse vorbereiten konnte. Wenig später zog er dann ganz ein. "Es gab nie Reibereien", betont Hutterer, räumt aber ein, durchaus Bedenken gehabt zu haben, "schließlich gibt es nur eine Küche und ein Bad."

Die Bedenken zerstreuten sich rasch

Die Zeit mit Alan Ali und das Engagement in der Flüchtlingshilfe habe sie und ihren Mann "unheimlich bereichert". Weil es eine private, unabhängige Initiative sei, habe man viele Freiräume im Umgang mit den Flüchtlingen. Die Bedenken ihrer Kinder zerstreuten sich übrigens sehr rasch.

"Das Problem ist immer das Unbekannte", meint die 52-Jährige, "bis man merkt ‚Hoppla, das ist ein Mensch wie ich.‘" Ebensowenig wie aus der eigenen Familie habe sie aus der Nachbarschaft Vorbehalte gegenüber dem neuen Untermieter erlebt – "eher Neugier."

Für Andrea Baumann von der Flüchtlingshilfe beim FZF ist diese WG ein Beispiel für eine gelungene Vermietung "und vielleicht Anreiz für andere." Wobei sich das Projekt "Zimmer frei?!" vor allem um Wohnungen und nicht um WGs kümmert. Oder, wie Irene Höllrigl von der Caritas-Flüchtlings- und Integrationsberatung präzisiert: "Wir suchen nicht nach Wohnungen, sondern nach Vermietern."

Bezahlbarer Wohnraum fehlt

2017 gab es demnach 22 erfolgreiche Vermittlungen in Stadt und Landkreis Fürth, im vergangenen Jahr waren es noch zwölf.

"Es mangelt einfach definitiv an bezahlbarem Wohnraum", begründet Baumann die rückläufigen Zahlen. Sechs Ehrenamtliche engagieren sich im Zimmer-frei-Projekt. Sie suchen Vermieter, treffen eine Vorauswahl geeigneter Mietkandidaten und begleiten sie dann während des Mietprozesses und bei Behördengängen.

So war es auch bei Sonja Hutterer und Alan Ali. Dass sie eine Zeit lang unter einem Dach lebten, habe das Ringen mit der Bürokratie erleichtert. "Vieles, was in den amtlichen Schreiben drin steht, versteht man ja selbst als Muttersprachler kaum", kritisiert Baumann.

Armin Leberzammer

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