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Unterwegs im Wald 2.0

Virtuelle Verästelungen der Bildenden Kunst im Babylon - 17.10.2015 16:30 Uhr

Digitale Schwärme: Von Sascha Banck, Fürths Kulturförderpreisträgerin 2008, stammt die Arbeit „Zugvögel“.

© Repro: Ralf Rödel


Kennen Sie den: Wie heißt Deutschlands kleinster Wald? Odenwald. Und warum? Na, das sagt doch schon der Liedtext: „Es steht ein Baum im Odenwald.“ Der Witz stammt aus uralter Zeit, als man noch analog dachte und werkelte. Heutige Künstler rücken der Sache eher digital zu Leibe, machen sich Gedanken über unsere Wahrnehmung und wie man die erweitern könnte. Da heißt es dann „Es steht ein Baum im Kleingründlacher Wald“.

Zum Beispiel mit diesen schwarz umrandeten Quadraten, die mit pupillenverwirrenden Mustern gefüllt sind. Der sogenannte QR-Code. Man hält Smartphone oder Tablet drauf, und schon erscheint auf dem Schirm Wissenswertes über das so gekennzeichnete Produkt. Im Foyer des Babylon-Kinos am Stadtpark hängt der oben erwähnte Kleingründlacher Baum von Birgit Maria Götz, den die Künstlerin an Ort und Stelle konterfeit und mit mutwilligen gelben Farbspritzern versehen hat. Man könnte meinen, der Baum schüttelt sich im Wind und stößt sein Laub ab. Dabei ist das Bild doch statisch. Gleichwohl, das Hirn „liest“ die Spritzer, deutet sie als Bewegung und imaginiert einen Windstoß. Das ist analoges Denken.

Erweiterte Wirklichkeit

Nun liegt aber vor dem Gemälde ein Blatt Papier mit besagtem QR-Quadrat aus. Das kann man aufnehmen und wird dann auf dem Tablet sein blaues Wunder erleben. Auf dem Display verliert der Baum tatsächlich sein Laub. Nämlich digital. So hat Ralf Scheid das Gemälde in eine „Augmented Reality“, in eine „erweiterte Wirklichkeit“ transformiert. So, als würde ein Tourist im Louvre sein Tablet auf den QR-Code neben der Mona Lisa halten, und statt Infos würde die Mona Lisa auf dem Schirm die Zunge rausstrecken. Fragt sich, warum genau das nicht der Phantasie des Betrachters vorbehalten bleibt.

Auch Anjo Haase zeigt einen Baum, der Stamm ist wie ein Strichcode liniert, seine Blätter bestehen aus grünen QR-Quadraten, dazu tummeln sich Fliegen, Spinnen und Spechte im Geäst, ebenfalls QR-verziert. Hier gibt es keine Bewegung, sondern Information. Das Tablet versorgt mit Wissenswertem über Laub, Schmeißfliegen, Spechte und gruslige Achtbeiner. Die Information, genauer: die sofortige Verfügbarkeit der Information, wird Bestandteil des ästhetischen Erlebnisses. Aber lebt Kunst nicht auch vom Geheimnis? Von einem Rest, der einfach nicht aufgehen will, der sich nicht entschlüsseln lässt?

Eine solche Kunst präsentiert der Experimental-Fotograf Thomas Bischof mit seinen großformatigen Park- und Waldfotos. Man erkennt Bäume und viele verrückte Farben. Aha, dreimal kreuz und quer durch den Fotoshop gejagt, denkt sich der Laie. Aber so einfach macht es sich Bischof nicht. Ihm geht es darum, Dinge sichtbar zu machen, die wir aufgrund unserer beschränkten Wahrnehmung aufzunehmen nicht fähig sind. Zum Beispiel das Verstreichen der Zeit, konzentriert in einem Moment.

Wandernder Schatten

Deshalb schießt Bischof über zwei, drei Stunden hunderte Fotos desselben Motivs aus demselben Blickwinkel von einem Stativ aus. Daheim wählt er einige Fotos aus, legt sie am Rechner übereinander und macht die klitzekleinen Unterschiede sichtbar. Zum Beispiel die Wanderung des Baumschattens über drei Stunden. Aus einem Schattenwurf wird ein Kranz von schwarzen Strahlen, die Bäume selbst erstarren in Silbergrau, und Menschen kommen zusammen, die sich nie begegnet sind. Weil sie zwar am selben Ort waren, doch zu unterschiedlicher Uhrzeit. So wird auch ein Spiel von Licht und Schatten sichtbar, wie man es — beschränkt auf den aktuellen Moment — nie wahrnehmen kann. So schaut vielleicht der liebe Gott auf die Welt.

Dazu passend hängt direkt neben Bischofs digitalen Baumfotografien ein analoges Werk aus Farbe und Handarbeit, „Zugvögel“ von Sascha Banck. Es zeigt Baumstämme, die aus sehr eng aneinandergefügten vertikalen Farblinien bestehen, die am Boden noch Abstand wahren und Tiefenwirkung ermöglichen, jedoch, je weiter das Auge nach oben wandert, miteinander verschmelzen, sodass der Wald wie eine kompakte Einheit aus disparaten Farblinien zu bestehen scheint. Aufgebrochen wird die Diktatur der Vertikalen durch die Horizontale, durch einen Schwarm von Silhouetten besagter Zugvögel.

Wer Kunst an der frischen Luft genießen will, der kann vor dem Fenster der Babylon-Kneipe Stephan Schwarzmanns Kombination aus Malerei und Halbrelief „Hive, Strophe 3“ bewundern. Aus einer Fläche, die mit züngelnden Blättern bemalt ist, wölben sich Halbkugeln aus schwarzer Spitze, als hätte ein Fetischist diverse BHs mit der Nagelschere bearbeitet. Bei näherem Hinsehen entdecken wir, dass es unter manchen Blättern weitergeht: dort liegen nämlich Waben wie aus einem Bienenstock. Biene Maja für Erwachsene.

Die Ausstellung runden bei der Vernissage an diesem Sonntag Performances von Ralf Bauer, Anton Hantschel und Bryan Hillesheim ab. Am kommenden Donnerstag gibt es ab 20 Uhr weitere Performances mit Melodien aus „Tetris“ und „Super Mario“ von Manasvini K. John, Sophie Habenicht, Marco Pflamminger und Siegfried Kärcher im Kinosaal und auf der Kellerbühne.

„Da ist kein Baum im Wald“: Babylon-Kino am Stadtpark (Nürnberger Straße 3). Vernissage morgen, 18 Uhr. Bis 25. Oktober.

REINHARD KALB

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