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VAG will Ticket-Verkaufsstellen in drei Städten einstellen

Empörung macht sich in Rathäusern breit - infra Fürth würde einspringen - 21.11.2019 05:54 Uhr

Sich nicht am VAG-Fahrkartenautomaten abmühen, sondern einfach in ein Geschäft gehen: Ein Service, den gerade ältere Menschen gerne nutzen. Vier solcher Ticket-Verkaufsstellen gibt es im Landkreis, wie hier bei Schreibwaren Wagner in Oberasbach. © Hans-Joachim Winckler


Für Steins Bürgermeister Kurt Krömer war es eines jener Schreiben, die ihm die gute Laune verhageln. Am 21. Oktober teilte die Verkehrs-Aktiengesellschaft (VAG) Nürnberg der Stadt mit, dass sie die beiden Fahrkarten-Verkaufsstellen in Stein am 3. Dezember schließen werde. Ebenfalls betroffen: Zirndorf und Oberasbach. Die Kommunen könnten das aber noch bis 24. Oktober aufhalten, wenn sie bereit wären, die jährlichen Kosten von etwa 10.000 Euro pro Servicepunkt in den örtlichen Geschäften zu übernehmen.

Nicht nur die äußerst kurze Frist von drei Tagen und die Art und Weise des Umgangs ärgerte Kurt Krömer, er sah sich auch als völlig falschen Adressaten. Schließlich bestellt der Landkreis Fürth den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV). Nun scheint man im Landratsamt eine Lösung für das Problem gefunden zu haben.

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Zunächst aber hatte es nur Trost seitens der Behörde gegeben. Schließlich seien alle Busunternehmen, die eine Linie im Auftrag des Landkreises betreiben, verpflichtet, auch Fahrkarten zu verkaufen. Also könne bei jedem Busfahrer vom Einzelticket bis zur Mobicard alles erstanden werden. Weitere Alternativen sind Fahrkartenautomaten, die in Stein und in Zirndorf an je einer Haltestelle stehen und der Online-Verkauf von Tickets.

Bus-Verspätungen durch Verkauf?

Das halte ich nicht für praktikabel", sagt Bürgermeister Krömer. Gerade älteren Menschen würde lieber in das örtliche Schreibwarengeschäft gehen und dort ihre Fahrkarte besorgen. Wenn Hunderte von Tickets von den Fahrern ausgegeben werden müssten, sei der Takt der Busse nicht zu halten, ist Krömer überzeugt. Grundsätzlich meint er: "Man kann nicht einerseits dafür werben, dass die Leute auf den Bus umsteigen sollen und dann andererseits den Service verschlechtern." Dass es durch den Verkauf zu Verspätungen kommen könnte, räumt auch VAG-Sprecherin Elisabeth Seitzinger ein.

Nun liegt dem Landkreis ein Angebot eines Verkehrsunternehmens vor, das bereit ist, die Verkaufsstellen zu übernehmen. Es möchte dafür eine Aufwandsentschädigung von fünf Prozent des Umsatzes. Kosten, die die Kommunen übernehmen sollen.

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infra Fürth würde einspringen

Den Namen des Unternehmens wollte die Pressestelle des Landratsamtes "aufgrund der Verhandlungssituation" nicht verraten. Doch in den Unterlagen des Oberasbacher Stadtrates stand zu lesen: Es handelt sich um die infra Fürth.

Sind die drei Städte auch bereit zu zahlen? Von der Pressestelle der VAG heißt es, man habe noch keine Rückmeldung erhalten. Jedoch zumindest für Stein und Zirndorf habe der Landkreis grünes Licht signalisiert. Wovon man aber in den betroffenen Kommunen gar nichts weiß.

Warum die Änderung jetzt so kommt, erläutert die VAG-Pressestelle auch: "Hintergrund ist eine EU-Verordnung, die vorgibt, dass Dienstleistungen von betrauten Unternehmen für Dritte nur noch zu Vollkosten erbracht werden dürfen." Die Dienstleistung meint im aktuellen Fall das Bereitstellen der Verkaufsautomaten in den Geschäften, der Dritte sind nach diesem Verständnis die Kommunen.

Genauer hat das Problem die Oberasbacher Stadtverwaltung noch einmal ihren Kommunalpolitikern erklärt: Die VAG übernimmt demnach in den nächsten 22,5 Jahren die Durchführung des ÖPNV für die Stadt Nürnberg. Laut des dafür abgeschlossenen Vertrags muss sich die VAG dabei auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Und um das Defizit der Verkehrs-Aktiengesellschaft, das die Stadt Nürnberg ausgleichen muss, nicht noch weiter zu vergrößern, dürfen Drittgeschäfte – wie besagter Fahrkartenverkauf – eben nur abgewickelt werden, wenn die Kosten dafür komplett erstattet werden.

In Oberasbach werden im Schreibwarengeschäft gleich neben dem Rathaus pro Monat rund 600 Fahrkarten verkauft. Die Kommune rechnet mit "massiven Beschwerden", sollte dieser Service wegfallen. So weit, das war einhelliger Tenor im Stadtrat, soll es nicht kommen. Würde Oberasbach einspringen und den Vertrag von der VAG übernehmen, schlüge das pro Jahr mit rund 12.000 Euro zu Buche. Würde die infra künftig den Ticketverkauf managen, wären dafür im gleichen Zeitraum 7140 Euro fällig – erheblich weniger. Freilich bliebe, laut Stadtverwaltung, noch eine weitere Option: Zusammen mit Zirndorf und Stein auf den Landkreis "bezüglich einer Kostenübernahme einzuwirken".

"Druck machen"

Eine Idee, die gefiel. Dabei vergaß sogar die CSU kurzfristig alle Parteifreundschaft: Man müsse gemeinsam "auf den Landrat zugehen und Druck machen", sagte ihr Fraktionssprecher Jürgen Schwarz-Boeck. Für Christian Jäger (SPD) ist der Erhalt der Verkaufsstellen "unerlässlich zur Förderung des ÖPNV". Und für diesen sei doch in erster Linie der Landkreis zuständig.

Empört über das Vorgehen der VAG ist auch Zirndorfs Bürgermeister Thomas Zwingel. Hier gehe es nicht nur um den Betrag von 10.000 Euro, vielmehr ziehe die VAG sich aus ihrer Verantwortung zurück. Er könne sich nicht vorstellen, dass der Stadtrat bereit sei, Geld für die Vertriebsmöglichkeiten des Verkehrsunternehmens auszugeben.

Und auch den Landkreis, der als Träger des ÖPNV nicht bereit sei, für diesen Service zu bezahlen, nimmt Zwingel in die Pflicht. Das Argument, die Bürger in den übrigen Kommunen hätten diesen Vorteil auch nicht, lässt Zirndorfs Bürgermeister nicht gelten: Damit stehle sich der Landkreis aus seiner Verantwortung.

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