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Vergessener Idealist aus der Fürther Altstadt

Der Anarchosyndikalist Fritz Oerter lebte und starb in der Kleeblattstadt - 15.03.2011 22:00 Uhr

Wie der Bug eines Schiffes: In diesem markanten Haus zwischen Oberer Fischerstraße und Pfarrgasse wirkte einst der Anarchosyndikalist und Dichter Fritz Oerter. © Ralf Roedel


Dass hier ein Mann wirkte, der 1935 eines der ersten Opfer der Fürther SA wurde, ist völlig vergessen: Fritz Oerter, zunächst überzeugter Sozialdemokrat und später leidenschaftlicher Anhänger des sogenannten Anarchosyndikalismus, Autor unzähliger kulturpolitischer Artikel und Aufsätze, ein ebenso feinfühliger wie engagierter Dichter, der für die unteren Klassen eine bessere Welt erhoffte und hilflos mit ansehen musste, wie die braunen Horden auch in Fürth die Macht an sich rissen.

Doch um seine Geschichte zu erzählen, muss man erst noch ein paar wenige Meter weiter zurückgehen, in die Pfarrgasse hinein. Dort steht man vor der Rückfront eines Gebäudes, dessen Eingang sich in der Oberen Fischergasse befindet: Im Dachgeschoss sieht man noch die Fenster, die zur Wohnung Fritz Oerters und seiner Frau gehörten.

Hier lebte und arbeitete der gelernte Lithograph, der dann in den 20er Jahren in dem auffälligen kleinen Haus am Ende der Pfarrgasse eine Buchhandlung und Leihbücherei eröffnete. Sicherlich nicht, um damit Geld zu verdienen, sondern um gute Literatur erschwinglich unters Volk zu bringen. Denn die Bildung der Schicht, aus der er selbst kam, lag Fritz Oerter Zeit seines Lebens am Herzen. Die Massen, deren Verführbarkeit er ahnte und fürchtete, wollte er für eine gerechte Sache gewinnen.

Geboren wurde Oerter 1869 in Straubing. Als Jugendlicher kam er mit seiner Familie nach Fürth. Schon früh begeisterte sich Fritz zusammen mit seinem Bruder Sepp für die Ziele der Sozialdemokratie. Doch gingen ihnen die politisch nicht weit genug; über linksradikale Jugendorganisationen führte beide der Weg zum Anarchismus. Nun darf man sich darunter keineswegs terrorverbreitende geheime Zirkel vorstellen. Der Anarchosyndikalismus, dem sich die Oerters inhaltlich verpflichtet fühlten, wird heute historisch als eine Bewegung eingeordnet, die die Lohnabhängigen selbstbestimmt und solidarisch zusammenschließen wollte.

Fritz Oerter entwickelte sich „zu einem der begabtesten Schriftsteller der anarchistischen Bewegung“, wie der legendäre Anarchist Rudolf Rocker in seinen Memoiren schreibt. Begraben in versprengten Archiven, findet man heute die Werke des Fürther Autors nurmehr schwer. Doch wer die Gedichte und Artikel liest, spürt noch etwas von der Leidenschaft, mit der Oerter vor und nach dem Ersten Weltkrieg seine Sache vertrat.

„Nicht die Nation und nicht der Kapitalismus dürfen es wagen, sich als Träger der Kultur aufzuspielen, einzig und allein ist es die werktätige Menschheit, welche wahre Kultur schaffen kann, wenn sie die Grenzen des Staates nicht mehr anerkennt, sich international solidarisch vereinigt, den Kapitalismus, diese internationale Landplage und Völkergeißelei, in die Versenkung verschwinden lässt...“ Solche Sätze machten einen unbeliebt bei der und gefährlich für die Obrigkeit.

Und so kam es mehrfach vor, dass Fritz und Sepp Oerter verhaftet wurden. Dennoch setzte zumindest Fritz seine aufklärerische Arbeit in den 20er Jahren, nachdem auch hier die Räterepublik gescheitert war, in Fürth unermüdlich fort. Bruder Sepp ging derweil im Norden Deutschlands ganz andere Wege: Er schloss sich später den Nazis an und wurde unter ihnen gar Landtagsabgeordneter.

Das Rampenlicht war dagegen die Sache Fritz Oerters nicht. Er lebte bescheiden im Schatten der Michelskirche, druckte, schrieb und versorgte die Bewohner der Altstadt mit Büchern. Auf alten Fotos sieht man einen stattlichen, weißhaarigen Mann mit buschigem Schnurrbart; er ähnelt ein wenig Mark Twain oder Albert Schweitzer, wie er da im Dachgeschoss seiner Wohnung auf dem Sofa sitzt, in die Zeitung vertieft, hinter ihm ein Regal mit dicken Folianten.

Enkel auf dem Land

Fotos des Ehepaars stehen heute im Wohnzimmer von Alfred Hierer in Egersdorf. Er ist der Enkel von Fritz Oerter, und bei ihm finden sich zahlreiche Dokumente, aus denen sich jetzt langsam das Leben dieses vergessenen Streiters für eine gerechtere Zeit rekonstruieren lässt. Der heute 85-jährige Hierer war als Kind oft bei seinem Großvater, sah zu, wie der mit angerührter Tusche seine Druckvorlagen herstellte, weiß noch wie die Großmutter die schweren Steine mit dem Leiterwagen bis nach Muggenhof in eine Lithographieanstalt brachte, trieb sich zwischen den vollgefüllten Regalen der Bücherei herum. Ein begeisterter Schachspieler sei der Opa gewesen; dagegen wurde über seine politische Arbeit in der Familie nie viel gesprochen. Zu gefährlich sei das wohl gewesen, und als Bücher mit Stempel und Exlibris Oerters aus der Pegnitz gefischt wurden, war klar, dass die Völkischen den Großvater und damit die ganze Familie im Visier hatten. Sie zog sich zurück aufs Land, Fritz Oerter aber blieb in Fürth.

Von hier aus hatte er längst Kontakte zu den führenden Köpfen des demokratischen Widerstands gegen Nationalismus und Großkapital geknüpft. Zu seinen Vertrauten zählten Gustav Landauer, eine der wichtigsten Gestalten der Münchner Räterepublik, die Schriftsteller Erich Mühsam und Ernst Toller.

Letzterer soll sogar bei Oerter Unterschlupf gefunden haben, nachdem man ihn 1924 aus der Haft, wo er wegen angeblichem „Hochverrats“ saß, entlassen hatte. Und wahrscheinlich erhielt Oerter 1926 in Fürth auch Besuch von einem leibhaftigen Literaturnobelpreisträger: Der große indische Dichter Rabindranath Tagore hielt sich am 19. September in Nürnberg auf. Dass er auch bei Oerter war, behauptete der Sozialdemokrat Conny Grünbaum in einem Gespräch.

In Alfred Hierers Besitz befindet sich auch ein bislang noch nicht ausgewertetes Tagebuch seines Großvaters, das über den kurzen Zeitraum zwischen Dezember 1932 und März 1933 bewegend berichtet. Am 5. März muss er den Sieg der NSDAP notieren und zitiert resigniert Schiller: „Das war kein Heldenstück, Octavio.“

Im September 1935 kommt ein Bekannter aus der Angerstraße in die Untere Fischerstraße und überbringt die Nachricht, dass Oerter im Krankenhaus gestorben ist — an einer Lungenentzündung. Die freilich hatte er sich nicht in Freiheit sondern im Gefängnis zugezogen: Die SA hatte ihn abgeholt, verhaftet und verhört.

Fritz Oerter hatte seinen Kampf verloren. Nach dem Krieg erinnerte sich in Fürth niemand mehr an ihn, nicht die SPD, die ihm einst nicht radikal genug war, die Konservativen schon gar nicht, die ihn nur für schlichtweg „anarchistisch“ hielten. So kam es, dass die Stimme eines bedeutenden Kämpfers für Frieden und Freiheit verstummte. 

Bernd Noack

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