Mittwoch, 14.04.2021

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Wallenstein: Der Erlebnisweg öffnet bald

Hören, fühlen, mitmachen: Ab Ende März wird das Grauen des 30-jährigen Kriegs greifbar - 06.03.2021 05:55 Uhr

Eine der ersten Stationen des Wallenstein-Erlebniswegs steht im Asbachgrund, hier zum Thema „Das Leid der Bevölkerung“. Besucher können sich auf die Bank setzen und den Erzählungen einer Marketenderin über ihr beschwerliches Leben im Gefolge des Kriegstrosses lauschen.

04.03.2021 © Foto: Hans-Joachim Winckler


Als Teil des Erlebniswegs "Wallensteins Lager" führt die Route auch an jenen Ort im Zirndorfer Stadtgebiet, an dem 1632 die gleichnamige blutige Schlacht tobte.

Das größte und teuerste Leader-Projekt im Landkreis Fürth ist auf die Zielgerade eingebogen. Zirndorf, Oberasbach und Stein ziehen dabei an einem Strang. Die Idee: die Ereignisse in dem riesigen Heerlager, das sich vor 389 Jahren auf dem Gebiet der drei Städte befand, lebendig werden zu lassen. Funktionieren soll das über 28 Stelen und Stationen aus Cortenstahl, an denen es etwas zum Erleben, Hören und Mitmachen gibt.


Wallensteins Lager soll erlebbar werden


Wie schwer war die Pike, der Spieß der Landsknechte? Das können Besucher dort zum Beispiel ausprobieren. Die Stationen verteilen sich unter anderem auf einem 16 Kilometer langen Rundweg entlang der ehemaligen Lagergrenze.

Das Kuratorenteam mit (v. li.) Simon Rötsch, Christine Lorber, Thomas Liebert und Monika Hetterich zeigen die Entwürfe der Bodenmarkierungen. Auf den Gehwegen (Bild unten rechts) in Zirndorf, Oberasbach und Stein bieten sie Fakten zu Wallensteins Lager.

04.03.2021 © Foto: Harald Ehm


Über eine halbe Million Euro teuer

Besucher müssen diesen aber nicht in einem Stück ablaufen, integriert sind drei kleinere Schleifen – eine für jede Stadt. 542.000 Euro kostet das Vorhaben, allein 200.000 Euro – der Förderhöchstsatz – kommen aus dem Leader-Programm der EU. Den Rest stemmen Zirndorf, Oberasbach und Stein anteilig nach der Zahl ihrer Einwohner.

13 000 Bäume wurden für das Lager gefällt.

04.03.2021 © Foto: Harald Ehm


Technische Finessen sollen bewerkstelligen, was der Titel "Erlebnisweg" verspricht. Etwa die Audiostationen, an denen Besucher, sobald sie eine Handkurbel gedreht und so die notwendige Energie erzeugt haben, Wissenswertes aus dem Lagerleben erfahren. Hinter Klappen gibt es etwas zu entdecken oder in den "Fundgruben".

Die App als Glanzstück

Viele Informationen waren zu recherchieren und in Texten zu verarbeiten. Dies übernahm unter anderem das fünfköpfige Kuratorenteam, auch für das Glanzstück – eine App. Sie sollten sich die Wanderer vorab auf ihr Smartphone laden. Eine Karte mit dem Wegverlauf gibt es, dazu Basisinformationen zum Dreißigjährigen Krieg. Über QR-Codes, die an allen Stationen gescannt werden, erhalten Besucher außerdem weiteres Material.

So berichten Protagonisten wie ein Musketier oder ein Trossbube – einer der vielen Kindersoldaten im Söldnerheer – aus ihrer Sicht über die Ereignisse der damaligen Zeit. Die Kostprobe, die Monika Hetterich, eine der Kuratorinnen, vorspielt, ist durchaus bedrückend.

Das Leid der Marketenderin

Kurze Texte informieren an den Stationen.

04.03.2021 © Foto: Harald Ehm


Eine Marketenderin – Frauen, die im Heerlager die Soldaten mit Essen und Waren versorgten, oft aber auch als Prostituierte arbeiteten – erzählt dabei von ihrem täglichen Überlebenskampf: Der Streit mit Menschen, die an ihre Waren wollen, ohne zu bezahlen. Die eigenen Kinder, deren "Münder es jeden Tag zu stopfen" gilt. Und schließlich die permanente Angst vor dem Profos, dem Repräsentanten der Militärgerichtsbarkeit, der sie bei noch so kleinen Verstößen des Lagers hätte verweisen und damit ihrer Existenz berauben können.

Die Frau schildert am Oberasbacher Häsigweg ihre Mühsal: "Leid der Bevölkerung", dieses Motto trägt die Station, die als eine der ersten direkt am renaturierten Asbach ihren Platz fand. Mit schwerem Gerät bei der Montage – immerhin wiegt das Stück 500 Kilogramm.

Die drei Stadtoberhäupter Birgit Huber (Oberasbach), Thomas Zwingel (Zirndorf) und Kurt Krömer (Stein) machten sich vor Ort ein Bild und waren angetan: Der Weg biete "ein Stück Kultur, Geschichte und Erlebnis", sagte Thomas Zwingel, "und das ganz corona-konform an der frischen Luft".

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Keine Glorifizierung

Wichtig war den Kuratoren auch, das Grauen des Krieges – jenes dreißigjährigen Flächenbrands, der Europa verheerte – und das allgegenwärtige Leiden der Menschen, insbesondere der Zivilbevölkerung, zu vermitteln. "Wallenstein wird nicht glorifiziert", betonen Christine Lorber, Leiterin des städtischen Museums Zirndorf, sowie Kreisheimatpfleger Thomas Liebert. Es werde nichts beschönigt oder verharmlost.

Sie gehören neben Monika Hetterich ebenso zum Kuratorengremium wie der 2. Vorsitzende des Heimatvereins Oberasbach, Simon Rötsch, und Katrin Weber von der Trachtenforschungsstelle des Bezirks Mittelfranken. Sie sitzt im Kulturhaus Stein in Unterweihersbuch, und hier wird sich, ganz passend, eine Station zum Thema "Textilien" finden.

Schanzenanlagen im Faberwald

Ein Aspekt, der Thomas Liebert, Archäologe im Hauptberuf, sehr freut: Die Reste der Schanzenanlagen im Steiner Faberwald – besonders gut im Winter zu sehen, wenn das Gelände von Laub bedeckt ist – wurden als Bodendenkmal unter Schutz gestellt. Hier informiert ebenfalls eine Stele über das "Kronwerk", wie dieser Teil der einstigen Befestigung aufgrund der besonderen Form genannt wird.

Während eine Firma aus dem Allgäu die Stelen und Stationen nun nach und nach montiert, wird der Erlebnisweg bereits auf andere Weise in den Städten sichtbar, und zwar durch 80 sogenannte Bodenmarken. Sechs verschiedene Motive zieren die Metallplaketten. "13.000 gefällte Bäume" steht auf einer zu lesen – sie wurden als Baustoff für das Lager verwendet. "80.000 Menschen" lebten dort. Das verrät eine der anderen Marken, etwa im Pflaster vor dem Steiner Rathaus. Viele Bürger seien schon stehen geblieben und "haben erkundet, was es hier Neues gibt", erzählt Kurt Krömer.

Eröffnung in kleiner Runde

Fertig sein muss alles bis zum 27. März, dann soll der Weg eröffnet werden. Allerdings nicht wie ursprünglich geplant mit einem großen Fest für die Bürger, sondern pandemiebedingt in kleiner Runde. Immerhin sollen der Landrat und die Bürgermeister dabei Michaela Kaniber begrüßen dürfen.

Bayerns Landwirtschaftsministerin kann die Angebote des Wegs dann nach Herzenslust ausprobieren, nur mit einem Blick vom Steiner Aussichtsturm wird es nichts. Er war einst ein mögliches Wunschprojekt in den Planspielen und ist, wie Monika Hetterich versichert, noch immer "in den Köpfen". Vielleicht wird er ja noch gebaut. Es muss nicht gleich dreißig Jahre dauern.

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