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Wolfsschlucht im Dämmerschlaf

Die ehemalige Wirtschaft in der Nähe der Billinganlage ist seit Jahren ungenutzt - 01.07.2013 13:00 Uhr

Das Sandsteingebäude der „Wolfsschlucht“ samt Biergarten (im Vordergrund) ist heute verwaist, eine neue Nutzung nicht in Sicht. © Hans-Joachim Winckler


Es ist purer Zufall, dass die ältere Dame gerade des Weges kommt und beim Anblick des FN-Wagens stehenbleibt. „Ach, schreiben Sie wohl was darüber?“, will sie wissen und ist gleich Feuer und Flamme. Oft laufe sie hier vorbei, sagt die 60-Jährige, die ganz in der Nähe wohnt, und jedes Mal denke sie sich: „Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, würde ich das in die Hand nehmen.“

Sehnsüchtig schweift ihr Blick über den schon etwas verfallenen Sandsteinbau am Fritz-Mailaender-Weg und den Garten, in dem sich früher Biertisch an Biertisch reihte. Heute wuchert unter hohen Bäumen der wilde Giersch, Haufen alter Steinbrocken türmen sich, ein verrosteter Grill und eine windschiefe Ausschankhütte sind stumme Zeugen gastronomisch glorreicher Zeiten.

Den letzten Wiederbelebungsversuch haben wagemutige Pächter 2002 unternommen, doch Glanz und Kultcharakter von einst waren verflogen, die Besucher von ehedem in die Jahre gekommen. Nicht zuletzt hatte sich das Kneipenangebot in Fürth, gerade was Freiflächen betrifft, inzwischen rapide entwickelt. Es gab längst Alternativen zur einst fast alternativlosen „Schlucht“, wie die Kneipe kurz genannt wurde.

Der neue Anlauf scheiterte — und seitdem befindet sich die „Schlucht“ im Dämmerschlaf. Lange krähte kein Hahn nach dem Anwesen, schließlich fand sich doch ein Interessent: Wie FN-Recherchen ergaben, kaufte Ralf Ebert, der seinen Sportfahrrad-Handel „Adrenalin“ inzwischen in der Nürnberger Straße nahe der Stadtgrenze betreibt, das fast vergessene Terrain von der Firmengruppe des Duisburgers Dieter Conle. Dessen Immobiliengesellschaft hatte die „Wolfsschlucht“ neben 46 weiteren Fürther Gaststätten Anfang der 90er Jahre von der örtlichen Patrizier-Brauerei erworben — und damals mit drastischen Pachtsteigerungen für einen Aufschrei der Empörung und das Aus einiger Wirte gesorgt.

„Gute Lage“

Ebert nun hatte eigentlich vor, in der ehemaligen „Wolfsschlucht“ sein eigenes Geschäft aufzuziehen, eine „gute Lage“ dafür attestiert er dem Grundstück wegen der Nähe zur Hauptausfallroute im Fürther Westen. Doch es erwies sich als zu klein für seine Zwecke, denn „Adrenalin“ expandierte; heute bietet das Geschäft auf 1700 Quadratmetern 2000 Räder und Zubehör an.

Die „Schlucht“ schlummert indes weiter. Gern würde Ebert sie wieder als Gaststätte verpachten, doch finde er derzeit schlichtweg „keine Zeit“, sich darum zu kümmern, sagte er auf FN-Anfrage. Interessenten könnten indes gern bei ihm anklopfen, „komplett entkernt“ habe er das Sandsteingebäude bereits — das ihm übrigens auch Kummer bereitet. Mehrfach sei schon eingebrochen und alles geklaut worden, was nicht niet- und nagelfest ist. Immer wieder muss der Eigentümer zudem wilde Müllablagerungen im Garten beseitigen, sogar Kühlschränke wurden schon bei Nacht und Nebel illegal deponiert.

Über eine neue Nutzung freuen würde sich auch der Leiter des städtischen Ordnungsamts, Hans-Peter Kürzdörfer — und zwar nicht nur, weil das Gelände im jetzigen Zustand einen tristen Anblick bietet, sondern gleichermaßen als Privatmann: Auch Kürzdörfer nämlich gehörte in der Blütezeit der „Schlucht“ zu den regelmäßigen Gästen, und der 58-Jährige erinnert sich gern daran.

Mit spürbarem Elan hat sich Kürzdörfer deshalb auf Bitte der FN in die Akten seiner Behörde vertieft und alte Karteikarten zutage gefördert, die über die Vergangenheit der Wirtschaft Aufschluss geben. Demnach wurde die Gaststätte „Zur Wolfsschlucht“ am 1. Oktober 1910 eröffnet, 1958 bekam die reine Schankwirtschaft erstmals eine Küche. In den 60er Jahren schließlich bemächtigten sich die US-Soldaten des Gasthauses, das damals noch über eine Kegelbahn verfügte — mit unschönen Folgen: Die „Schlucht“ galt nun als verrufen. Weit mehr, als ihnen gut tat, konsumierten die jungen Amerikaner vom für sie ungewohnt starken deutschen Bier — und wohl auch von anderen berauschenden Mitteln. In den Akten des Fürther Ordnungsamts finden sich noch heute einschlägige Berichte der Polizei.

In den 70ern kam dann das jüngere Publikum, die „Schlucht“ wurde erst zur Rockerkneipe mit hoher Motorraddichte, später zur In-Kneipe für alle. Diese Zeiten sind, wie man vermuten darf, unwiederbringlich passé, doch die Hoffnung aufs „Schlucht“-Comeback muss man nicht vollends aufgeben. Verkaufen oder gar abreißen jedenfalls, versichert Ralf Ebert, will er nicht, „dafür habe ich zu viel Arbeit reingesteckt“. Und komme jemand mit „einem vernünftigen Konzept“, zeige er sich „offen dafür“.

Wolfgang Händel

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