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Zirndorf zwischen den Weltkriegen

Geschichtswerkstatt um Klaus Übler hat in den Archiven lokale Ereignisse recherchiert - 21.11.2019 14:00 Uhr

Klaus Übler zeigt das jüngste Werk der Geschichtswerkstatt: Das Fachwerkhaus, das das Titelblatt ziert, steht noch heute gegenüber vom Museum. Als Stammlokal der Nazis firmierte es einst unter der Bezeichnung „Braunes Haus“. © Hans-Joachim Winckler


Autor Klaus Übler spricht über den achten Band in der Reihe zur Zirndorfer Geschichte, den er am Dienstag, 26. November, 19.30 Uhr, in der Zirndorfer Stadtbücherei vorstellt.

 

Hungerwinter, Weltwirtschaftskrise, Inflation, politische Unruhen und Straßenkämpfe zwischen Linken und völkisch Gesinnten. Die Jahre 1919 bis 1933 waren nicht die besten für die Menschen. Wie wirkte sich das in Zirndorf aus, Herr Übler?

Natürlich blieb auch Zirndorf von der welt- und deutschlandweiten Entwicklung während der Weimarer Republik nicht unberührt. Die soziale Lage war unmittelbar nach Kriegsende und während der Wirtschaftskrise sehr schlecht. Der Zirndorfer Magistrat und das Gemeindekollegium mussten sich um die Versorgung der Bevölkerung kümmern. Sie gaben Lebensmittelmarken aus. Danach standen beispielsweise Erwachsenen 300 Gramm Fleisch pro Woche zu, später musste es sogar auf 200 Gramm reduziert werden. Kartoffeln oder Mehl – alles war knapp.

 

Zugleich haben sich aber auch in Zirndorf Arbeiter- und Soldatenräte gegründet. Konnten die nichts für ihre Genossen erreichen?

In Zirndorf war man nicht gerade revolutionär. Landbesetzungen,
wie andernorts geschehen, gab es nicht. Sogar der größte Fabrikant der Stadt, Kommerzienrat Zimmermann, der zeitweise das Amt des Bürgermeisters innehatte, arrangierte sich mit den Räten. Wirkliche Entscheidungen haben die Räte nicht getroffen.

Mit welchen Maßnahmen wurde versucht, den Menschen zu helfen?

Es wurde zu Spenden für Lebensmittel und Textilien aufgerufen. Daran beteiligten sich auch die Kirchen und die Israelitische Kultusgemeinde. 1924 wurde die Arbeiterwohlfahrt gegründet. Es gab spezielle Aktivitäten für Kinder. Erholungsaufenthalte für Mangelernährte oder Tbc-Kranke wurden organisiert. Alles, um zumindest die größte Not zu lindern.

 

Positiv zu vermerken ist: Mit dem Ende der Monarchie und dem Beginn der Republik in Deutschland kam das Frauenwahlrecht.

In Zirndorf gab es politische Versammlungen nur für Frauen, die teils sogar überfüllt waren, so groß war das Interesse der Wählerinnen. Die erste Zirndorfer Stadträtin war Emilie Eberhardt von der SPD. Die übrigen Parteien und Gruppierungen hatten keine Kandidatinnen aufgestellt.

 

Die Weimarer Republik ist auch für eine Zeit der zunehmenden politischen Radikalisierung bekannt. Wie wirkte sich das in Zirndorf aus?

Im Stadtrat wechselten in dieser Zeit die Kräfteverhältnisse ständig zwischen der SPD und den bürgerlichen Parteien. Die Stadt stand vor extrem großen finanziellen
Problemen. Es musste sogar eine Bürgersteuer erhoben werden, um den Haushalt zu decken.
Strom- und Wasserpreise mussten die Stadträte gegen ihren Willen erhöhen, um Kostendeckung zu erreichen. Die Radikalisierung fand außerhalb dieses Gremiums statt. Schon 1924 gründete sich
eine Ortsgruppe, ein Vorläufer der NSDAP, die sogenannte Deutsche Arbeiterpartei. Kommunistische Gruppierungen gab es in Zirndorf hingegen nie.

1924 ist sehr früh. Gab es in Zirndorf eine so große Anhängerschaft der NSDAP?

Im Stadtrat zogen die ersten Vertreter 1925 ein. Es gab zahlreiche ihnen nahestehende völkisch Gesinnte, die nur deshalb gewählt wurden, weil sie eine Listenverbindung mit den Bürgerlichen eingingen. Dass die Hetze der NSDAP bei zahlreichen Zirndorfern auf fruchtbaren Boden fiel, zeigt sich auch daran, dass Julius Streicher, als er in Nürnberg Auftrittsverbot hatte, nach Zirndorf auswich und hier seine Hetzreden in der gut gefüllten Turnhalle hielt.

 

Teils wurden die politischen Konflikte der Weimarer Zeit mit Fäusten und Waffen ausgetragen. Auch in Zirndorf?

Es sind Straßenkämpfe zwischen der Naziorganisation SA und der Eisernen Faust, einem Zusammenschluss von Sozis und Gewerkschaftern, dokumentiert. Dabei wurden auch Messer und Schlagstöcke eingesetzt. Einen besonders heftigen Zusammenstoß gab es rund um das "Braune Haus". Das Stammlokal der Nazis, ein Fachwerkhaus, das heute noch gegenüber dem Museum steht, wurde so genannt und ist auf dem Titelbild unseres Buches zu sehen. Es wurde vermutet, dass die Nazis dort Waffen horteten. Als versucht wurde, das zu überprüfen, kam es zu schweren Ausschreitungen. Die örtliche Polizei war damit völlig überfordert, und es mussten Ordnungskräfte aus Nürnberg und Fürth herbeigerufen werden. Bei einer Durchsuchung wurde später tatsächlich Waffen gefunden.

Ein Extra-Kapitel des Buches befasst sich mit den Zirndorfer Juden. Wieso haben Sie darüber kein eigenes Buch verfasst?

Dazu haben wir noch nicht ausreichend Material ausgewertet. Das soll aber unser nächstes Projekt sein.

 

Woher stammen die Informationen für die Bücher und wie recherchieren Sie?

Wir sind ein kleines Team von fünf Leuten. Wir recherchieren im Zirndorfer Stadtarchiv und in alten Zeitungsbänden, die in Burgfarrnbach gelagert sind. An diesem Buch haben wir fünf Jahre gearbeitet. Ich bringe am Ende alles zu Papier.

 

Am 26. November um 19.30 Uhr werden Sie das Buch in der Zirndorfer Stadtbücherei am Marktplatz präsentieren. Was erwartet die Besucher?

Wir sind zu dritt und werden aus dem Buch vorlesen, außerdem zeigen wir Fotos, die auch im Buch zu sehen sind. Das Buch gibt es danach für 15 Euro zum Verkauf. Außerdem wird es in der Bücherstube, der Touristinfo, im Museum und an einem Stand auf dem Weihnachtsmarkt am Koppenplatz angeboten. 

 

Beate Dietz

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