Zoff um den Grafflmarkt: Ein Streit, der fast alle nervt

16.9.2016, 16:00 Uhr

© F.: Winckler

Es ist lange her, dass Fürth einen unbeschwerten Grafflmarkt erlebt hat. Ja, man muss sogar sagen: einen unbeschwerten Sommer. 2010 häuften sich im Ordnungsamt die Beschwerden über Lärm in der Altstadt - seitdem wird um den allabendlichen Kneipenbetrieb genauso erbittert gestritten wie um die Feste, die rund um die Gustavstraße gefeiert werden.

Der Konflikt ist Alltag geworden. In Fürth hat man sich schon fast daran gewöhnt, dass seit 2014 unter anderem vor jedem Grafflmarkt – also zweimal im Jahr – um die Schlusszeit für den dazugehörigen Ausschank im Freien gerungen wird: Kläger versuchen dann, mit Eilanträgen die Bewirtung zu verkürzen, die Stadt wehrt sich, die Richter müssen entscheiden. Oft steht erst kurz vor Veranstaltungsbeginn fest, wie lang die Gäste den Abend ausklingen lassen dürfen.

Auch diesmal haben drei Kläger Einschnitte erreicht, am Waagplatz endet der Ausschank um 23 Uhr, in der Gustavstraße vor beklagten Kneipen um 23.30 Uhr. Auch diesmal drehte sich die Streitspirale ein Stück weiter: Empört über den verkürzten Ausschank sagte der Altstadtverein, der den Grafflmarkt einst ins Leben rief, die Teilnahme ab und cancelte das Musikprogramm.

Fürther wurden jahrelang verwöhnt

Die Zeiten, da die Gustavstraße ein Ort großer Freiheiten war, sind vorbei. Dass die Anwohner rechtlich an einem überraschend langen Hebel sitzen, musste die Fürther Stadtspitze schmerzhaft erfahren, immer wieder kassierte sie Niederlagen vor Gericht. Es fällt jedoch zunehmend schwerer, Verständnis für die Forderungen der Kläger zu haben, die heute schon mehr Einschnitte erkämpft haben, als sie anfangs verlangten.

Tatsächlich waren ausgehfreudige Fürther jahrelang verwöhnt. Seit 1993 wurde die Sperrzeitenregelung sukzessive liberalisiert, die Wirte durften auf ihren Freischankflächen immer mehr Gäste immer länger bedienen. Die Stadt hatte 2010, als der Streit begann, nicht nur die großzügigsten Sperrzeitenregelungen im Großraum (unter der Woche konnten Kneipengäste bis 23.30 Uhr draußen sitzen, am Wochenende bis 24 Uhr), auch die Grafflmarkt-Abende konnten bis in die Nacht hinein genossen werden, erst um 2 Uhr war draußen kein Bier mehr zu haben. Hunderte Menschen drängten sich an diesen Abenden im Herzen der Gustavstraße. Alle wollten draußen sein, weil man hier ziemlich sicher alte Bekannte wiedersah.

Übrig blieben später nur fünf Beschwerdeführer

Mit ihrem Flair war die Altstadt zudem zur Kulisse für immer mehr Feste mit Live-Musik geworden (Fürth Festival, Stadtfest, Weinfest). Gleichzeitig schickte das 2010 in Kraft getretene Nichtraucherschutzgesetz die Raucher nachts vor die Kneipentüren. Die ganzjährige Lärmbelastung war so hoch, dass sich in jenem Jahr 80 bis 90 Altstadtbewohner im Ordnungsamt beklagten. Es folgten "Friedensgespräche", runde Tische und ein erster Kompromiss.

Die meisten der genervten Anwohner schienen sich mit kleineren Verbesserungen zufriedenzugeben. Übrig blieben fünf Beschwerdeführer, die teils persönlich im Clinch mit einzelnen Wirten lagen und begannen, deutlich mehr Nachtruhe vor Gericht einzufordern, nachdem Stadtspitze und Stadtrat von sich aus zu wenig Einschnitten bereit waren. Der Stadt gelang es nicht, den Konflikt zu moderieren, im Gegenteil: Oberbürgermeister Thomas Jung goss mit undiplomatischen Äußerungen noch Öl ins Feuer, als sich die Anwohner schon längst Anfeindungen von Wirten und Gästen ausgesetzt sahen. Die Fronten verschärften sich dramatisch.

Mehrfach haben Richter versucht, die verfahrene Situation zu lösen und die Streitparteien mittels Mediation zu einer Einigung zu bringen - vergeblich. Die Bemühungen der Kommune sowie des Städtetags, den Landesgesetzgeber zu bewegen, Freischankflächen bayerischer Biergärten, die bis 23 Uhr betrieben werden dürfen, gleichzustellen, scheiterten ebenfalls.

Strikter als in Nürnberg

Inzwischen gelten in der Fürther Altstadt strengere Sperrzeiten als in Nürnberg und Erlangen: Vor etlichen Kneipen ist zum Bedauern vieler Fürther unter der Woche schon um 22 Uhr Schluss und nur am Wochenende um 23 Uhr. Großstädtisch fühlt sich das nicht an. Auch bei den Festen hat die Stadt abgespeckt, so wurden unter anderem beim Fürth Festival die Bühnen aus der Gustavstraße und zuletzt auch vom Waagplatz verlegt.

Jeden Schritt mussten sich die Kläger erstreiten. Menschen, die einst betonten, sie wollen kein Fest verhindern. Die anfangs nicht einmal auf einer 23-Uhr-Außensperrzeit bestanden, sondern sagten, sie möchten nur, "dass danach möglichst rasch Ruhe einkehrt". Der Streit hat seine eigene Dynamik entwickelt und an den Nerven aller Beteiligten gezehrt. Vor kurzem einigten sie sich darauf, erneut nach einem Kompromiss zu suchen. Nach sechs Jahren Streit ist der Wunsch nach einem Ende hoffentlich groß genug.

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