Auf dem Jakobsweg in Zeiten von Corona

27.3.2021, 15:27 Uhr
Von Theilenberg aus eröffnet sich ein herrlicher Blick in die Landschaft, die bei dieser Pilgeretappe durchwandert wurde. Das Bild wird beherrscht von der im Vordergrund thronenden Burg Wernfels.

Von Theilenberg aus eröffnet sich ein herrlicher Blick in die Landschaft, die bei dieser Pilgeretappe durchwandert wurde. Das Bild wird beherrscht von der im Vordergrund thronenden Burg Wernfels. © Foto: Babett Guthmann

Damit das nicht nur ein Gerenne wird, ist in aller Frühe spirituelle Einkehr eingeplant – und zwar am sogenannten "Schwabacher Altar". Dieses Meisterwerk stammt aus der Werkstatt von Michael Wohlgemut, Albrecht Dürers Lehrer, und steht in der Stadtkirche St. Johannes und St. Martinus.

Mir gefällt hier besonders die Figurengruppe oberhalb des Altarbildes: ein echt lässiger Christus als Weltenrichter, ihm zur Seite Maria und Johannes. Zu Füßen der drei Hauptfiguren tauchen so ganz normal verzweifelte Leute auf, die aus meiner Sicht gut ins aktuelle Stimmungsbild passen.

Jetzt aber los! In Schwabach muss man sich durch allerhand Vorortstraßen kämpfen, ehe es auf Höhe der Bushaltestelle Schubertstraße links in einen Feldweg abgeht. Hier hat ein netter Pilger mal eine Jakobsmuschel hingepappt mit seinem Aufkleber "Martins long way 2017".

Lockiger Bart, lässige Segensgeste – Der „Schwabacher Altar“ mit Jesus als Weltenrichter im Zentrum stammt aus der Werkstatt des Dürer-Lehrers Michael Wohlgemut.

Lockiger Bart, lässige Segensgeste – Der „Schwabacher Altar“ mit Jesus als Weltenrichter im Zentrum stammt aus der Werkstatt des Dürer-Lehrers Michael Wohlgemut. © Foto: Babett Guthmann

Einen beschaulichen Wanderweg darf man so nah an der Stadt nicht erwarten, aber Pilgerschaft hat ja rein gar nix mit Ausflugszeugs zu tun. Ich habe gelesen, dass eine Pilgerin den Weg so nehmen muss, wie er sie führt, und die Gegend so gelassen hinnehmen muss wie die Leute, die dort leben. Aber es ist wie auf der ersten Etappe: je weiter weg von der großen Stadt, desto schöner die Landschaft.

Auf der mittelalterlichen Ulmer Straße

In den Wäldern um Kammerstein folgt der Jakobsweg der mittelalterlichen Ulmer Straße, und man wandert angeblich genau dort, wo auch schon Pilger gegangen sind, die noch keine Outdoor-Funktionsjacken und Gore-Tex-Treckingschuhe hatten. 1999 wurde die Pilgerroute neu ausgewiesen, im Jahr 2013 haben die Kammersteiner eine Jakobuskapelle gebaut. Passt gut in den Wald, die bewusst schlichte Gestaltung mit dicken Holzbohlen und der Glaskunst in Himmelblau und Sonnengelb. Zentral ein Holzkreuz aus zwei Aststücken.

Die weiße Säule ist ein Flurdenkmal zwischen Abenberg und Dürrenmungenau.

Die weiße Säule ist ein Flurdenkmal zwischen Abenberg und Dürrenmungenau. © Foto: Babett Guthmann

In der Kapelle gibt es einen Pilgerstempel und ein Gästebuch. Darin wird auf den meisten Seiten überschwängliches Gotteslob zu Wald und Natur notiert, aber ein Eintrag zur Lockdown-Zeit hat mich verblüfft: "Herr, hilf mir, eine neue Wohnung zu finden!" Zuerst habe ich gedacht, dass das schon ein bisschen naiv sei und ein Gebet nicht wie "Click and Collect" funktioniert. Doch dann der zweite Satz: "Hier ist es seit einiger Zeit wie in der Hölle!" Ich setze mich draußen an den Tisch mit der eingeschnitzten Jakobsmuschel und lasse diesen verzweifelten Eintrag nachklingen.

Weiter geht es an Poppenreuth vorbei über die Äcker. Auf einer Weide liegt da ein Schaf, alle anderen stehen. Neben dem Schaf sind zwei schwarze Haufen zu erkennen. Als ich nachsehen will, ob das Schaf krank ist, steht es auf – und die beiden schwarzen Haufen auch. Es sind Lämmer, eben geboren, die blutige Nabelschnur ist noch zu sehen, und ihre erste Begegnung haben sie mit einer neugierigen Pilgertrampel!

Zuverlässige Begleiterin

Nach Mildach und dem Haubenhof quert man das Aurachtal sowie das Kaltenbachtal. Die Jakobsmuschel ist auf den stillen Waldwegen eine zuverlässige Begleiterin, bis vom Waldrand aus die Burg Abenberg in Sicht kommt. Hier steht die St. Jakobuskirche auf dem Pilgerplan.

Hui, ist die vollgepfropft mit Bildern, Stifter- und Heiligenfiguren, dazu Fahnen und Bücher! Vor der Kirche liegt ein Plastikabstreifer mit Werbung für einen Hustenlöser. Vom namensgebenden Apostel Jakobus, der als erster Märtyrer von einem gewissen König Herodes Agrippa im Jahr 43 hingerichtet worden sein soll, keine Spur. Da wende ich mich in Abenberg lieber den weltlichen Dingen zu und finde einen Bäcker neben dem Stilla-Brunnen, der backt Dinkelsalzstangen vom Feinsten!


Zum Wandern lädt auch der ökumenische Pilgerweg von Eichstätt nach Heidenheim ein


Nahe Dürrenmungenau ist die "weiße Säule" eine altehrwürdige Pilgerwegmarke. "Vergib uns unsere Schuld" steht auf dem Bild an der Säule, wenn man auf die Silhouette zurückblickt. Da muss ich an meine frevlerischen Gedanken über unaufgeräumte Kirchen mit Plastikvorleger denken, und mich zwickt ein kleines bisschen Reue, dass ich die Abenberger Kirche so kritisch beurteilt habe.

Schade um die Brotzeit

Vorbei am Dürrenmungenauer Wasserschloss geht es weiter zur Pflugsmühle. Was es da für fränkisch-deftige Brotzeiten gäbe, wenn geöffnet wäre! An ein paar Sandgruben vorbei und dann bergauf zur Burg Wernfels geht es weiter. Man kann den Burghof besichtigen, ansonsten ist geschlossen, und man wird aufgefordert, hier "Visier" – Ritterdeutsch für Maske – zu tragen. Der Kirchenweg hinauf nach Theilenberg ist ein ordentlich steiles Wegstück. Oben entschädigt der Überblick aufs bisher durchquerte Jakobswanderland und auf die Burg Wernfels.

Genusswandern auf mittelalterlichen Hohlwegen und schließlich zwischen Obstbäumen ist zwischen Theilenberg und Kalbensteinberg, der Endstation der beiden Etappen und den 29,5 Wanderkilometern, angesagt.


Dem Kloster Heidenheim fehlen die Pilger derzeit gewaltig


Von hier aus – so stellt das demütige Pilgervolk fest – kann man vor 16.50 Uhr nach schlappen zwei Stunden und sieben Minuten Busfahrt in Gunzenhausen ankommen. Nach 17 Uhr heißt es dann: nächste Busverbindung nach Gunzenhausen um 6:46 Uhr morgens! In Nicht-Corona-Zeiten müsste man jetzt nur ein bisschen hilflos schauen, und schon würde einer der vielen hilfsbereiten Kalbensteinberger zuerst einen Obstler ausgeben und dann eine Heimfahrt organisieren. Derzeit braucht es einen Retter mit Auto.

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