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Ein schiefer, aber stabiler Turm in Gunzenhausen

Historisches Gebäude am Ende des Marktplatzes sicherte einst den südlichen Zugang zur Stadt. - 17.06.2020 06:14 Uhr

Der einstige Diebs- und Pulverturm war früher ein wichtiger Bestandteil der Stadtbefestigung. Im Stadtarchiv gibt es viele Unterlagen über den markanten Turm. © Stadtarchiv Gunzenhausen


Die leichte Schieflage ist natürlich auch den Verantwortlichen im Stadtbauamt nicht entgangen. Schon vor zehn, zwölf Jahren wurde der Zustand überprüft und über einen längeren Zeitraum kontrolliert, erklärt Stadtbaumeisterin Simone Teufel. Dabei sei festgestellt worden, dass sich das Bauwerk selbst derzeit nicht bewegt.

 

Kein Einzelfall

 

Kein Grund zur Sorge also, der monumentale Buckelquaderbau aus dem 14. Jahrhundert ist nicht in Gefahr – und er ist auch beileibe kein Exot, wie man vielleicht annehmen könnte. "Es gibt viele schiefe Türme", weiß die Fachfrau, der neben dem berühmten Bauwerk in Pisa spontan der Turm im schwäbischen Munningen einfällt, bei dem man von weitem erkennt, wie schief er ist.

Die heute gängige Bezeichnung "Färberturm" ist übrigens lange nicht so alt, wie das Gebäude selbst, erläutert Stadtarchivar Werner Mühlhäußer. Dieser Name taucht erst Ende des 19. Jahrhunderts auf und ist darin begründet, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft eine Färberei befand. Vorher war vom Diebs- oder auch vom Pulverturm die Rede.

 

Als Pulverlager genutzt

 

Ursprünglich war der Färberturm ein wichtiger Teil der Stadtbefestigung und sicherte im Ensemble mit dem Weißenburger Tor und der Bastei den südlichen Zugang zur Stadt, erzählt der Stadtarchivar weiter. Auf das Jahr 1629 ist der erste schriftliche Nachweis datiert, der eine kleine Reparatur am sogenannten Pulverturm dokumentiert. Aufgrund der stabilen Bauart und der dicken Mauern habe er sich gut als Lagerplatz für die Pulvervorräte der Stadt geeignet.

1665 ist in Mühlhäußers Unterlagen von einem Ansbacher Brunnen- und Baumeister die Rede, der bei der "Verfertigung des Diebsturms" eingesetzt war. Der Name ist ein Indiz dafür, dass dort kleine Ganoven eingesperrt waren, so der Archivar. 90 Jahre später, zur Zeit, als sich der Wilde Markgraf Carl Wilhelm Friedrich oft und gerne samt seiner Leibkompanie in Gunzenhausen aufgehalten hat, findet sich in den alten Dokumenten der Hinweis, dass für den Pulverturm ein neues Vorhängeschloss angeschafft worden ist.

Wer genau hinschaut, erkennt die leichte Schieflage des Färberturms. Eine Gefahr für das Bauwerke selbst und seine Umgebung besteht deshalb nicht. © Karl Vogelhuber


Bei einem Brand am 28. Januar 1768 wurde das Weißenburger Tor zerstört und der benachbarte Diebsturm stark in Mitleidenschaft gezogen. Mauern mussten erneuert und das Dach "meistens frisch eingedecket" werden. Der Gunzenhäuser Maurermeister Stallwitz erhielt für die Arbeiten in schwindelnder Höhe eine tägliche Gefahrenzulage von einem Gulden.

Am 22. Februar 1826 wütete zur Mittagszeit ein fürchterlicher Orkan über der Altmühlstadt. Der Wind blies so heftig, dass Turmfahne samt Knauf herunter geweht wurden und auf das Dach der Färberei in der Kirchenstraße 2 stürzten. Bei der Begutachtung des Knaufs, der die Jahreszahl 1707 trug, wurden elf Einschusslöcher entdeckt, die sich später als Lausbubenstreich herausstellen sollten, wie Mühlhäußer weiter erzählt.

 

Neue Uhr erhalten

 

1828 wird am Turm eine Uhr installiert, die ihre ganz eigene Geschichte hat: Sie stammte von dem alten Rathaus, das einst mitten auf dem Marktplatz stand und auf Geheiß des Markgrafen abgerissen wurde. Einen neuen Platz fand die Uhr samt Glocke zunächst an der alten Schranne und nach deren Abriss am Färberturm. 1901 erhielt der Turm eine neue Uhr mit weithin sichtbarem Ziffernblatt und Zeigerwerk, 1912 wurde das Bauwerk "frisiert", wie es in den Unterlagen heißt. Dahinter steckten verkehrspolitische Gründe: Der etwa einen Meter große Vorsprung wurde abgebrochen und damit eine Engstelle beseitigt. Ein neues Ziffernblatt samt vergoldeter Zeiger ist für das Jahr 1932 vermerkt. Damals wurde auch die Turmfahne erneuert und der Knauf geöffnet. Darin befand sich ein Schreiben des Gunzenhäuser Goldmachers Johann Reichardt, in dem stand, dass für diese Arbeiten das von ihm hergestellte Gold verwendet worden sei. Innen und außen umfassend renoviert wurde der Turm in den Jahren 1980/1981, die Kosten dafür lagen bei 400 000 Mark.

Wer gerne einmal den wunderbaren Ausblick von oben genießen möchte, kann den Färberturm täglich von 10 bis 18 Uhr (außer Mittwoch) besichtigen. Der Aufstieg lohnt sich.

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