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Freitag, 03.07.2020

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Gelungene Autokino-Premiere in Gunzenhausen

Tolles Erlebnis auf dem Schießwasen - Viel Vorlauf nötig - 28.06.2020 17:11 Uhr

Bier, Limo und Popcorn, dazu ein bequemes Auto und ein toller Film: Ein ideales Sommervergnügen für die beiden auf dem Schießwasen. © Reinhard Krüger


Da ist es, jenes Summen und Brummen in einem, dass zum Lebensgefühl der 1980-er und 1990-er Jahre unweigerlich dazu gehört: der Besuch eines Autokinos. Damals fuhren die frisch Verliebten und solche, die es gerne nochmal inhalieren möchten, mit der sauber rausgeputzten Karre zum Marienberg ins ferne Nürnberg. Sie reihten sich in eine endlose Schlange wartender Pkws ein und versammelten sich, Auto an Auto, vor einer weiß gestrichenen monströsen Mauer und harrten die Dinge, die da kommen sollten. Die Nacht ist längst hereingebrochen, die Jahreszeit spielte keine Rolle, für kuschelige Wärme sorgte ein mobiles Heizgerät, und der Ton kam aus einer blechern klingenden Box, die ein freundlicher Mitarbeiter durchs Seitenfenster reichte.

Heute: Nostalgie pur. Die Autokinos von damals gibt es nicht mehr, das Volk unterhielt sich anderweitig – bis Corona kam. Man könnte ja doch, überlegten sich Kinomacher vom Schlage eines Johannes Böhm vom Movieworld, und Martin Kaufmann, einer der drei Geschäftsführer von Showtechnik Franken aus Ellingen. Sie saßen, grübelten, rechneten, planten – und entschieden: Ja, genau so machen wir es.

Bestens vorbereitet

Und so ist es Freitag, 26. Juni, 18.15 Uhr in der Altmühlstadt: Die Abendsonne hat noch keine Lust unterzugehen, die Luft ist warm, es riecht nach Sommer und nassen Badeklamotten. Mit vereinten Kräften stemmen die Männer der Freiwilligen Feuerwehr das schwere Eisentor am Schießwasen auf, und schon rollen die ersten Autos beim Info-Stand vor. Mit strahlendem Gesicht wird das ausgedruckte Ticket zum Stückpreis von 9 Euro an die Scheibe gepresst, routiniert scannt der Movieworld-Mitarbeiter das Blatt ab, Johannes Böhm hält den Herrschaften einen orangen Karton entgegen: UKW 93,4 steht darauf.

Das ist dann doch etwas zu viel. Die Scheibe surrt herunter: "Wie läfft des denn ab?" schallt es auf fränkisch, und Böhm erklärt: "Vorne werden Sie eingewiesen, stellen Sie auf ihrem Radio manuell diese Frequenz ein. Gaaaaanz wichtig: manuell", fügt er hinzu. "Ok, des krieg ma a no hi", kommt es zurück. Dann fährt das Pärchen langsam Richtung Leinwand. Der Volksfestplatz ist wie geschaffen für ein Ereignis wie das Autokino. Platz für 137 Autos, Stromanschlüsse und so nützliche Dinge wie Toiletten – alles da. Sommerkino auf dem Sportplatz mit Liegestuhl und Decke gab es schon mal. Damals vor 17 Jahren. Aber Autokino? Da fehlen Erfahrungswerte.

Langer Atem nötig

Es sind Idealisten und Enthusiasten für das Genre, die sich aufmachten, eine Autokino-Tour durch die Region ins Leben zu rufen. Johannes Böhm, der mit seinen 47 Jahren das Movieworld mehr als erfolgreich managte, erlebte wie sein Technikpartner Martin Kaufmann, das erste geschäftliche Desaster. "Zu 100 Prozent eingebrochen", sagen beide unisono. Aber jetzt der erste Silberstreif. Endlich loslegen, endlich die Ärmel hochkrempeln, endlich wieder Schweißperlen auf der Stirn.

"Um so ein Event zu stemmen, brauchst du vor allem einen langen Atem", doziert Kaufmann. Die Stadtspitze reagierte in solchen Fällen wie gewohnt. "Sie waren angetan, sagten ihre Unterstützung zu, wir rannten offene Türen ein", erinnert er sich. Komplizierter gestalteten sich die Gespräche mit der Bundesnetzagentur und der Bayerischen Zentrale für neue Medien. "Die wollten alles genau wissen." Seitenlange Anträge und Fragebögen mussten ausgefüllt werden. "Bürokratie eben, aber wir sind so was gewohnt", meint er lakonisch.

Rund fünf Wochen Vorlaufzeit waren einkalkuliert, und die trafen auch zu. Erst kurz vor Schluss kam das Go für die heiß ersehnte UKW-Frequenz. "Ohne die geht beim Autokino gar nichts", schließlich komme der Ton aus den Lautsprechern der Karossen und nicht aus mächtigen Boxen.

Stilecht im Freddy Mercury-Shirt ist Jonas (19) zum Schießwasen gekommen. © Reinhard Krüger


Bis die 60 Quadratmeter große Leinwand astrein und im Lot stehend verzurrt war, vergingen gut 14 Stunden schweißtreibende Arbeit. 22 Tonnen Stahl, rund 120 Meter Traversen, 18 Tonnen Ballast wurden von den Roadies verbaut. Schließlich muss die Anlage einen Sturm bis Windstärke acht aushalten. Die Kommandos gaben die Kaufmann-Brüder. Christian ist Meister für Elektrotechnik, sein Bruder Manfred Meister für Veranstaltungstechnik. Bei so viel geballter Kompetenz kann ja fast nichts schief gehen. Allein die Leinwand wiegt eine halbe Tonne, erfährt der Laie. Modernste LED-Technik und eben die UKW-Frequenz sorgen für gestochen scharfe Bilder und perfekten Ton. "So wollen es die Kunden von heute haben", sagen sie, die Kaufmann-Brüder.

Kinomacher Johannes Böhm kennt seine Kundschaft, weiß, was angesagt ist, was zieht. Open-Air-Kino kennt er, Autokino noch nicht, vor allem nicht das tourende. Begonnen wurde in Weißenburg, dann kam Solnhofen und eigentlich danach Treuchtlingen. Hier der erste spürbare Dämpfer: wenig Interesse, also abgesagt. Gunzenhausen, Nördlingen (3. bis 5. Juli), Bopfingen (10. bis 12. Juli) dagegen können wie geplant über die Bühne gehen. Familienfilme werden genauso ausgewählt, wie Actionstreifen und Klassiker wie "Bohemian Rhapsody" speziell in Gunzenhausen.

"Etwas Besonderes gönnen"

Freitag, 26. Juni, 18.45 Uhr: Die Vorfreude steigt, ein Auto nach dem anderen biegt ab und stellt sich in Position. Etwas über 30 Autos waren es insgesamt. "Unser viertes Date in dieser Woche", strahlt Steffi. Die 40-Jährige liegt bequem auf Decken und Polster im Van. Heckklappe offen, sie strahlt ihren Sven an. "Wir sind das erste Mal in einem Autokino", sagt der 42-Jährige und kuschelt sich an seine "Flamme". Sie haben sich erst vor kurzem kennengelernt, da kam dieses Event gerade recht. Ein Flyer in der Kneipe brachte Sven auf die Idee. Die Gläser mit Aperol-Spritz klirren aneinander, der Film kann starten.

Von "einem ersten Date seit Langem" sprechen auch Simon und Kathrin aus Obenbrunn. Ihre beiden Kinder werden an diesem Tag von der Oma betreut, "da wollten wir uns was Besonderes gönnen", sagt Kathrin, die ihren Mann damit überraschen wollte. Bei Bier und Chips lassen sie es sich gut gehen.

Zwei, die sich gefunden haben: Sven (42) und seine Steffi (40). Es ist ihr viertes Date in einer Woche, und an diesem Abend machen sie es sich im geräumigen Van gemütlich, strecken die Beine aus und genießen Musik, Drinks und Film. © Reinhard Krüger


Spannend, wenn man die Kennzeichen der Autos beäugt. Von N, über NEA, DON, DKB, M bis nach HO reichen sie. WUG und GUN dominieren natürlich. Vom Cabrio-Oldtimer aus AN, mit Papa Karlheinz und Tochter Yau samt Picknick-Korb bis zum geräumigen Großkombi mit vier Personen und sogar einem Wohnmobil reicht die Palette. Ute und Harald, beide 50 plus, haben Hund Harley im Gepäck und erzählen: "Früher sind wir nach Nürnberg gefahren, jetzt haben wir es vor unserer Haustür." Begeistert sind sie nicht nur vom Ereignis an sich, sondern auch von der Filmauswahl: "Das war unsere Musik, wir freuen uns total." Bier und Wein stehen gut gekühlt griffbereit, ein Leckerli für den Hund ebenso. Ja, die Kinofans kommen hier ebenso auf ihre Kosten, wie die, die gerne weggehen.

Es ist diese ganz besondere Mischung, die den Reiz ausmacht. Seit einem Jahr ist Franziska (28) mit ihrem Florian (31) verheiratet. Sie kommen aus Dinkelsbühl, den italienischen Nudelsalat hat der Ehemann zubereitet. Er steht auf der Mittelkonsole, die Getränke auf dem Armaturenbrett. Irgendwie. "Wir müssen noch probieren, wo sie am besten passen", meint Florian. Über Facebook kam Linda (22) mit Freund Jonas (25) aus Stein bei Nürnberg nach Gunzenhausen. "Eine tolle Idee", sagen sie.

Freitag, 26. Juni, 19 Uhr. Das Gemurmel, die Gespräche verstummen. Jetzt geht’s los. In Bohemian Rhapsody wird die Lebensgeschichte von Freddy Mercury, dem legendären Sänger und Gründer der britischen Rockband Queen erzählt. Der mit vier Oskars prämierte Streifen aus dem Jahr 2018 enthält einige der größten Hits von Queen, von "We will rock you" bis "We are the Champions" bei Live Aid im Londoner Wembley Stadion, sechs Jahre vor Mercurys Tod. Kinomann Böhm hatte ein feines Gespür bei der Auswahl dieses Filmes bewiesen. Die Daumen gingen nach über zwei Stunden allerfeinsten Kinogenusses serienweise nach oben. Spalter Hell, Aperol Spritz, Apfelschorle und Mineralwasser leer getrunken. Salate, Popcorn aufgegessen.

Beifall via Warnblinker

Freitag, 26. Juni, 21.40 Uhr. Das Fazit fällt eindeutig aus: ein absolutes Highlight in dieser veranstaltungsarmen Zeit. Die Menschen freuen sich, endlich die eigene Wohnung zu verlassen, etwas zu unternehmen. Und Autokino hat einfach was. Den mutigen Betreibern bleibt zu wünschen, dass ihre kreative Schaffenskraft auch wirtschaftlich belohnt wird. Beifall gab es zumindest schon mal für ihre Idee, standesgemäß versteht sich: Mehrere Minuten lang tauchten die Warnblinker den Schießwasen in gelbes Flackerlicht.

REINHARD KRÜGER E-Mail

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