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Gunzenhausen 1934: Als ein hasserfüllter Mob durch die Straßen zog

Stadt erinnert an das Geschehen am "Blutigen Palmsonntag" 1934 - 24.03.2021 17:12 Uhr

Die historische Aufnahme zeigt das Gasthaus von Simon Strauß. Es war Ausgangspunkt für das Pogrom am 25. März 1934.

23.03.2021 © Foto: Stadtarchiv Gunzenhausen


Ein solches Gedenken zum "Blutigen Palmsonntag" findet hier nicht zum ersten Mal statt, aber eben erstmals digital. Neu ist außerdem, dass Nachkommen jüdischer Bürger von Gunzenhausen sich aktiv beteiligen. Damit gewinnt die Veranstaltung vermutlich eine ganz besondere Tiefe und Aussagekraft.

Stadtarchivar Werner Mühlhäußer, ein Kenner der unrühmlichen NS-Vergangenheit der Stadt, hat aufgezeichnet, was es mit dem "Blutigen Palmsonntag" auf sich hatte:

Vor und während der unheilvollen Jahre der NS-Herrschaft war es üblich, in Kommunen Schilder mit antisemitischen Hetzsprüchen aufzustellen. Zu Hunderten prägten diese Tafeln das Straßenbild deutscher Städte, so auch in Gunzenhausen. Bekannt ist ein Holzdenkmal in der Nürnberger Straße, auf dem man den Spruch "O Jud bleib ferne diesem Ort, denn Hitlers Geist regiert jetzt dort" lesen konnte.

"Weil Hitler hier regiert"

Ein weiteres Beispiel für eine markante Stelle in unserer Stadt waren die beiden Seiten der Tordurchfahrt des Blasturms. Hier hatte man unübersehbar direkt aufs Mauerwerk plumpe Reime großformatig aufgemalt: "Oh Schacherjud, fleuch schnell von hinnen, wenn Du erscheinst dann könnt gerinnen, das Blut vor Grausen von den Leuten, kennst Du Dich aus was soll’s bedeuten?" bzw. "Laß Israelit dich vor uns warnen, jetzt kannst du nimmer uns umgarnen, du hast, weil Hitler hier regiert, zum letzten Mal uns ausgeschmiert."

Schon diese Beispiele zeigen deutlich die menschenverachtende Ausgrenzung, ja den Hass gegen jüdische Gunzenhäuser, die seit Jahren und Jahrzehnten friedlich in der Stadt lebten und arbeiteten, deren Familien manchmal bereits über viele Generationen hier ansässig waren.

Die Botschaft war eindeutig und für die jüdischen Mitbürger in Gunzenhausen zum Fürchten.

23.03.2021 © Foto: Stadtarchiv Gunzenhausen


Doch damit war der Gipfelpunkt der moralischen Perversion noch nicht erreicht. Dieser Superlativ gebührt einer anderen Tafel, die an einem weiteren prominenten, da zentralen Standort aufgestellt wurde, und zwar am nördlichen Ortseingang an der Ansbacher Straße. Jedermann der nach Gunzenhausen kam, musste unwillkürlich diese Tafel zur Kenntnis nehmen, auf der geschrieben stand "Kein Rosenau und Rosenfeld, in dieser Stadt uns mehr gefällt".

Was dieses Schild aus der Masse ähnlicher Machwerke in erschreckender Weise deutschlandweit emporhebt, ist die Tatsache, dass es eine direkte, posthume Verhöhnung zweier gewaltsam ums Leben gekommenen Menschen darstellt.

Die ersten Opfer

Es waren der 64 Jahre alte Kaufmann Max Rosenau, wohnhaft im Haus Burgstallstraße 7, und der 30-jährige Jakob Rosenfelder, Konditor in der Bahnhofstraße 12, die am 25. März 1934, also fast genau vor 87 Jahren, als erste Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns in Gunzenhausen zu beklagen sind. Die brutalen Ereignisse am 25. März 1934 führten dazu, dass dieser Tag unter der Bezeichnung "Blutiger Palmsonntag" für eine traurige Bekanntheit unserer Stadt gesorgt hat.


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Seit jeher ist der Palmsonntag ein ganz besonderer Sonntag im Jahreslauf der Gunzenhäuser Bevölkerung, an dem die protestantische Jugend ihre Konfirmation feiert. So auch am 25. März vor 87 Jahren. An den Vortagen fanden die Konfirmandenprüfung bzw. -beichte statt. Am Festsonntag versammelten sich 84 Jugendlichen im Kindergarten an der Bühringerstraße und zogen von dort, unter Vorantritt des Posaunenchores, feierlich in die Stadtkirche ein und empfingen erstmals das Heilige Abendmahl. Im Anschluss feierten die Familien im privaten Umfeld, bis man sich zu einem weiteren Gottesdienst um 14 Uhr erneut in der Stadtkirche versammelte.

Wie einer Pressenotiz im Altmühl-Boten zu entnehmen ist, beteiligte sich die evangelische Gemeinde sehr zahlreich daran. Auch die katholischen Christen begingen den Palmsonntag am 25. März 1934 feierlich mit Frühmesse, Palmweihe und Pfarrgottesdienst sowie einem nachmittäglichen Kreuzweg.

Diese antisemitische Tafel stand in der Nürnberger Straße.

23.03.2021 © Foto: Stadtarchiv Gunzenhausen


Deshalb ist es für uns heute umso unerklärlicher, dass an diesem christlich geprägten Feiertag, nur wenige Stunden nach den Gottesdiensten, bis zu 1500 hasserfüllte Menschen durch die Straßen Gunzenhausens zogen, um Jagd auf Juden zu machen. 1500 Gunzenhäuser, das waren 28 Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung, die zu diesem Zeitpunkt etwa 5500 Einwohner betrug.

Es muss eine explosive Stimmung, ja körperlich fast spürbare Spannung an diesem Märzsonntag 1934 in der Luft gelegen haben. Schon zur Mittagszeit wurde der jüdische Kaufmann Siegmund Rosenfelder mit den Worten "Halten Sie das Maul, wir machen einen Kurs, wir saufen Schnaps und lernen, wie man Juden aufhängt" von SA-Leuten angepöbelt und eingeschüchtert. Siegmund Rosenfelder und seine Tochter fühlten sich dadurch im größten Maße alarmiert und erwarteten tatsächlich, dass im Laufe des Tages etwas passieren würde.

Am späten Sonntagnachmittag, gegen 17 Uhr, leitete der 21-jährige SA-Obersturmbannführer Kurt Bär eine Besprechung mit mehreren anderen Führern im Hotel "Post". Im Anschluss gingen Bär und seine Begleiter auf dem Weg zum Gasthaus "Krone", an der Gastwirtschaft des Juden Simon Strauß, Nürnberger Straße 4, vorbei. Sie betraten den Gastraum, entdeckten dort den ehemaligen Gundelsheimer Bürgermeister Leonhard Baumgärtner, versetzten ihm eine Ohrfeige und vertrieben ihn aus dem Lokal, "weil er sein Bier beim Juden trank". Nach diesem Zwischenfall gingen die SAler zunächst weiter zum Gasthaus "Krone", wo sie bis ca. 19.30 Uhr blieben.

Schüsse, Prügel und Misshandlungen durch SA-Männer

Später kehrten sie in die Gastwirtschaft Strauß zurück. Kurt Bär schlug Simon Strauß und dessen Frau Sofie, bedrohte das Ehepaar mit einer Pistole und gab dabei Schüsse in die Wand ab. Im Hausflur prügelten SA-Männer währenddessen den 27-jährigen Gastwirtssohn Julius Strauß bis zur Bewusstlosigkeit, demolierten dann die Einrichtung der Wirtschaft und brachten schließlich die Familie Strauß ins Gefängnis.

Auf dem Weg dorthin, etwas mehr als 100 Meter von der Strauß’schen Wirtschaft entfernt, waren der noch immer bewusstlose Julius Strauß und seine Mutter weiteren körperlichen Misshandlungen von SA-Männern ausgesetzt, angestachelt durch inzwischen hinzugekommene Neugierige und deren Rufe "Schlagt drauf, schlagt drauf". In Windeseile versammelte sich vor dem Gasthaus Strauß eine große Anzahl Schaulustiger, die sich eine Hetzrede von Kurt Bär anhörten. Er und weitere 23 SA-Leute führten anschließend Trupps zwischen 50 und mehreren 100 Gunzenhäusern an und zogen durch die nächtlichen Straßen der Kernstadt.


Pogromnacht: Als die SA die Treuchtlinger Juden vertrieb


Vor den jüdischen Anwesen grölten sie "Die Juden müssen raus", verschafften sich gewaltsam Zutritt in die Häuser, zerrten 35 jüdische Einwohnerinnen und Einwohner, teilweise im Nachthemd, ins Freie, misshandelten sie und schleppten die Gedemütigten und Verängstigten ebenfalls ins Gefängnis. Das Toben der fanatisierten Gunzenhäuser dauerte bis etwa 23 Uhr, als der SA-Sonderkommissar Karl Bär, Onkel des Haupträdelsführers Kurt Bär, aus Wassertrüdingen zurückkehrte und die öffentliche Ordnung und Ruhe wiederherstellen ließ, die sofortige Freilassung der jüdischen Frauen verfügte, während die Männer noch einen ganzen Tag in so genannter "Schutzhaft" festgehalten wurden.

Zehn Wochen in "Schutzhaft"

Eines der ersten Häuser, das gestürmt wurde, war das Anwesen Bahnhofstraße 12, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gastwirtschaft Strauß. Dort lebte Jakob Rosenfelder mit seiner Schwester Fanny Rosenfelder, Jude und als Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold politischer Gegner des Regimes, war den Gunzenhäuser Nazis schon lange ein Dorn im Auge und wurde deshalb bereits 1933 willkürlich zehn Wochen in "Schutzhaft" genommen. Beim Ausbruch des Pogroms saß er in der Strauß’schen Wirtschaft und erhielt mehrere Schläge. Blutend brachte man ihn nach Hause.

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Einstiges "Gauhaus" wurde Herzstück der Nürnberger Nachrichten

Noch heute ist es im Volksmund als "Braunes Haus" bekannt: Mitten in der NS-Zeit entstand ein markantes Sandsteingebäude an der Marienstraße als Sitz der "Gauleitung" und damit Residenz des selbsternannten "Frankenführers" Julius Streicher. 1949 zog dort der Verlag Nürnberger Presse ein - auch als bewusstes Signal für den Aufbruch in eine neue, demokratische Zeit.


Wenig später beobachtete er von dort aus, wie sich die aufgeputschte Menschenmenge seinem Haus näherte, und flüchtete mit einem Sprung aus dem ersten Stockwerk. Seine Leiche fand sich, hängend an einer Stange, im Schuppen des Anwesens Bahnhofstraße 16. Mutmaßungen über Selbsttötung oder Mord wurden schon damals heftig diskutiert. Fanny Rosenfelder gab zu Protokoll, dass sie nicht glaube, ihr Bruder habe sich selbst das Leben genommen, er sei lebensfroh und ohne Sorgen gewesen. Für eine Gewalttat Dritter sprechen diverse Ungereimtheiten während der Untersuchung der Vorkommnisse um die Auffindung der Leiche. Auch das Gutachten eines Gerichtsmediziners im Jahr 2005 tendiert in Richtung Mord.

Von Panik erfüllt

Das zweite Todesopfer jener Nacht wohnte in der Burgstallstraße 7. Dort versammelte sich der Mob gegen 22.15 Uhr. Von Panik erfüllt, flüchtete der alleinstehende Hausbesitzer Max Rosenau in die erste Etage zu seinen Mietern, der Familie Lehmann. In höchster Todesangst vor den randalierenden Menschen in seinem Haus stieß sich Max Rosenau fünf Mal ein langes Messer in die Brust. Unmittelbar darauf drangen sechs bis acht Leute in das Wohnzimmer ein, und der sterbende Rosenau rief ihnen mit letzter Kraft zu: "Ich bin schon tot, mir braucht ihr nichts mehr zu tun."


Expertin erklärt: So sollten wir mit Nazi-Sprache umgehen


Die Gunzenhausener Vorkommnisse sorgten für erhebliches Aufsehen. Schon am 28. März musste der Stadtrat direkt dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda in Berlin Bericht erstatten, dessen Chef der berühmt-berüchtigte Joseph Goebbels war. Meldungen vom Pogrom in der fränkischen Kleinstadt Gunzenhausen gingen durch Nachrichtendienste in die ganze Welt hinaus und erzeugten eine internationale Woge der Entrüstung.

Zeitungen in Amerika, Großbritannien und Österreich titelten mit den Schlagzeilen "Zwei tote Juden bei Nazi-Angriff" oder "Juden in bayerischer Stadt terrorisiert". Frankens Gauleiter Julius Streicher sah sich genötigt, englischen Journalisten Rede und Antwort zu stehen, und log unverfroren, kein Jude sei in Gunzenhausen ermordet worden.

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Am 30. Januar jährt sich die Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten zum 85. mal. Ein Blick in ein dunkles Kapitel Gunzenhausens.


Im krassen Widerspruch hierzu steht die Berichterstattung im Altmühl-Boten. Dort las man einen Tag nach dem Pogrom lediglich: "Durch Selbstmord schieden aus dem Leben Max Rosenau und Jakob Rosenfelder". Ein Satz, elf Wörter. Mehr Informationen mitzuteilen zu dem schändlichen Treiben wenige Stunden zuvor, der Verfolgung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, dem Tod zweier Unschuldiger, war es der Lokalzeitung nicht wert.

Welche tiefgreifenden, unauslöschlichen Eindrücke der 25. März 1934 in den Mitgliedern der jüdischen Kultusgemeinde Gunzenhausen hinterlassen hatten, zeigt die Tatsache, dass in den folgenden Wochen und Monaten eine erste, große Abwanderungswelle einsetzte. Sie konnten sich in ihrer Heimatstadt nicht mehr sicher fühlen.

Link zur Zoom-Konferenz

Interessierte sind herzlich eingeladen, unter dem Link https://us02web.zoom. us/j/84453971322 live dabei zu sein. Der Link ist auch unter www.gunzenhausen.de zu finden. Es sprechen unter anderem Netanel Yechieli, Suzi Reider, James Strauss, Karl-Heinz Fitz, Werner Mühlhäußer und Matthias Knoch.

Werner Mühlhäußer

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