12°

Donnerstag, 25.04.2019

|

Stippvisite im Auktionshaus Laubenzedel

Wo die Vergangenheit unter den Hammer kommt - 21.04.2018 17:43 Uhr

Im Lager des Auktionshauses Zwack in Laubenzedel steht die Zeit gleich in doppelter Form still. Auch diese Uhr wurde bei der jüngsten Versteigerung angeboten. © Kristy Husz


Im Rücken eine schwere, mit einem Zahlencode gesicherte Tür. Die Kammer schlauchförmig, ohne Fenster. Eng und stickig. Auf einer Werkbank liegen eine Rolle Klebeband, diverse fremdartige Utensilien – und ein Bajonett. Vor allem aber ist der kleine Raum zum Bersten voll mit Flinten und Büchsen, Karabinern und Infanteriegewehren. Langwaffen also, die für den Laien alle ziemlich gleich aussehen.

Doch Udo Wallbaum greift zielgerichtet einzelne Exemplare aus der Masse heraus, lässt ihr stattliches Gewicht fühlen und klärt auf: Eine Winchester, verewigt in etlichen Westernfilmen. Ein seltener Protoyp eines von Antoine Chassepot konstruierten Hinterladers, 1863 zu Testzwecken der französischen Armee überreicht und später äußerst beliebt. Eine barocke, edel verzierte Steinschlossflinte, die theoretisch schon der junge Goethe in Händen hätte halten können. Sie wird in wenigen Stunden den Weg nach Deggendorf antreten.

Via Internet dabei

Denn in was Wallbaum hier mit viel Expertise Einblicke gewährt, ist die Waffenkammer seines Arbeitgebers, des Auktionshauses Zwack. Während draußen die Lenzsonne das Dorf streichelt und überall junges Grün sprießt, kommt drinnen bei der Frühjahrsauktion 2018 die Vergangenheit unter den Hammer. Mitten im beschaulichen Laubenzedel, zugleich allerdings live vor den Augen der Welt, weil per Internet im Prinzip jeder bei der Versteigerung mitmachen kann.

Wer sich zum Besuch vor Ort entschließt, dem sticht eine Sache sofort in die Nase: Die Vergangenheit riecht, und zwar sehr intensiv. Es ist derselbe Geruch, der einem aus dem großelterlichen Wohnzimmer entgegenströmt, diese Mischung aus Alter, leicht antiquierten Gebrauchsgegenständen, rustikalen Schränken, Porzellan an den Wänden und einem Quäntchen Kitsch. Bloß dass die Geruchsmischung von Roland Zwack in tausendfacher Form destilliert, nummeriert und archiviert wurde.

Der Nürnberger lebt seit knapp 30 Jahren in Gunzenhausen und ist bereits die Hälfte davon als IHK-geprüfter, öffentlich bestellter und vereidigter Auktionator tätig. Die Beiwörter sind nicht unwichtig. Öffentlich bestellt wird laut Zwack nämlich nur, wer über genug Berufserfahrung, Sachkunde und Vertrauenswürdigkeit verfügt. In einem nicht immer seriösen Gewerbe – es ist nicht an eine Ausbildung gekoppelt – haben das Wareneinlieferer wie Kunden sicher gern schwarz auf weiß.

Porzellan und Zinnsoldaten

Bilderstrecke zum Thema

Kostbare Exponate unterm Hammer

Drei Stunden surrt der Hammer durch die Luft, dann ist die ganze Liste abgearbeitet: Sie umfasste diesmal 400 Lose und reicht von historischen Waffen bis hin zu Orientteppichen: Zu Besuch bei einer Versteigerung im Auktionshaus Zwack in Laubenzedel.


Buntes hingegen dominiert im Auktionssaal. Da tummeln sich in Glasvitrinen standhafte Zinnsoldaten, funkelt eine Rolex neben einer silbernen DM-Münze, wartet ein Autogramm von Muhammad Ali darauf, den Eigentümer zu wechseln. Ob Modellautos und handgeschnitzte Madonnen, ein Buddha aus Bronze, ein Flieger-Erinnerungsabzeichen aus dem Ersten Weltkrieg, persische Dolche, eine Gärtnergruppe aus Meißner Porzellan oder ein Diamantcollier im Jugendstil: Nichts davon ist neu oder nachgemacht, alles ist echt, echt im Sinne von "historisch und kostbar". Und alles wurde in einem Katalog beschrieben, der auch die Startpreise ausweist und in dem sich die Anwesenden manch attraktives Stück angekreuzt haben.

Gut 20 potenzielle Käufer, die meisten männlich und aus der Region, aber überdies aus Nürnberg, Niederbayern und Polen angereist, sitzen mit laminierten Bieternummern im Saal. Etliche weitere Personen operieren anonym, indem sie vorab ein schriftliches Gebot abgegeben haben, sich telefonisch zuschalten lassen oder ihr Höchstlimit irgendwo in einem anderen Erdteil in einen Internetbrowser tippen. Letzteres kann im Auktionshaus auf einem Bildschirm mitverfolgt werden und sorgt nicht bloß im Prunksegment für zusätzlichen Nervenkitzel: "85 zum Ersten, 85 zum Zweiten…" Und herab saust Zwacks Hammer, der Zuschlag geht an den schriftlichen Bieter, Provision und Mehrwertsteuer nicht inbegriffen.

Drei Stunden lang surrt der Hammer durch die Luft und besiegelt Geschäfte, dann ist eine Palette mit fast 400 Produkten, den sogenannten Losen, über den Hauptmonitor geflimmert, und die Anspannung weicht aus den Gesichtern. Wobei das nicht heißt, dass es zwischendurch an lockeren Momenten gemangelt hätte: Zwack ist mit einigen Abnehmern per Du, rät schon mal augenzwinkernd, günstiges Tafelsilber einzuschmelzen und so wieder in Geld zu verwandeln, und ab und zu sind es die Kommentare aus der Runde, die alle zum Schmunzeln bringen.

Jederzeit darf man sich außerdem vor der Tür die Beine vertreten, in der angrenzenden Halle am Kaffeebüfett bedienen oder nochmals die dort verwahrten Objekte, vom 120-jährigen Schaukelpferd über den Bodenseeschrank bis zum Luxus-Mountainbike, vom Katzengemälde bis zum Orientteppich-Stapel inspizieren.

Nostalgische Gründe

Was die Frage aufwirft: Wer genau ersteigert diese Dinge eigentlich? Die Antwort kennt Alwin Webel, ein Handelsvertreter aus Ramsberg, der öfters mit Roland Zwack zusammenarbeitet und sich gemeinsam mit dessen Angestellten um die Interessenten am Telefon kümmert. Wie er erzählt, sind es vor allem Nostalgiker, Hobbyhistoriker und Technikbegeisterte, die es zu Auktionen zieht. Und Reiche auf der Suche nach etwas mit besonderem Prestige, was im Hause Zwack gelegentlich zu einem kuriosen Kreislauf führe: Manch ein Wohlhabender hole sich einen Gegenstand allein zum Hinlegen und Präsentieren, ein paar Jahre später tauschten die Erben die Raumdeko dann schnell wieder gegen Bares ein.

Der öffentlich bestellte und vereidigte Auktionator Roland Zwack in einer berufstypischen Pose. © Kristy Husz


Webel weiß auch, welche Sparten aktuell am erfolgreichsten sind: Schmuck und Militaria. Große Preissprünge erreiche man überdies mit kleinen Einzelteilen wie Silberlöffeln, die in irgendeiner individuellen Kollektion bislang fehlten. Wer so ein Teil ergänzen wolle, sei häufig bereit, bis zum Äußersten mitzubieten. Der Mensch ist eben immer noch Jäger und Sammler.

Die Sammelleidenschaft für Militaria ist dabei etwas, was man mit pazifistischer Grundeinstellung nicht unbedingt nachempfinden, doch differenziert betrachten muss: Speziell der Inhalt der Waffenkammer, der ja per Definition geschaffen wurde, um Lebewesen zu verletzen und zu töten, übt zugleich eine starke Faszination in den Bereichen Kulturgeschichte und Technik aus. Das beweisen die Gespräche mit Udo Wallbaum, das zeigt sich in der Unterhaltung mit dem Herrn aus Deggendorf, der das Barockgewehr und eine österreichische Perkussionsflinte erwirbt.

Beide Männer brechen keine Lanze für das "Horten" von Kampfgeräten, sondern erinnern an das bekanntlich strenge deutsche Waffengesetz. Wie bei Waidgenossen, Polizisten und den Mitgliedern der vielen Schützenvereine im Landkreis sind bei den Freunden von Sammlerstücken allerlei Sicherheitsmechanismen dazwischengeschaltet.

Roland Zwack selbst wurde, wie er schildert, nicht aus persönlicher Vorliebe zum Händler solcher Ware. Er sieht sich hier vielmehr als Dienstleister für Hinterbliebene, welche sich zügig von einem schwierigen Fundus trennen und trotzdem einen angemessenen Gegenwert erhalten wollen: "Man hilft Menschen damit."

Jubiläum im Juli

Je nach eigener Position bleibt das Ganze wohl ein kontroverses Thema. Selbiges gilt für die im Katalog gelisteten Überbleibsel des Nationalsozialismus. Glücklicherweise werden in Laubenzedel aber ständig auch weit weniger umstrittene Güter eingeliefert und nachgefragt. Wer sich davon ein Bild machen, etwas ersteigern oder rare Schätze loswerden möchte, kann zu den allgemeinen Öffnungszeiten im Auktionshaus Zwack vorbeischauen. Oder am Samstag, 7. Juli, wenn die 100. Auktion mit ein paar Jubiläums-Überraschungen aufwarten wird.

Aufregend ist so eine Visite zweifellos. Und sollte man tatsächlich mit leeren Händen heimreisen, nimmt man zumindest einen blinden Passagier mit: Der intensive Geruch der Vergangenheit heftet sich unbemerkt an Kleidung und Haare und kitzelt noch nach Stunden viele bunte Eindrücke aus dem Gedächtnis.

  

KRISTY HUSZ E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Gunzenhausen