Samstag, 18.01.2020

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Ukrainische Familie aus Heidenheim abgeschoben

Schwerer Schlag vor Weihnachten: Trotz aller Bemühungen mussten Pavlo und Svetlana Pomyshaieva gehen - 25.12.2019 07:11 Uhr

Nach über vier Jahren waren Pavlo und Svetlana Pomyshaieva und ihre Kinder in Heidenheim längst heimisch geworden. Jetzt mussten sie zurück in die Ukraine. © privat


Zwar hing dieses Damoklesschwert schon länger über Pavlo und Svetlana Pomyshaieva und ihren Kindern, doch da noch die Entscheidung über einen erneuten Asylantrag ausstand und sie nach eigener Aussage stets beteuert haben, freiwillig auszureisen, falls dieser negativ ausfallen sollte, wogen sie sich in relativer Sicherheit, wie die Frauen erzählen und wie es auch aus einem Brief hervorgeht, in dem das Paar die Geschehnisse der letzten Jahre und besonders den Tag der Abschiebung schildert.

Schon seit März 2015 lebten Pavlo und Svetlana mit ihren Kindern in Heidenheim. Sie waren aus dem (immer noch) vom Krieg betroffenen Donbass-Gebiet in der Ukraine geflohen und stellten in Deutschland einen Asylantrag. Während des laufenden Verfahrens fand Pavlo als gelernter Autoschlosser Arbeit bei einer Tief- und Straßenbaufirma in Degersheim. Sowohl er als auch seine Frau, die als Krankenschwester ebenfalls gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatte, sowie der Nachwuchs lernten fleißig Deutsch.

Doch im August 2016 wurde der Asylantrag erstmals abgelehnt, dann erneut im Oktober 2018. Auch die Härtefallkommission konnte nichts ausrichten. Allerdings durfte die Familie noch bleiben, da Svetlana zwischenzeitlich schwanger geworden war. Außerdem hatte die älteste Tochter Alexandra einen Unfall beim Spielen, bei dem sie sich schwer an der Hüfte verletzte.

Tochter verletzte sich

Mehrere Operationen und Untersuchungen folgten, teilweise über eine Spendenaktion finanziert, über die der Altmühl-Bote im Frühling 2019 berichtete. Die Intention der Eltern war es, auf jeden Fall zu verhindern, dass ihre Tochter ihr Leben lang gehbehindert bleibt. Sie sollte in Deutschland weiter behandelt werden, und dafür setzten Pavlo und Svetlana sämtliche Hebel in Bewegung. In der Ukraine, so fürchteten sie, sei eine solche Behandlung weniger gut möglich und schlicht unbezahlbar – zumal sie schon vor der Ausreise nach Deutschland große Schwierigkeiten bei der Arbeits- und Wohnungssuche in Kiew hatten. "Eben weil sie Russisch sprechen", wie Brigitta Reichert erläutert.

Die Heidenheimerin kam als Gruppenleiterin einer Kindertagesstätte im September 2015 in Kontakt mit der ukrainischen Familie. "Für die Einzelförderung machte ich Hausbesuche. Und ich war begeistert, wie der Haushalt läuft, wie die großen Kinder sich um die jüngeren kümmern und wie gut alle miteinander umgehen", erinnert sie sich im Gespräch mit dem Altmühl-Boten. Da sie selbst in der Liebenzeller Gemeinschaft aktiv ist und sie sah, dass in der Familie viel in der Bibel gelesen wird, lud sie Pavlo und Svetlana zu den Treffen ein. Und so nahmen die Kinder an Zeltlagern und vielen anderen Aktivitäten teil, und Svetlana verstärkte den Chor.

"Mit der Zeit ist es eine echte Freundschaft geworden", so Brigitta Reichert, die die Entwicklung der ganzen Asylgeschichte hautnah mitbekommen hat. Genauso wie Christine Hörlbacher, die eher aus Zufall auf die Familie gestoßen ist: "Beim Spazierengehen kam Svetlana mit den Kindern an unserem Kuhstall vorbei, und die Kinder wollten gerne die Kälbchen sehen." Von da an trafen sie sich jeden Abend zum Deutschlernen auf der Hofbank.

Arbeitsvisum möglich?

Später engagierte sich die Landwirtin dann als Lernpatin für zwei der Kinder. "Die waren so gut zu haben, sie waren fast wie eigene Enkelkinder." Sie fuhr mit ihnen zum Kieferorthopäden und half bei der Übersetzung von Behördenschreiben. Und sie habe Pavlo und Svetlana immer aufgefordert, bei den Behörden zu sagen, dass sie freiwillig ausreisen, wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, und damit eine Abschiebung vermeiden.

Das war auch die Idee von Margit Kleemann, die in Heidenheim seit einigen Jahren das Projekt "Die Nähstube – eine Upcycling Werkstatt" betreut und dadurch jede Woche Kontakt zu den Flüchtlings- und Aussiedlerfrauen hat. Bei einer freiwilligen Ausreise besteht die Möglichkeit, über ein Arbeitsvisum wieder einzureisen.

Einen Versuch wäre es wert gewesen, allerdings verkennt die engagierte Ostheimerin auch den Haken an der Sache nicht: Weder Pavlos Facharbeiterbrief noch Svetlanas Examen werden vollständig anerkannt, so dass sie sehr wahrscheinlich nur als Hilfskräfte eingestellt werden würden und nach Ansicht der Behörden dann zu wenig Geld für die mittlerweile neunköpfige Familie verdienen. Für die Wiedereinreise müssten sie aber nachweisen können, ohne staatliche Unterstützung über die Runden kommen zu können.

Vorschriften, über die Margit Kleemann nur den Kopf schütteln kann: "Auf der einen Seite suchen wir zwanghaft Leute, die bei uns arbeiten wollen. Und solche, die schon da sind, die Sprache sprechen, eine Arbeit haben und integriert sind, schieben wir ab."

Lehrer sind fassungslos

Dass ausgerechnet diese Familie abgeschoben wird, ist nicht nur für die drei Frauen unverständlich. Auch die Lehrkräfte der Hahnenkammschule, die von vier Kindern der Familie besucht wurde, sind sehr betroffen. "Wir haben immer mit der Familie gehofft. Die Kinder brachten sehr gute Leistungen, waren absolut zuverlässig und einfach wunderbare Schüler", heißt es aus dem Kreis der Lehrer, die außerdem von einem "Paradebeispiel an Integration" sprechen. Man könne nicht verstehen, warum in Deutschland solche Leute abgeschoben werden, die man doch eigentlich brauche.

Aber selbst die kleine Chance des Arbeitsvisums ist Pavlo und Svetlana nun vorerst verwehrt: Mit der Abschiebung, die Pavlo als "einen Horrorfilm" beschreibt, geht ein mehrmonatiger Wiedereinreisestopp einher, der aber, und hier kommt ein Fünkchen Hoffnung ins Spiel, aufgehoben werden könnte – wenn nachgewiesen wird, dass die Abschiebung widerrechtlich und unverhältnismäßig war. Und in der Tat sind für Margit Kleemann, Brigitta Reichert und Christine Hörlbacher so einige Fragen offen.

Zum Beispiel habe Svetlana immer betont, unterschrieben zu haben, dass sie und ihre Familie freiwillig ausreisen würden. Warum wurde das nicht berücksichtigt? Was ist mit den Pässen passiert, die ihnen im Januar 2019 abgenommen worden sind und die sie zurückhaben wollten, um sie bei der ukrainischen Botschaft vorzulegen? Wie Pavlo und Svetlana berichten, seien sie laut Auskunft der für sie zuständigen Zentralen Ausländerbehörde (ZAB) in Ansbach versehentlich irgendwo hängengeblieben, und sie würden sie am 18. Dezember bekommen. Für diesen Tag hatten sie auch eine schriftliche Vorladung zur ZAB bekommen.

Viele offene Fragen

Es sind Fragen wie diese, die die ehrenamtlichen Helferinnen und Freundinnen in diesen Tagen vor Weihnachten umtreiben. Liegen hier Missverständnisse und Versäumnisse vor, wusste die linke Hand nicht, was die rechte tut, oder hat die Familie zu lange mit der Ausreise gezögert?

Die ZAB hat eine etwas andere Sicht auf die Dinge und erklärt über die Pressestelle auf Anfrage unserer Zeitung schriftlich, dass die Ausreisepflicht für die gesamte Familie seit annähernd zehn Monaten, seit Januar 2019, vollziehbar gewesen sei.

Weiter heißt es: "Die Tochter konnte im Mai 2019 operiert werden. Mit der Familie wurde für die Zeit nach der Rekonvaleszenz im Juli 2019 die freiwillige Ausreise vereinbart. Der Familie wurden aus diversen Förderprogrammen erhebliche Geldbeträge als Reise- und Reintegrationshilfen bewilligt. Seitens der Behörden wurden Flugtickets für die Familie gebucht. Eine vorübergehende Wohnmöglichkeit in der Ukraine wäre der Familie nach ihrer Rückkehr bereit gestellt worden. Die freiwillige Ausreise ist jedoch gescheitert, da die Familie nicht mehr bereit war, freiwillig auszureisen. Daher wurde die gesetzlich vorgeschriebene zwangsweise Aufenthaltsbeendigung eingeleitet und vollzogen. Die in der Folge erfolglos gestellten Folgeanträge zeigten bis zuletzt, dass die Familie bis zu ihrer Abschiebung nie ernstlich an einer freiwilligen Ausreise interessiert war."

Zur Frage nach den Pässen der Familie kommt folgende Auskunft aus Ansbach: "Für die freiwillige Ausreise im Juli 2019 lagen für die Eltern und die fünf in der Ukraine geborene Kinder gültige Pässe vor. Für die zwei in Deutschland geborenen Kinder hat die ZAB von Amts wegen Heimreisescheine für die freiwillige Ausreise erwirkt und in der Folge für die Abschiebung von Amts wegen verlängert. Die Identitätsdokumente befanden sich zum Zeitpunkt des Herausgabeverlangens durch die Betroffenen bereits auf dem Postweg zur PI Schubwesen."

Bleibt noch die Frage, wie es sein kann, dass den Anwalt der Familie (der momentan im Urlaub ist und deshalb keine Stellungnahme abgeben konnte) ein auf den 6. Dezember datierter negativer Bescheid des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge per Einschreiben am 11. Dezember erreichte und just am selben Tag frühmorgens die Polizei in Heidenheim auf der Matte stand?

Schwerer Schock

Ein Anblick, der bei der siebenfachen Mutter einen schweren Schock auslöste, sodass sie erst nach einer ärztlichen Behandlung zum Flughafen gebracht werden konnte, wie es Pavlo schildert, der auch nicht fassen kann, dass seine Frau während des Flugs an Brust, Armen und Händen fixiert werden musste – vor den Augen der Kinder – und erst nach mehrfachen Bitten auf die Toilette durfte.

"Ich schwöre, meine Frau war nicht aggressiv", beteuert der 43-Jährige, der die Ereignisse dieses Morgens genau aufgeschrieben hat und diesen Brief unter der Überschrift "Willkommenskultur in Bayern" über die sozialen Netzwerke um die Welt und auch an die Bundesregierung schickt. "Für die Kinder war das ein Schock!"

Untergekommen ist die Familie vorübergehend bei Svetlanas Schwester in Kiew, die Erwachsenen tief enttäuscht über den "entwürdigenden Umgang", die Kinder voller Heimweh. "Wir wollen wieder heim." Heim nach Heidenheim.

 

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