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Artenschutz unter Wasser: "Fische sterben leise"

Artenschutz spielt auch unter Wasser eine wichtige Rolle — 30 Jahre Biotopgruppe - 29.03.2019 14:00 Uhr

Zwei Kormorane kämpfen um eine Barbe: Besonders im Winter bedienen sich die Raubvögel gerne auch an den Fischen in der Aisch. Foto: Silvio Heidler


Früher war der Eimer ruckzuck voll. Paul Neudörfer erinnert sich, wie er als Kind auf Salzstangen verzichtete, um sich 50 Pfennig für eine Angel zusammenzusparen. "Wir hatten ja nur Fußball und Fischen", sagt der 71-Jährige heute. Gründlinge hat er damals zahlreich aus der Aisch gezogen und in den Eimer geworfen. Viele Fischarten sind inzwischen verschwunden. Es wären noch mehr, würde Paul Neudörfer nicht seit 30 Jahren für die Bestände kämpfen.

"Mir war schon früh klar: Ich möchte meinen Enkelkinder nicht die Fische, die es mal in der Aisch gab, im Bilderbuch zeigen müssen", sagt der Rentner. Deshalb hat er sich von vor drei Jahrzehnten vorgenommen, etwas zu tun. Los ging es in den abgefischten Weihern. "Ich habe gesehen, wie viele Schleihen zum Beispiel noch in den Pfützen lagen", erzählt Neudörfer. "Und sie taten mir leid." Viele hat er gerettet, bevor sind erstickten, und in die Aisch umgesiedelt. Fritz Endres war damals Vorsitzender des Fischereivereins. Er hat Paul Neudörfer unterstützt und dafür plädiert eine "Biotop- und Artenschutzgruppe" zu gründen. Das ist auch geschehen. "Wir wurden damals sehr belächelt", erinnert sich der 71-Jährige, "oft sogar ausgelacht." Artenschutz ist damals noch kein großes Thema.

Paul Neudörfer bei der ersten Artenschutz-Aktion des Jahres: Die einjährigen Barben im Käscher setzt er gleich in die Aisch ein. Foto: Elfriede Hagn


Dabei ging es mit den Beständen schon bergab. In Neudörfers Kindheit gab es noch ein Drei-Kammer-Abwassersystem. Dann kam das Zeitalter der Waschmaschinen und der Industrie. "Die Wasserqualität war bald in der Weisach besser als in der Aisch", hat der Fischer festgestellt. "Das lag daran, dass die Firma Martin Bauer schon eine Kläranlage hatte." Der Unternehmer Martin Wedel hat die Biotopgruppe später auch häufig als Sponsor unterstützt.

Schon damals arbeitete Paul Neudörfer eng mit der Fischereibehörde zusammen. Um herauszufinden, welche Bestände betroffen sind, ging er Elektrofischen. Dabei wird ein Bereich im Wasser kurz unter Strom gesetzt, so dass die Fische einen Schock bekommen und an die Oberfläche treiben. Dann lassen sie sich zählen und können anschließend weiter schwimmen. Nasen, Aalrutten, Schleien, Stichlinge oder Gründlinge - sie alle wurden immer seltener.

Hier schwimmt eine Aalrutte: Viele von ihrer Art haben die Mitglieder der Biotopgruppe erfolgreich wieder in die Aisch eingesetzt. Foto: Andreas Hartl/LFV


Also ging der Leiter der Biotopgruppe auf die Suche nach Züchtern von seltenen Arten. Insgesamt hat er in den vergangenen Jahrzehnten geschätzte 30 000 Euro an Spenden gesammelt, um Fische, Muscheln oder Krebse zu kaufen, die er dann wieder in die Aisch entlässt. "Da waren natürlich keine Bratpfannenfische", sagt Neudörfer.

Auch in diesem Jahr hat die Gruppe schon ihre erste große Artenschutzaktion gestartet: Mitglieder setzten in den beiden Höchstadter Aischteilstücken 246 Stück einjährige Barben ein. Alle eingesetzten Arten sind bedroht und deshalb ganzjährig geschont. "Ich freue mich immer sehr, wenn mir ein Fischerkollege berichtet, dass er zum Beispiel eine große und schwere Rutte am Haken hatte und sie dann wieder ausgesetzt hat." Dann weiß der 71-Jährige, dass sich sein Einsatz gelohnt hat und sich der Fisch gut entwickelt hat.

Sowieso ist ihm klar: Nur zehn bis 20 Prozent der Fische, die er einsetzt, haben eine Überlebenschance. Deswegen müssen es viele sein. Bis vor vier Jahren haben die Artenschützer deshalb die Tiere grob gezählt, bevor sie in die Freiheit kamen. Grob 200 000 Stück waren es bis dahin. Sämtliche Aktionen waren abgestimmt mit den Behörden.

Räuber Wels und Kormoran

Neun Mitglieder hat die Biotopgruppe derzeit und einige Sponsoren, die regelmäßig spenden. Der Artenschutz gehört inzwischen fest zur Aufgabe der Fischereivereine. Staatsministerin Michaela Kaniber lobt das in ihrem Grußwort zum Fischzustandsbericht.

Dieser nennt neben Gewässerausbau und fehlenden Laichplätzen auch Wanderhindernisse und Klimaerwärmung als Gefahrenquellen für die Fische. Auch Fressfeinde schlagen natürlich zu. "Wegen der Welse, die aus den Weihern in die Aisch kamen, hat zum Beispiel die Schleie kaum eine Chance", beobachtet Paul Neudörfer. Und im Winter bedienen sich die Kormorane sehr gerne in der Aisch.

Weil Neudörfer den stummen Fische eine Stimme geben möchte, hat er sich nach dem Volksbegehren "Rettet die Bienen" an die lokalen Abgeordneten Martina Stamm-Fibich und Walter Nussel gewandt und gefordert, dass auch Fischer vertreten sind am Runden Tisch für Artenvielfalt in München. Er ist froh, dass das geklappt. "Denn die Fische sterben leise: Man sieht sie nicht und hört sie nicht." 

CLAUDIA FREILINGER

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