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Höchstadt: Apotheken fehlt der Nachschub

Selbst bei alltäglichen Medikamenten kommt es zu Lieferengpässen. Sind Rabattverträge schuld? - 02.02.2020 17:37 Uhr

Bei immer mehr Medikamenten kommt es zu Lieferengpässen, beobachtet Apotheker Georg Reck. Zwar finde man für jeden Patienten letztlich eine Lösung, wie man ihm trotzdem helfen kann, doch für die Apotheken bedeute das einen enormen Mehraufwand. © Foto: Edgar Pfrogner


Und seit einem Jahr etwa, so hat der 34-Jährige beobachtet, werde die Lage immer schwieriger. So sei beispielsweise das Antidepressivum Venlafaxin seit drei bis vier Monaten nicht lieferbar. Kein einziger Hersteller könne das Medikament besorgen.

Werde das Mittel dennoch verschrieben, "dann schauen wir halt, dass wir das trotzdem hinkriegen", schildert Reck. Das heißt: "Wir rufen beim verschreibenden Arzt an, ob man eventuelle auch eine andere Wirkstärke bei dem Patienten nehmen könnte." Oder man suche eine andere Lösung. "Das ist für uns halt ein enormer Mehraufwand. Aber irgendwie kriegen wir das dann schon hin."

Apotheken haben eine sogenannte Defektenliste. Hier sind Artikel aufgeführt, die normalerweise standardmäßig in der Apotheke vorrätig sind, aber gerade abverkauft sind und für die nun Nachschub benötigt würde. "Aktuell möchten wir über 300 Medikamente bestellen, aber die sind alle nicht lieferbar", erläutert Georg Reck. "Das ist schon sehr viel." Dennoch findet er: "Panik ist nicht angesagt."

Was sind die Gründe für diese Lieferengpässe? "Wenn wir bei den Pharmafirmen nachfragen, können die uns auch keine Ursachen nennen", hat der Höchstadter Apotheker die Erfahrung gemacht. Laut dem Deutschen Apothekerverband (ABDA) hat sich die Zahl der nicht verfügbaren Rabattarzneien in Deutschland fast verdoppelt: Von 4,7 Millionen Packungen 2017 auf 9,3 Millionen im vergangenen Jahr. Jedes 50. dieser Mittel sei von Lieferengpässen betroffen – also mehr als zwei Wochen nicht verfügbar oder deutlich stärker nachgefragt als angeboten.

"Noch nie erlebt"

"Eine Katastrophe", das sagt Georg Galster, Senior-Chef der Mauritius-Apotheke in Röttenbach, zum Thema Lieferengpass bei Medikamenten. 43 Jahre lang habe er die Apotheke geführt, die er inzwischen an seinen Sohn Wolfgang weitergegeben hat, "aber so eine Situation habe ich noch nie erlebt", beteuert der 68-Jährige.

"Wir haben aktuell 491 verschiedene Artikel auf unserer Defektenliste, die gerade nicht lieferbar sind." Darunter seien ganz alltägliche und verschiedenste Mittel – vom Herzmittel über Impfstoffe bis zu Augentropfen, so Galster.

"Die Ursache für diese Lieferengpässe sind die gnadenlosen Rabattverträge, die die Krankenkassen mit den einzelnen Herstellern abgeschlossen haben", erläutert der erfahrene Pharmazeut. Das habe zur Folge, dass viele Medikamente in China und Indien produziert werden, weil man sie dort viel billiger herstellen kann.

Oft seien die Medikamente aber qualitativ schlechter beispielsweise wegen Rückständen im Wirkstoff oder unerwünschten Nebenwirkungen, sodass diese Produkte dann in Deutschland nicht verkauft werden dürfen. "Und die fehlen dann bei uns am Markt", weiß Georg Galster.

Der 68-Jährige hat noch eine andere Vermutung: "Die Preise werden bei uns so in den Keller gedrückt, dass die Hersteller ihre Waren lieber in anderen Ländern der Welt verkaufen, wo sie mehr Geld verdienen." Auch diese Mittel fehlen dann auf dem deutschen Markt. Die Folge für Apotheken und Patienten vor Ort wie in Höchstadt oder Röttenbach: Das gewünschte Medikament ist eben nicht verfügbar.

"Ja, da raucht es zurzeit gewaltig", sagt Galster. Jede Apotheke in Deutschland kämpfe mit den gleichen Problemen. Erst vor wenigen Tagen habe er gelesen, dass zurzeit rund 5000 Artikel in Deutschland nicht lieferbar seien. "Früher war Deutschland zusammen mit der Schweiz führend im Pharmabereich, jetzt sind wir hier auf die letzten Plätze weltweit gerutscht", stellt er enttäuscht fest.

MARIA DÄUMLER

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