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Marriage Week im Interview: "Ehe" es zu spät ist...

Paarberater Susanne und Johann Scharf bieten bei der "Ehe-Woche" Hilfe an - 03.02.2016 17:03 Uhr

Susanne und Johann Scharf (beide 54) gestalten bei der diesjährigen „Marriage Week“ zwei Ehe-Abende. Es geht um Missverständnisse, Verletzungen und Stolperfallen in der Partnerschaft. Das Ehepaar kann dabei auf einen reichen Schatz an eigener Erfahrung zurückgreifen.

Bei der "Marriage Week" dabei: Sie haben Unterstützung erfahren, und seit 20 Jahren helfen sie selbst Ehepaaren, die nicht in die Sackgasse geraten wolle. © Ralf Rödel


Führen Sie eine glückliche Ehe?

Susanne Scharf: Fangen wir am besten von vorne an: Wir haben 1984 geheiratet und nach vier Jahren festgestellt, dass wir nur nebeneinander herleben. Wir waren beide sehr unzufrieden. Wir hatten das Gefühl, dass wir unsere Ehe an die Wand gefahren haben. Ich dachte, alle Männer sind normal, nur meiner ist anders. Meiner ist so schwierig, mit allen anderen kann man reden, das war so meine Vorstellung.

Was passierte dann? Sie sind ja immer noch verheiratet, und das seit 32 Jahren?

Susanne Scharf: Wir sind damals eingeladen worden, an einem Eheseminar teilzunehmen. Das könnte euch helfen, hieß es.

Und es hat geholfen?

Susanne Scharf: Wir haben dort festgestellt, dass wir bislang in unserer Ehe gar nicht wirklich miteinander geredet hatten. Nicht wirklich ins Gespräch gekommen waren. Nach dem Wochenende waren wir begeistert. Wir haben die Arbeit des Seminarveranstalters dann unterstützt und sind in diese Arbeit langsam hineingewachsen. Seit etwa 20 Jahren bieten wir nach verschiedenen Fortbildungen auch selbst Seminare an.

Was kann ein Seminar oder eine Veranstaltung erreichen, was ein Paar nicht auch für sich alleine zu Hause schaffen kann?

Johann Scharf: Es ist für Paare viel leichter, miteinander ins Gespräch zu kommen, wenn bei einer Veranstaltung zunächst ein Dritter etwas vorträgt. Und dann kleine Aufgaben verteilt werden, zu zweit über dieses oder jenes Thema zu reden. Da funktioniert dann, was daheim momentan nicht mehr klappen will.

Susanne Scharf: Wenn ich zu Hause sage: Johann, wir müssen mal über etwas reden, dann denkt er vielleicht gleich: Aha, mal sehen, was es jetzt wieder zu meckern gibt. Man ist gleich in Hab-Acht-Stellung. Eine Seminarsituation hat den Vorteil, dass erst einmal keine Spannung in der Luft liegt.

Nun ja, aber nach dem einen Abend sitzt man ja wieder zu zweit zu Hause.

Susanne Scharf: Paare haben dann oft den Wunsch, in solch entspannten Situationen weiter zu reden. Man bleibt am Thema dran, ohne irgendeinen Druck zu haben. So treffen wir uns beispielsweise mit mehreren Leuten einmal im Monat.

Wie stellen Sie sich bei ihren Vorträgen vor: Schaut her, wir haben es geschafft, wir sind jetzt glücklich?

Susanne und Johann Scharf (beide lachen): Nein, eine Ehe ist nichts Statisches nach dem Motto: Jetzt haben wir fünf Jahre investiert, jetzt brauchen wir nichts mehr machen. Man muss ständig dranbleiben. Sonst staut sich etwas auf. Wir können nicht sagen, wir haben es gepackt.

Bei ihren Vorträgen in Herzogenaurach geht es um Kommunikation und Zuhören. Was ist ein klassisches Beispiel für permanentes Scheitern?

Johann Scharf: Die Begrüßung.

Die Begrüßung?

Johann Scharf: Ja, da entscheidet sich schon, wie der ganze Abend verlaufen kann. Beispiel: Die Frau ist genervt vom Alltag mit den Kindern und will abends dem Mann sofort alles erzählen. Er ist aber noch voll von der Arbeit und kann nichts aufnehmen. Da ist der Knatsch vorprogrammiert. Schon beim ersten Satz.

Und wenn ich den Mechanismus durchschaue, steigen dann die Chancen für einen harmonischen Abend?

Johann Scharf: Man kann sich Mechanismen der Kommunikation bewusst machen, um manchen Streit zu verhindern. Aber dasmuss man auch üben, es ist nicht leicht.

Aber wenn es schon beim Begrüßen den Bach runtergehen kann, das ist doch frustrierend.

Susanne Scharf: Es zeigt, dass Paare nicht davon ausgehen dürfen, dass man es auf alle Fälle alleine schaffen kann. Nach der Begrüßung geht es ja weiter. Es gibt die Ebene des Informationsaustauschs, des Meinungsaustauschs und des Austauschs von Gefühlen. Und am Schluss noch den Wunsch nach kompletter Offenheit dem Partner gegenüber.

Sehr viel für eine einzige „Marriage-Week“?

Susanne Scharf: Wir wollen bei den Veranstaltungen auch nur einen Impuls geben, sich auf den Weg zu machen.

Der wohin führen kann?

Susanne Scharf: Wenn ich es persönlich beantworten darf: Wir beide hatten vor vielen Jahren über die Scheidung nachgedacht, heute würde ich Johann nicht mehr hergeben.

Johann Scharf: Wir verstehen uns richtig gut, was nicht heißt, dass wir nicht auch streiten oder mal richtig sauer aufeinander sind. Aber wir haben jetzt ein Fundament.

Susanne Scharf: Wir haben gelernt, über unsere Bedürfnisse offen zu reden.

Und wenn Ihnen alle Kommunikationregeln mal so richtig egal sind, weil Sie wirklich streiten wollen?

Susanne Scharf: Ja, das gibt es natürlich auch. Aber das wäre jetzt schon wieder ein ganz neues Thema. Bei unseren Veranstaltungen bei der Marriage Week geht es uns erst mal darum, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich die Paare stressfrei begegnen können. „Fair“ streiten zu lernen, ist dann aber ein wichtiger weiterer Schritt.

Haben es die beiden Partner immer selbst in der Hand? Es gibt auch äußere Einflüsse.Manche fühlen sich von den Anforderungen von Beruf und Gesellschaft überfordert.

Susanne Scharf: Ja, manchen Ehepaaren müssen wir sagen: „Vielleicht ist es an der Zeit, mal zu überlegen, was ihnen wirklich wichtig ist.“ Wir haben einen Freund, den man in seiner Firma die Karriereleiter immer höher schubsen wollte. Irgendwann hat er gesagt: „Das kann ich mit meiner Familie nicht mehr vereinbaren.“ Da hat der Chef gesagt: „Familie? Das habe ich schon lange hinter mir.“

Johann Scharf: Es gibt einen Altar, auf dem man seine Familie und sein Leben opfern kann: die Karriere.

Susanne Scharf: Manchmal muss man vielleicht seinen Lebensstandard etwas herunterschrauben, um Freiraum zu gewinnen für die Beziehung. Oder: Was hilft es, wenn ich sportlich superfit bin und in allen Vereinen auftauche und mitmache, dabei aber meine Familie kaputtgeht. Wer eine gute Ehe führen will, muss lernen, Prioritäten zu setzen.

Gibt es Grenzen, wo man eine Partnerschaft noch retten kann?

Johann Scharf: Ja, es gibt Grenzen. Wenn Gewalt im Spiel ist, oder Alkohol, Drogen oder psychische Erkrankungen. Dann kann es schon sehr schwer werden.

Susanne Scharf: Meine Erfahrung ist, wenn beide es wollen, dann kann man fast immer etwas machen. Schwierig wird es, wenn nur einer bereit ist zu investieren. Da gibt es schon Grenzen, wo wir sagen, das ist nicht schaffbar, da sollte man einen Schlussstrich ziehen, bevor einer ganz kaputtgeht.

Johann Scharf: Scheidung ist nicht etwas, was nicht sein darf . Es ist kein Tabu. Schauen Sie zurück in die 50er Jahre, als Scheidung verpönt war. Was da Frauen aushalten mussten, da gibt es schlimme Geschichten. Aber viele Scheidungen heutzutage könnte man mit Sicherheit vermeiden.

Veranstalter der „Marriage Week“ hier ist das Ökumenische Ehenetzwerk Erlangen. Muss man christlich glauben, um dabei zu sein?

Johann Scharf: Ich bin gelernter Zimmermann, arbeite aber jetzt als Pastor der Freien Evangelischen Gemeinde Am Wetterkreuz in Erlangen. Christliche Wertvorstellungen spielen für uns persönlich eine große Rolle. In den Vorträgen aber sind sie kein Hauptthema, auch wenn sie im Hintergrund mitschwingen.

Susanne Scharf: Eine gute Ehe leben kann nicht nur jemand, dem christliche Werte wichtig sind. Viellicht hilft es. Aber niemand wird bekehrt. Allerdings gibt es während der Veranstaltungsreihe interessante Gottesdienste zum Thema.

Die Abende mit dem Ehepaar Scharf in Herzogenaurach: „Die Ehe – ein lebenslanges Gespräch“ am Samstag, 13. Februar, und „Nun hör mir doch mal zu!“ am Samstag, 5. März, jeweils 19.30 Uhr bei der Freien Evangelischen Gemeinde in Herzogenaurach, Langenzenner Straße 3. Anmeldung ist möglich unter der Telefonnummer (0 91 32) 57 57 oder per E-Mail an: heiko.schmidt@feg.de

Die Idee der „Marriage Week“ (Ehewoche) stammt aus England. Seit 1996 wird dort jedes Jahr im Februar das Abenteuer einer gelingenden Ehebeziehung in den Mittelpunkt einer Themenwoche gestellt. Zum 8. Mal findet sie jetzt auch in Deutschland statt, in Erlangen und Umgebung ist das ökumenische Ehenetzwerk Erlangen Veranstalter.

Das Gesamtprogramm ist nachzulesen unter www.marriageweek-erlangen.de

Matthias Kronau

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