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Steinbacher liebt "das schlechteste Auto der Welt"

Boris Pjevaljcic ist ein eingefleischter Yugo-Fan - 20.04.2020 06:57 Uhr

Noch als Fast-Ruine liegt der Yugo auf der Hebebühne. Aber den schwersten Teil der Restauration hat der Wagen schon hinter sich.

© Foto: Rainer Groh


Die Krönung serbo-kroatischer Automobiltechnik, so einer der zahllosen Yugo-Witze, liegt noch als Fast-Ruine auf der Hebebühne. Boris Pjevaljcic sagt dennoch, nach fast acht Jahren habe er nur noch 15 volle Arbeitstage zu investieren, dann fahre sein Klassiker, Baujahr 1993, wieder. Der Herzogenauracher, wie der Name nahelegt Sohn eines der ersten Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien, ist vielbeschäftigter Außendienstler und kann sich nicht kontinuierlich dem Schrauben im Steinbacher Yugo-Refugium widmen. Obendrein hat der Mann den Ehrgeiz, alle Arbeiten wirklich selbst zu machen und musste sich deswegen zum Beispiel das Schweißen selbst beibringen.

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Aber seit er es drauf hat, macht es Boris Pjevaljcic einen Riesenspaß, Bleche auszutauschen. Das Sandstrahlen der Karosserie hat er längst hinter sich, der Yugo hat kein Fleckchen Rost mehr.

Den Designern des jugoslawischen Staatskonzern Zastava ("Die Flagge"), die 1977 dem Yugo ein Blechkleid irgendwo zwischen VW Golf und Fiat Panda geschneidert haben, ist Pjevaljcic dankbar, dass es sich nicht um Auto-Haute Couture handelt: Alles gerade, leicht zu schweißen.

Oben rum ist nicht viel zu tun. Pjevaljcic besitzt eines der wirklich raren Yugo Cabrios. In der oben offenen Variante gibt es das Auto laut Besitzer nur fünf Mal in Deutschland.

Und technisch, so Pjevaljcic, ist sein Auto in sehr gutem Zustand. Was immer dies auch heißen mag: Das Modell ist nicht gerade für Zuverlässigkeit bekannt. Mit einem – geschlossenen – Yugo Koral hat Pjevaljcic für das Fachblatt Oldtimer Markt mit zwei Journalisten eine Tour auf den Balkan unternommen – schon nach 190 Kilometern mit einer kaputten Handbremse und mit zahlreichen weiteren Pannen, die in dem Fachmagazin in einer amüsanten Road-Story zusammengefasst wurden.

Boris Pjevaljcic am Heck seines Yugo-Babrios. Auf dem Bild im Hintergrund ist der angestrebte Zustand nach dem Restaurieren zu sehen.

© Foto: Rainer Groh


Seinen ersten Yugo hat der 43-Jährige in der Rhön gekauft und überführt. Nach zehn Minuten Fahrt hat er stolz seinen Bruder angerufen, wie gut das Auto unterwegs sei. Ein paar Augenblicke später ging der Motor aus, lacht Pjevaljcic. Noch lauter habe er damals gelacht, als sein Bruder einen Fehler in der Elektronik vermutete. Welche Elektronik? "Das Auto hat eine Batterie, damit hat es sich".

Mit dieser Art von technischem Individualismus hat es der Underdog vom Balkan vor allem in den USA zum Kultauto geschafft. Der Yugo, gebaut von 1977, damals als "Zastava", bis 2008, ist das einzige Auto aus Jugoslawien und später Serbien, das jemals in die USA exportiert worden ist. Es spielt in vielen Hollywood-Filme eine Rolle, allerdings nicht gerade die des Siegers.

Beispiel: In dem Streifen "Der Fall Mona" aus dem Jahr 2000 stirbt gleich in der Anfangsszene Bette Midler in einem Yugo, dessen Bremsen versagten. Und der Billigwagen (US-Fixpreis 3990 Dollar) ist Antiheld in vielen schrägen Komödien, sogar bei den "Simpsons".

Auf so einen Wagen zu stehen, das will was heißen. Vom Vater hat Boris Pjevaljcic diese Vorliebe nicht. Dieser, erzählt der Sohn, kam mit drei Vorsätzen 1966 aus Bosnien nach Herzogenaurach: eine Familie mit drei Kindern zu haben, ein Haus zu bauen – und einen Mercedes neu zu kaufen. Alles hat er geschafft, sagt Pjevaljcic. Der W124 Diesel aus Stuttgart steht heute auch in der Garage in Steinbach, womit er sowohl das beste als auch das schlechteste Auto sein eigen nenne.

Fortgeschrittenes Stadium

Die Liebe zu Zastava-Erzeugnissen hat er vom Onkel. Dieser kam in einem nagelneuen Yugo aus Bosnien zu Besuch, als Boris Pjevaljcic elf Jahre alt war. Der Junge wusste natürlich nicht, dass dies die erste – und einzige – Eigenentwicklung von Zastava war. Der Konzern hatte seit den 50er Jahren ausschließlich Fiat-Modelle in Lizenz nachgebaut, und auch im Yugo steckte im wesentlichen Technik des Fiat 127 – von den Achsen bis zum 1,1 Liter-Motor mit 45 PS. Aber das blaue Auto des Onkels faszinierte den kleinen Boris als etwas ganz besonderes.

Heute ist die Faszination ins fortgeschrittene Stadium gewachsen. Pjevaljcic fährt einen knallroten Zastava (Fiat) 750 und sammelt alles, was er von Zastava und Yugo bekommen kann, von der Monteursjacke bis zum einzigen Originalplakat für das Yugo Cabrio, das es noch gibt. Es wurde für die IAA 1991 oder 1992 in Frankfurt gedruckt und liegt heute in Pjevaljcics Safe.

Er besitzt einen weiteren Schatz; das komplette Archiv einer der wenigen Zastava-Vertragshändler in Deutschland. 1999 machte der Balkankrieg Zastava fast den Garaus. Nato-Bomben fielen auf die Zentrale im serbischen Kragujevac, zerstörten Computerzentrum, Montagehalle und Lackiererei. Das war auch das Ende des Exports und der Vertragswerkstätten. So kam Pjevaljcic in den Besitz von Originalprospekten mit legendär selbstironischen Werbetexten, wie "Wahrscheinlich kennen Sie keinen einzigen Grund, sich für Yugo-Automobile zu interessieren. Hier sind gleich drei."

Einen Grund kennt auch Boris Pjevaljcic nicht wirklich. Aber er hat einen.

RAINER GROH

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