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Mangel an Grippe-Impfstoff zwingt Ärzte zur Zurückhaltung

Manche Ärzte impfen jetzt nur noch Patienten aus Risikogruppen - 25.11.2018 05:55 Uhr

Der Mangel an Grippe-Medikamenten zwingt Mediziner mittlerweile zur Zurückhaltung. Auch Kinder sind unter den Leidtragenden. © Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa


Der Apotheker aus dem Zentrum Nürnbergs, der namentlich nicht genannt werden will, ist aufgebracht. Bei ihm hat sich eine regelrechte Wut aufgestaut. Das merkt man. "Ein Theater" sei die aktuelle Lage, beklagt er. In seinem Geschäft habe er gar nichts mehr an Grippe-Impfstoffen vorrätig, und auch beim Großhandel sei nichts mehr zu bekommen. "Komplette Fehlanzeige".

Drei andere Apotheker im weiteren Umfeld berichten von einer ähnlichen Situation. Zwei haben zwar noch einen kleinen Vorrat an Impfdosen auf Lager, aber auch an ihnen geht der Engpass nicht spurlos vorbei.

Noch kommen sie über die Runden, weil sie in einem Verbund organisiert sind, dessen Mitglieder sich untereinander aushelfen. Komplikationen bei der Beschaffung habe es, so sagen sie übereinstimmend, schon immer gegeben. In diesem Jahr sei es aber besonders schlimm. Nur Einzelfälle? "Keineswegs", meint Thomas Metz vom Bayerischen Apothekerverband (BAV).

Laut einer repräsentativen BAV-Studie unter Apothekern reicht das aktuelle Problem "von Hof bis Lindau". Die Nachbestellung beim Großhandel sei inzwischen bayernweit nicht mehr möglich. Von Panikmache will Metz allerdings nichts wissen: "Jeder der will, kann auch geimpft werden". Sein Tipp: Wenn die Apotheke nichts mehr vorrätig hat, einfach beim Hausarzt nachfragen.

Vorrang für Ältere und Kranke

Die Hausärzte sind gegenwärtig tatsächlich erste Anlaufstelle, bestätigt Markus Beier aus Erlangen, Stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes (BHÄV). Allerdings herrscht auch hier Knappheit und die Vorräte neigen sich dem Ende zu. Beier berichtet, dass seine Heimatstadt von diesem Zustand besonders betroffen sei.

Er persönlich habe zu Beginn der Saison ausnahmslos alle Patienten geimpft, die dies wollten. Mittlerweile rate er aufgrund des Mangels aber all denjenigen davon ab, die nicht zu den vom Robert-Koch-Institut (RKI) definierten Risikogruppen gehören. Dazu zählen Schwangere, chronisch Kranke, Menschen über 60 Jahren und medizinisches Personal. Diese haben Vorrang. Seiner Einschätzung nach kann sich derzeit keineswegs jeder impfen lassen, der dies tun möchte. Er widerspricht damit der Aussage des Apothekerverbandes.

Der Engpass hat seine Gründe. Die Herstellung der sogenannten Influenza-Vakzine — so werden die Impfstoffe in der Fachsprache genannt — hat einen sehr langen Vorlauf. So fiel der Startschuss für die aktuelle Saison bereits im Mai vergangenen Jahres. Der Kern des Herstellungsprozesses dauert dann sechs Monate. Bei der Mengenkalkulation richten sich die Produzenten nach den Bestellungen, die sie von Apothekern und Ärzten erhalten. Da Produktion und Anfragen parallel laufen, gleicht dieser Prozess oft einem Glücksspiel. Bei höherem Bedarf fristgerecht nachzuproduzieren — nur schwer möglich.

15,7 Millionen Impfstoff-Dosen freigegeben

So waren im vergangenen Jahr bundesweit beispielsweise 17,9 Millionen Impfdosen in Umlauf. 2,6 Millionen dieser Dosen wurden schließlich vernichtet, weil sie nicht gebraucht wurden. Die Mittel sind aufgrund ihrer Haltbarkeit und der jährlich wechselnden Zusammensetzung nur für eine Saison zugelassen.

In diesem Jahr wiederum wurden 15,7 Millionen Impfstoff-Dosen freigegeben. Die sind nun wegen der hohen Nachfrage in vielen Regionen jedoch nur noch in geringen Mengen vorrätig. Besonders die letzte Grippesaison, die es in sich hatte, könnte, so Experten, mehr Bürger animiert haben, sich heuer frühzeitiger impfen zu lassen.

Auch die Tatsache, dass der vorherrschende Vierfach-Impfstoff seit diesem Jahr von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird, könnte den Run auf die Apotheken und Arztpraxen des Freistaats befeuert haben. Leidtragende des Mangels sind unter anderem auch Kinder, denen der gleiche Impfstoff verabreicht wird. Noch ist nicht ganz klar, ob es sich bei der aktuellen Ausnahmesituation in erster Linie um ein Verteilungs- oder ein Mengenproblem handelt. Apothekervertreter argumentieren, dass vor allem die Verteilung besser organisiert werden könnte. Der bayerische Verband BAV hat deshalb inzwischen eine Online-Austauschbörse für seine Mitglieder eingerichtet. 

Sebastian Böhm E-Mail

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