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Modelle gegen die Industrialisierung des Waldes

Bürgerinitiativen kritisieren Profitgier und Maschinen in Staatswäldern — Lübeck und München zeigen, dass es auch anders geht - 03.09.2017 17:59 Uhr

Bei den Bayerischen Staatsforsten, aber auch in den meisten großen Privatwäldern, wird Holz mittlerweile mit großen Maschinen, den Harvestern, geerntet © Foto: Horst Linke


Für Knut Sturm ist Waldbewirtschaftung Glaubenssache. "Ich passe meinen Waldbau doch nicht den Maschinen an", betont der Bereichsleiter des Lübecker Stadtwaldes. Das "Lübecker Modell" ist Vorbild für viele naturnahe Waldkonzepte weltweit.

Sturm passt seinen Wald nicht an die großen Harvester an, die fast überall sonst zur Holzernte eingesetzt werden. Um die riesigen Maschinen nutzen zu können, müssen alle 25 bis 30 Meter befahrbare Rückegassen in den Forst geschlagen werden. Von dort können die Harvester bis zu 15 Meter in den Wald reichen, die Stämme fällen und zum Transport bereitmachen.

Auch Knut Sturm muss natürlich Bäume fällen und aus dem Wald schaffen lassen. Doch dafür genügen ihm Rückegassen im Abstand von knapp 60 Metern. Die Stämme kappen nicht große Harvester, sondern Forstarbeiter mit Motorsägen. "Wir setzen nur eigene Leute ein, keine Fremdarbeiter, das ist wichtig", sagt Sturm. Deshalb sei die Unfallquote trotz der Handarbeit auch nicht höher als anderswo.

Große Stämme werden in Lübeck mit Hilfe eines Schleppers und einer Seilwinde zu den Rückegassen gezogen, die kleineren Stämme, die beim Durchforsten anfallen, werden von Pferden bewegt. "Dadurch vermeiden wir Verdichtung und dauerhafte Schädigung des Bodens", meint Sturm.

Während in Lübeck möglichst schonend und naturnah gewirtschaft wird, ist das bei den Bayerischen Staatsforsten anders — zumindest wenn man seinen schärfsten Kritikern glauben darf: "Seit der Forstreform werden die Bestände zu Holzäckern erklärt und mit breiten Rückegassen durch vorher völlig geschlossene Bestände zerschnitten, destabilisiert und geschädigt. Die dabei eingesetzten schweren Harvester verdichten ziemlich schonungslos die empfindlichen Waldböden und zerstören nachhaltig den gesamten Naturhaushalt", empört sich etwa Gotthard Eitler.

Der 80-Jährige war von 1967 bis zum Jahr 2002 Stadtförster von Bayreuth. Er warnte in den 1970ern früh vor dem von Giftschwaden aus Osteuropa verursachten Waldsterben in Oberfranken. Anfangs wurde er dafür heftig beschimpft, auch vom damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, später erntete er große Anerkennung für sein Engagement.

Durch Harvester wird der Waldboden nachhaltig zerstört

Heute sieht Eitler den Wald aufs Neue bedroht. "Staatswald ist in erster Linie für die Bürger da, für die Erholung und zu Schutzzwecken. Er ist ein wertvolles Gut und sollte schonend bewirtschaft werden. Stattdessen wird er von den Bayerischen Staatsforsten als reines Ausbeutungsobjekt gesehen", meint er. Durch die vielen Rückegassen sei der Wald außerdem anfälliger für Sturm und Trockenheit und werde stark geschädigt.

Eitler ist nicht allein mit seiner Ansicht. Erst im März hat sich im Nürnberger Land eine "Bürgerinitiative gegen die Waldzerstörung" gegründet, die die Staatsforsten heftig kritisiert. Im ganzen Bundesgebiet gibt es mittlerweile ähnliche Gruppen, die sich an der Bewirtschaftung der Staatswälder stören.

Erst vor wenigen Wochen haben sie sich zu einem Dachverband zusammengeschlossen, der "Bundesinitiative Waldschutz". Mitglied ist neben Gotthard Eitler etwa auch Lutz Fähser, Vorgänger von Knut Sturm im Lübecker Stadtwald.

"Unsere Wälder sind schutzlos einer industriemäßigen Forst- und Holzwirtschaft ausgeliefert, für die allein der Preis von Wäldern zählt, nicht aber deren Wert. Wir brauchen dringend einen grundlegenden Politikwechsel im deutschen Wald", meint ein Sprecher der "Bundesinitiative Waldschutz" und plädiert für das "Lübecker Modell".

Der Lübecker Stadtwald wird naturnah bewirtschaftet und ist von Eichen und Buchen geprägt. Man achtet darauf, dass viel Totholz liegen bleibt. © Foto: Knut Sturm/Stadtwald Lübeck


"Was ökologisch vernünftig ist, ist langfristig auch ökonomisch sinnvoll", ist Knut Sturm vom Lübecker Stadtwald überzeugt. Und die Zahlen geben ihm recht: Im Schnitt erzielt er einen Erlös von 108 Euro pro verkauftem Festmeter Holz. Bei den Bayerischen Staatsforsten waren es im vergangenen Jahr im Schnitt nur 46 Euro. "Durch die höheren Erlöse ist auch der höhere finanzielle Aufwand, den wir betreiben, gedeckt", erklärt Sturm. "Bei einer naturferneren Bewirtschaftung werden auch irgendwann die Katastrophenkosten zu groß", ist Sturm überzeugt.

Natürlich profitiert der Bereichsleiter davon, dass man in Lübeck schon seit 1994 naturnah wirtschaftet, und auch davon, dass er für seine wertvollen Eichen schon mal 430 Euro pro Festmeter bekommt. Trotzdem ist Sturm überzeugt: "Unsere Grundprinzipien lassen sich überall auf der Welt anwenden."

Eines dieser Prinzipien ist etwa, dass man mindestens zehn Prozent des Waldes als Referenzflächen der Natur überlässt. "Diese Gebiete beobachten wir genau und lernen davon, was dort passiert", sagt Sturm.

Seither ist man etwa beim Durchforsten, also dem Entfernen meist kleinerer Bäume, um wertvolleren Exemplaren zu ungestörtem Wachstum zu verhelfen, zurückhaltender geworden. "Wir haben gemerkt, dass es der Buche ab einem Durchmesser von 40 Zentimetern relativ egal ist, ob sie freigestellt ist oder nicht", sagt Sturm. Deshalb werden ab diesem Zeitpunkt bis zur Ernte seither keine Durchforstungen mehr durchgeführt.

Dem Wald geschadet hat dies bisher nicht. In den vergangenen Jahren gab es nur zwei nennenswerte Sturmschäden, der größte betraf nicht einmal zwei Hektar der 4600 Hektar Stadtwaldfläche. Der größte Borkenkäferbefall erstreckte sich auf lediglich 0,3 Hektar.

Im Lübecker Stadtwald fällen Forstarbeiter die Bäume mit der Motorsäge. Große Stämme werden mit Schlepper und Seilwinde herausgezogen, kleinere von Pferden. © Foto: Knut Sturm/Stadtwald Lübeck


"Langfristig haben wir durch unsere Wirtschaftsweise mit seltenerem Durchforsten mehr Zuwachs und eine permanente Steigerung des Holzvorrats", erläutert Sturm. Anderswo werden viele junge Bäume entnommen, in Lübeck dagegen ist die Stückmasse, das Gewicht eines geernteten Baumes mindestens doppelt so hoch. Buchen dürfen 75 Zentimeter dick werden, Eichen sogar 80 Zentimeter.

"Die Lübecker Bürger wollen, dass wir so wenig wie möglich eingreifen und mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel erreichen", erklärt der Bereichsleiter. In einigen Privat- und Stadtwäldern in Deutschland orientiert man sich mittlerweile schon an Lübeck. "In den Staatswäldern widerstrebt das Konzept, sich an der Natur zu orientieren, wohl den meisten Förstern", glaubt Sturm.

Im Münchner Stadtwald geht man einen ähnlichen Weg wie in Lübeck. Jan Linder ist hier Leiter eines von nur drei Betrieben in Bayern, die mit einem Naturland-Zertifikat nachweisen können, dass bei ihnen besonders großer Wert auf ökologischen Waldbau gelegt wird. "Wir verzichten zum Beispiel komplett auf Insektizide. Im Staatswald darf man diese bei Borkenkäferholz einsetzen", sagt Linder. Wie in Lübeck wurden auch hier zehn Prozent der Fläche der Natur überlassen.

Die Rückegassen sind im rund 5000 Hektar großen Münchner Stadtwald 40 Meter auseinander, also deutlich weiter als im Staatsforst. Damit man die Abstände so groß halten kann, wird ein kombiniertes Verfahren angewendet. Forstarbeiter fällen die Bäume mit Motorsägen und achten darauf, dass die Stämme so fallen, dass sie von den Harvestern auf den Rückegassen noch erreicht werden können.

Zwar werden so immer noch große Maschinen eingesetzt, aber es gibt weniger Rückegassen und somit weniger Fläche mit verdichtetem Boden. "Letztlich habe ich durch viele Rückegassen ja auch einen hohen Verlust von Produktionsflächen", meint der Lübecker Knut Sturm.

Fränkische Baumarten als Alternative für den Münchner Stadtwald

Im Münchner Stadtwald legt man Wert darauf, dass man für das Holzrücken, also den Abtransport der Stämme, eigene Mitarbeiter einsetzt. Denn die dafür eingesetzten Fahrzeuge, die Forwarder, sind noch schwerer als die Harvester und hinterlassen deshalb größere Schäden am Boden. "Dadurch, dass wir hier keine Lohnunternehmer einsetzen, können wir selbst bestimmen, wann gerückt wird, und so die günstigste Witterung dafür abwarten", betont Linder.

Das Naturland-Siegel birgt allerdings auch einige Probleme für die Münchner. So dürfen sie keinerlei fremdländische Baumarten einsetzen, auch nicht die Douglasie, die in Zeiten des Klimawandel vielerorts als widerstandsfähige Alternative zum Zuge kommt.

"In der Münchner Schotterebene haben wir Böden, die kaum Wasser halten. Das sind besondere Bedingungen. Da gehen uns in Zeiten des Klimawandels die Baumarten aus. Eigentlich müssten wir mit verschiedenen Bäumen experimentieren — aber einheimische stehen da kaum zur Verfügung" klagt Linder.

Deshalb kommen rund um München nun neben Buche und Eiche vor allem Baumarten zum Einsatz, die sonst eher in Franken zu Hause sind, Elsbeere, Nuss, Kirsche und Speierling zum Beispiel.

Ein weiteres Problem ist für den Stadtwald, dass zu wenige Menschen wissen, was sich hinter dem Naturland-Siegel verbirgt. "Wir haben schon Glück, wenn wir mal einen oder zwei Euro mehr bekommen für den Festmeter", sagt Linder. Das wiege die erhöhten Kosten für seinen Betrieb nicht auf.

"Wenn wir konventionell wirtschaften würden, könnten wir mehr einschlagen und hätten niedrigere Erntekosten. Aber der Stadt München ist es das wert. Sie will eine naturnahe Bewirtschaftung. Außerdem erwirtschaften wir ja immer noch ein gutes Plus", meint Linder.

Auch die Bayerischen Staatsforsten sehen sich trotz aller Kritik als ein Unternehmen, das naturnah wirtschaftet. Sie betonen, dass im Staatswald mehr Holz nachwächst als geschlagen wird, und dass der Wald, gerade in Franken, umgewandelt wird von Kiefern- und Fichtenmonokulturen hin zu einem gesunden Laubmischwald — mit tatkräftiger Unterstützung der Staatsforsten.

Falsch sind diese Aussagen natürlich nicht. Und doch kann es sich lohnen, über Korrekturen nachzudenken. Denn auch mit anderen Konzepten lässt sich gutes Geld verdienen. "Eine Zeit lang wird bei einer Umstellung der Wirtschaftsweise natürlich etwas weniger Geld hereinkommen. Aber langfristig lohnt es sich", ist Knut Sturm überzeugt. 

MARTIN MÜLLER

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