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Nationalpark: "Nördlicher Steigerwald hat größtes Potenzial"

Professor Job untersucht verstärkt Nationalparks in Deutschland - 23.10.2018 05:53 Uhr

Naturparadies Steigerwald: Eine Kröte neben einer umgestürzten und mit Moos bewachsenen Buche. Das Gebiet gilt als sehr geeignet für einen dritten Nationalpark im Freistaat. © Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa


NN: Herr Job, für den Freistaat haben Sie untersucht, welche sozioökonomischen Auswirkungen ein Nationalpark auf vier bayerische Regionen, den Spessart, die Rhön, die Donau-Auen und den Frankenwald hätte. Als Markus Söder Ministerpräsident wurde, wurden die Pläne komplett eingestampft. Wie fühlt es sich an, für die Tonne gearbeitet zu haben?

Hubert Job: Wenn wir normalerweise Nationalparks mit der etablierten Standardmethodik untersuchen, sind wir 20-mal pro Jahr vor Ort. In Bayern mussten wir alles quick and dirty machen, also ganz schnell und oberflächlich. Wir haben überhaupt keine Erhebungen im Gelände durchgeführt, hatten nur ein Vierteljahr Zeit. Wissenschaftlich muss man das kein bisschen ernst nehmen. Wir haben sehr schlechte, kaum belastbare Zahlen bekommen, auch weil die Landesforsten keine regionalisierten Daten geliefert haben, und mussten damit eine Milchmädchenrechnung machen. Letztlich habe ich dem Umweltministerium einfach einen Gefallen getan. Ich dachte mir schon, dass daraus nichts wird.

NN: Warum das denn?

Job: In so kurzer Zeit hätte es nie und nimmer funktioniert, einen Nationalpark auszuweisen. Wenn man in dieser Legislaturperiode ein solches Schutzgebiet fachrechtlich gesichert umsetzen wollte, müsste man jetzt sofort damit anfangen. Trotz allem bin ich aber fest davon überzeugt, dass es perspektivisch einen dritten bayerischen Nationalpark geben wird.

NN: Was macht Sie da so sicher?

Job: Die Akzeptanz der Nationalparks in der Bevölkerung vor Ort steigt immer mehr, je länger es diese Schutzgebiete gibt. Außerdem hat Bayern den Vorteil, dass es sich so ein Schutzgebiet auch leisten kann; sowohl was die entgangenen Einnahmen der Forst- und Holzwirtschaft, als auch die anständige Budgetierung der Verwaltung für ihre Aufgaben anbelangt. Zum Beispiel investiert der Alpenpark Berchtesgaden jedes Jahr etwa 600.000 Euro in die Unterhaltung des Wegenetzes. Das arme Saarland und Rheinland-Pfalz, die mit dem Nationalpark Hunsrück-Hochwald das letzte solche Gebiet in Deutschland ausgewiesen haben, haben da schon sehr viel mehr Schwierigkeiten.

NN: Welche Region in Bayern wäre denn am besten für einen dritten Nationalpark geeignet?

Job: Naturschutzfachlich hätte sicher der nördliche Steigerwald das größte Potenzial. Dort gibt es sehr reichhaltige Laubmischwälder und räumlich weitgehend geschlossene Areale, mit denen man schnell die erforderlichen Kernzonenbereiche beisammen hätte. Trotz aller Proteste hätte man dort sicher nicht die extremen Emotionen wie im Spessart, wo das erste bayerische Forstamt gegründet wurde und wo die schwierige Holzrechtler-Problematik im Raum steht. Außerdem wird der Spessart von einer Autobahn zerschnitten, den Lärm hört man sehr weit. Wer sensibel dafür ist, hört auch die Flugzeuge, die sich dem Frankfurter Flughafen im Landeanflug nähern.

NN: Warum braucht Bayern überhaupt einen dritten Nationalpark?

Job: Zunächst freilich aus Naturschutzsicht, etwa um bestimmte Arten zu fördern, die nur in starken Althölzern und bei hohen Totholzanteilen im Wald vorkommen. Darüber hinaus gibt es seit etwa zehn Jahren einen totalen Naturtourismusboom, Berchtesgaden, Harz oder die Wattenmeer-Nationalparks sind schon absolut überlaufen. Ich kenne keinen Nationalpark in Deutschland, der momentan keine schwarzen Zahlen schreibt. Die ganze Region um diese Schutzgebiete herum profitiert davon. Der dritte Nationalpark müsste aber auf jeden Fall in Nordbayern liegen, alles andere wäre nicht nur strukturpolitisch kaum nachvollziehbar. Bayern muss in seiner ganzen naturräumlichen Vielfalt repräsentiert werden.

NN: Wenn der Steigerwald weiterhin kategorisch ausgeschlossen wird: Wer ist der Favorit unter den von Ihnen untersuchten Gebieten?

Hubert Job ist Professor für Geographie und Regionalforschung an der Universität Würzburg. Seit dem Jahr 2000 untersucht er verstärkt Nationalparks in Deutschland nach einer standardisierten Methode. Seit dem Jahr 2012 ist er Mitglied des Unesco MAB (Man and the Biosphere) Nationalkomitees in Deutschland. © Foto: privat


Job: Eindeutig die Rhön. Aber das Biosphärenreservat dort ist klasse, einen Nationalpark braucht’s da eigentlich nicht, höchstens, um mehr ausländische Touristen anzulocken. Ein Nationalpark in den Donau-Auen wäre total absurd, das Gebiet dort hat nicht die notwendige Größe und Ursprünglichkeit. Wenn man objektiv und neutral urteilt, ist eindeutig der Steigerwald der geeignetste Kandidat. Jetzt läuft ja eine Machbarkeitsstudie, ob dort ein Biosphärenreservat möglich wäre. Das wird schwierig, denn von der UNESCO, die international für Biosphärenreservate verantwortlich ist, wird sehr auf die deutschlandweite Repräsentativität geachtet. Gleichartige Schutzgebiete soll es nicht zweimal geben.

NN: Die Staatsregierung argumentiert auch, dass der Baumwipfelpfad im Steigerwald schon hunderttausende Besucher angezogen hat und ein Nationalpark deshalb gar nicht mehr nötig wäre zur Förderung der Region.

Job: Der Baumwipfelpfad ist ein touristischer Magnet - er hat aber bei Weitem nicht dieselben Effekte. 76 Prozent der Besucher sind Naherholer, im Schnitt lassen sie gerade einmal etwas über 13 Euro am Tag dort. Das trägt die Einrichtung, bringt der Region aber überhaupt nichts an langfristigen Struktureffekten.

NN: Erwarten Sie, dass eine mögliche Koalition aus Freien Wählern und CSU den dritten Nationalpark wieder anpackt?

Job: Von den Freien Wählern wird da sicher keine Initiative ausgehen. Aber wenn die CSU nicht bald erkennt, dass sie mehr zu ihren Wurzeln zurückkehren und die Heimat schützen muss, wird sie zukünftig noch weniger Wähler finden.

NN: Sie untersuchen nicht nur Nationalparks in Deutschland, sondern auch in Afrika. Da ist man weit weg von der bayerischen Nationalpark-Diskussion.

Job: Sie ist dort näher, als man denkt. Man tut sich schwer, die Menschen in Mosambik davon zu überzeugen, wertvolle Flächen im Norden ihres Landes unter Schutz zu stellen, wenn man das selbst nur mit 0,6 Prozent der Landesfläche wie in Deutschland tut. Ein neuer Nationalpark wäre da eine wichtige Argumentationshilfe. Man muss schon seine eigenen Hausaufgaben machen, bevor man anderswo große Reden schwingt. Ohnehin stehen die Anwohner der Nationalparks in Afrika vor ganz anderen Herausforderungen als hierzulande. Wenn eine Kaffernbüffelherde die Maisfelder von Kleinbauern plattmacht, ist das eine viel existenziellere Bedrohung für die Menschen als ein Nationalpark im Spessart.


Hubert Job hält am Mittwoch, 24. Oktober, einen Vortrag über einen dritten Nationalpark in Bayern. Los geht es um 19.30 Uhr im Katharinensaal in Nürnberg, Am Katharinenkloster 6. 

Interview: Martin Müller

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