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Erzieherinnen machen ihrem Ärger Luft

43 Kitas aus dem Landkreis Neumarkt schreiben am Ministerin Müller, woran es im Alltag hapert - 31.01.2018 11:59 Uhr

Monika Böhm, Birgit Gärtner und Beate Reisinger sind seit über 20 Jahren im Job. „Wir haben einen tollen Beruf, aber die Arbeitsbedingungen sind in den letzten Jahren immer schlechter geworden“, sagen sie. Pfrogner © Foto: Edgar


Die Initiative ging aus von drei Erzieherinnen mit über 20-jähriger Berufserfahrung: Birgit Gärtner, die Leiterin des Rot-Kreuz-Kindergartens, Monika Böhm, Leiterin des Kindergartens Heilig Kreuz, und Beate Reisinger, Leiterin des Kindergartens St. Josef in Velburg.

"Wir haben einen tollen Beruf, aber die Arbeitsbedingungen sind in den letzten Jahren immer schlechter geworden", sagt Gärtner. Die Anforderungen steigen immer weiter, es kommen ständig zusätzliche Aufgaben hinzu. "Bei vielen eigentlich guten Ideen hat die Politik nicht bedacht, dass dafür mehr Personal notwendig ist", sagt Reisinger. Die Folge: "Es wird das Letzte aus den Kolleginnen rausgesaugt, was auf Kosten der Gesundheit geht", sagt Böhm.

Das Herz ausgeschüttet

So ergriffen die drei Erzieherinnen die Gelegenheit beim Schopf, als sie Ministerin Emilia Müller – zuständig für Arbeit und Soziales, Familie und Integration – bei der 60-Jahr-Feier der CSA trafen und schütteten ihr Herz aus. "Schreiben Sie mir einen Brief", sagte die Ministerin, vielleicht in der Hoffnung, nichts mehr von der Sache zu hören. Doch im Gegenteil: Das Ergebnis sind viereinhalb eng bedruckte Seiten, auf denen die Praktikerinnen haarklein schildern, woran es im Kindergarten-Alltag hapert.

Das beginnt bei scheinbaren Kleinigkeiten, etwa dass eine Erzieherin "nebenbei" das Mittagessen zubereiten und den Abwasch erledigen soll, oder Leiterinnen, die während ihrer Büroarbeit "rechnerisch", also nach dem Stellenschlüssel, erzieherisch arbeiten, bis hin zu immer mehr Kindern mit Entwicklungsverzögerungen und Verhaltensauffälligkeiten.

Der Hintergrund ist klar: Immer mehr Kinder besuchen immer früher eine Betreuungseinrichtung. Doch nicht nur die zeitliche Nutzung ist länger, sondern die Kitas haben eine Reihe weiterer Aufgaben bekommen. So sollen sie als Reparaturbetrieb für Kinder mit verkorkstem Sozialverhalten dienen, den Grundgedanken der Inklusion umsetzen und Kindern mit Migrationshintergrund eine besondere Förderung, speziell bei der deutschen Sprache, angedeihen lassen. Auch Kitas sollen mit frühkindlicher Förderung das Interesse an Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik wecken und so die Weichen für ein erfolgreiches Schul- und Berufsleben stellen. Die steigenden Anforderungen spiegeln sich aber nicht unbedingt in mehr Personal wieder.

Im Gegenteil: Die Rahmenbedingungen führen zu immer mehr Überlastungen – was zunehmend mehr Ausfälle zur Folge hat. Neue Fachkräfte findet man kaum. "Der Markt ist wie leer gefegt", sagt Reisinger. "Die Politik hat lange geschlafen und muss nun schnell reagieren." Doch bisher sehe es nur danach aus, dass die Qualität der Ausbildung heruntergeschraubt werde, etwa durch eine Verkürzung von fünf auf drei Jahre für Erzieher.

Wie kann das sein? Schließlich gibt der Freistaat und die Kommunen jedes Jahr mehr Geld für die Kinderbetreuung aus. Die reine Summe sage nichts aus, meinen die Drei, schließlich seien darin auch die Kosten für die Gebäude enthalten. "Das sagt aber nichts über die pädagogische Qualität aus", sagt Reisinger.

Am 17 Januar ging der Brief an die Ministerin raus. Dem designierten Ministerpräsidenten Markus Söder haben die Drei den Brief am Sonntag zugespielt beim Neujahrsempfang der CSU. Auch Finanzstaatssekretär Albert Füracker und Landrat Willibald Gailler haben das Schreiben. OB Thomas Thumann bekommt es am Donnerstag vor der Stadtratssitzung.

Wie geht es weiter? "Wir warten erst einmal die Antwort von Ministerin Müller ab", sagt Gärtner. Dann sehe man weiter – indem man vielleicht den Schritt aus dem Landkreis gehe und Unterstützer aus dem ganzen Freistaat suche. 

HAUKE HÖPCKE

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