Dienstag, 22.10.2019

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Velburg: Ein Fenster wird zum Zankapfel

Stadträte wundern sich, dass beim Wieserhaus ihr ausdrückliches Gestaltungsvotum ignoriert wird - 05.09.2019 14:55 Uhr

Das hat der Stadtrat anders beschlossen: Das große Fenster im Wieserhaus könnte der Velburger Gestaltungsfibel widersprechen. Bei einem Stadtvorhaben pikant. © Foto: Wolf-Dietrich Nahr


Selten hat ein öffentliches Projekt in Velburg so stark für Diskussionsstoff gesorgt wie die Sanierung des maroden Wieserstadels aus dem 18. Jahrhundert und der Neubau des benachbarten Wieserhauses. Das städtische Objekt soll zu einem Kulturzentrum werden. Im Juni und Juli 2018 gab es im Stadtrat stundenlange Diskussionen, bis in kleinste Details der Bauausführung. Und so hat das Stadtparlament am 10. Juli 2018 ausdrücklich votiert, dass in die Südfassade des Wieserhauses "zwei oder drei Schlitzfenster" eingebaut werden sollen.

Nun waren Stadträte bei halboffiziellen Baustellenbegehungen ziemlich erstaunt, dass ihr Beschluss nicht umgesetzt worden ist. Anstelle der drei kleinen Fenster lässt die Rohbau-Fassade ein zwei mal 2,3 Meter großes Fenster — obwohl die vom Landratsamt erteilte Baugenehmigung die beschlossene Version ausweist.

"Nicht nachzuvollziehen"

Die Freie-Wähler-Stadträtin Beate Höß sieht hier vor allem das Stadtoberhaupt Bernhard Kraus in der Verantwortung: "Es geht nicht, dass der Bürgermeister macht, was er will." Auch Dr. Roland Schlusche (Bündnis 90/Die Grüne) findet es nicht in Ordnung, dass die Entscheidung des Stadtrates, getroffen nach langer Diskussion, "ignoriert" werde. Dass nun der Bau entgegen dem Eingabeplan ausgeführt werde, sei nicht nachzuvollziehen. Schlusche im NN-Interview: "Da soll der Herr Bürgermeister Stellung nehmen."

Und Bernhard Kraus räumte gestern im NN-Gespräch ein, dass es der Architekt Michael Kühnlein sen. "versäumt" habe, das Thema im Stadtrat noch einmal diskutieren zu lassen. Das Ergebnis eines Ortstermins von Vertretern von Fachstellen mit dem Planer sei gewesen, dass das große Fenster "gestalterisch wohltuend" sei. Es sei "architektonisch durchaus vertretbar", bei einem solchen Vorhaben nicht den alten Bestand (Wieserstadel) nachzubauen, sondern beim benachbarten Neubau (Wieserhaus) durchaus auch "moderne Akzente" zu setzen. "Oh je, Wahlkampf", lautete die erste spontane Reaktion von Architekt Kühnlein, der sich im NN-Gespräch ironisch als "Übeltäter" bezeichnete. "Einer muss ja schuld sein." Als Planer habe er sich gegen die Position des Velburger Stadtrates gestellt. "Als Architekt habe ich das Recht und die gefühlte Pflicht, einen Bau zu verbessern", sagte Michael Kühnlein sen. Die drei vom Stadtrat beschlossenen "Schlitze" von jeweils einem Meter Breite hätten zu "keiner guten Fassade" geführt. An der Nordseite des Gebäudes sei ja auch ein großes Fenster geplant und gebaut worden – ohne dass dies kritisiert worden sei. Er habe sich zu der Änderung der Fassade an der Südseite des Gebäudes auch entschlossen, um so einen ungehinderten Blick auf die Altstadt zu ermöglichen.

Nach Angaben von Architekt Kühnlein soll beim Landratsamt nun ein Tekturplan eingereicht werden, mit dem die Änderung im Zuge der Bauausführung genehmigt werden soll. Zuvor wird der neue Plan auch dem Stadtrat vorgelegt werden. Stimme dieser nicht zu, dann müsse halt das Wieserhaus rückgebaut werden, zeigte Bürgermeister Kraus die Konsequenzen auf.

Bürger zu Recht empört?

Nach Ansicht von Stadträtin Beate Höß ist der Fall ein Problem, weil sich ihrer Meinung nach die Stadt damit selbst nicht an die eigene Gestaltungsfibel halte, während den Bürgern für Baumaßnahmen strenge Auflagen gemacht würden. Man dürfe sich nicht wundern, wenn sich Bürger deshalb empören würden.

Architekt Kühnlein hält dem entgegen, dass das große Fenster des Wieserhauses gerade der Gestaltungssatzung entspreche. In der Fibel seien auf Seite 15 Beispielsfotos abgebildet – die allerdings für Schaufenster und Werbeanlagen gelten. Auch Bürgermeister Kraus sieht hier keinen Verstoß gegen die Gestaltungsfibel, die ja "in erster Linie für die Sanierung" von Gebäuden gelte. Trotz des Ensembleschutzes dürfe sich ein Neubau durchaus abheben, so der Rathauschef.

In der Fibel heißt es wörtlich: "Wurden große Teile der Substanz bereits erneuert oder ist das Haus ein Neubau, kann es sein, dass einige Materialien, Bauteile oder Details sich nicht harmonisch in das historische Stadtbild einfügen. Diese Problempunkte müssen bei künftigen Maßnahmen besondere Beachtung finden und sorgfältig neu geplant werden."

Und weiter: "Die optimalen Fenstergrößen und die Proportionen müssen bei Austausch oder Neugestaltung erhalten bleiben bzw. wieder aufgenommen werden, damit das Haus seinen ursprünglichen Ausdruck bewahrt oder ihn wieder zurückgewinnt."

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