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10. April 1971: Stundenlanges Warten auf den Doktor

Die Patienten und die Ärzteschaft leiden unter dem unnötigen Zeitaufwand - 10.04.2021 08:41 Uhr

Zwei Stunden und länger müssen Nürnbergs Patienten oft in den Wartezimmern der Ärzte verbringen. Bessere Organisation könnte dies vermeiden helfen.

06.04.2021 © Jules Stauber


Nur Phlegmatiker läßt gleichgültig, daß sie so lange auf eine kurze Visite beim Arzt warten müssen. Weniger Geduldige machen im nächsten Quartal von ihrem Wahlrecht Gebrauch und gehen zu einem anderen Doktor, lassen sich, weil es hier offenbar fortschrittlicher zugeht, einen Termin geben – und warten trotzdem wieder zwei Stunden.

Oder sie versuchen es in einer anderen Praxis schon ganz früh und sitzen ab 7.30 Uhr im Wartezimmer. Doch zehn andere waren noch schlauer und sind vor ihnen dran. Drei Stunden lang muß sich der Elfte in Geduld üben.

Weitere Beispiele aus Nürnberger Praxen: eine Frauenärztin bestellt zu Terminen. Die Patientin soll um 16.30 Uhr kommen, doch es sind dann elf andere Frauen vor ihr noch zu untersuchen. Um 18.30 Uhr schließlich kann sie endlich in das Behandlungszimmer. – Ein Arzt hat sich auf Nieren und auf Nachtarbeit spezialisiert: seine Sprechstunde beginnt um 18 Uhr, eine halbe Stunde vor Mitternacht erst ist der Patientenstrom „aufgearbeitet“.

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Die Ausnahmen wie die eines Arztes in der Breiten Gasse – er hält die Termine, die er seinen Patienten gibt, fast bis auf die Minute ein – sind rar. Warten, warten und noch einmal warten ist die Regel. Doch muß das sein? Gibt es wirklich keine Möglichkeit. den Patientenstrom zu regeln, den Praxisbetrieb zu rationalisieren?

Viele Ärzte winken ab: da könne man eben nichts machen. Wie zu Stoßzeiten im Straßenverkehr seien auch in den Praxen Wartezeiten unvermeidlich. Andere wollen genauer wissen, woran das liegt: sie analysieren ihren Patientenkreis und versuchen dem Übel durch straffe Organisation beizukommen.

Die Zeit einteilen

Doch das sind Einzelinitiativen. So wartet auch der Ärztliche Kreisverband Nürnberg auf die Empfehlungen der Bundesärztekammer, die im Oktober 1969 einen Ausschuß gebildet hat, der sich ausschließlich mit der Rationalisierung im Wartezimmer befaßt. Auf dem im Mai bevorstehenden Ärztetag in Mainz soll das Problem erneut diskutiert werden. Veröffentlichungen in Fachorganen beweisen: es geht auch ohne große Wartezeiten. Es muß also nicht nur etwas geschehen, es kann dabei auch einiges erreicht werden.

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Und Nürnbergs Ärzte hätten gegen die Rationalisierung im Wartezimmer nichts einzuwenden: „Verbesserungen werden wir sehr begrüßen. Allerdings wird es nicht möglich sein, für alle Praxen eine zufriedenstellende Lösung zu finden“, sagt Dr. Bauer, Vorsitzender des Nürnberger Ärzte-Verbandes.

Als Organisationsmittel gibt Bauer zunächst dem Nummernsystem den Vorzug: jeder Patient erhält in der Reihenfolge seiner Anmeldung eine Nummer. Er weiß dann, wieviele Patienten vor ihm warten und kann sich die Zeit entsprechend einteilen. Der Vorteil: er braucht nicht mehr stundenlang im Wartezimmer zu sitzen, sondern er kann zu Hause oder am Arbeitsplatz bleiben.

H. D.

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