10. Februar 1971: Herr über 40 eiskalte Burggemächer

10.2.2021, 07:00 Uhr

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Passionierte Wanderer jedoch kennen den jüngsten Nachfahren des Geschlechtes, Wolfgang Freiherr Stromer von Reichenbach zumindest dem Namen nach. Denn sein Besitz, die uralte Burg Grünsberg mit der malerischen Sophienquelle bei Altdorf gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen der Umgebung.

Erst im 18. Jahrhundert bauten die Stromer die ehemalige stauffische Wehranlage zu einem feudalen Herrensitz um. Doch was damals komfortabel und repräsentativ erschien, ist einem modernen Menschen als Heim kaum noch zuzumuten. Im Winter herrscht in den weiten Gemächern der Burg Grabeskälte.

Nur im Sommer, so räumt der Baron ein, läßt es sich auf Grünsberg noch ganz gut leben. In der kalten Zeit jedoch zieht sich die hochherrschaftliche Familie mit den vier Kindern – zwei Töchter, zwei Buben – weitgehend nach Nürnberg zurück.

Was Ausflügler bewundern, scheint dem Baron eher Kopfzerbrechen zu bereiten. „Die Burg stellt natürlich einen ganz hübschen Wert dar“, meint Freiherr von Stromer. „Aber man sollte auch an die Summen denken, die das alte Gemäuer verschlingt. Wälder und Wiesen, zusammen mit der Burg letzter Besitz der Familie, decken gerade die notwendigsten Unterhaltskosten“.

Die Freizeit ist denn auch meist mit Arbeiten an der Burg ausgefüllt. Das Aufgabengebiet des Barons, der Physik, Jura und Geschichte studiert hat, reicht dabei vom Forstgehilfen bis zum Restaurator der alten Möbel und Hausgeräte. Auch Frau und Kinder müssen immer wieder zu Schaufel und Besen greifen. Denn Dienstboten sind auf Grünsberg längst „ausgestorben“.

Nur ein paarmal im Jahr geht es auf der Burg wie in längst vergangenen Tagen zu. Dann nämlich, wenn der Baron vor der malerischen Kulisse Kunstausstellungen und Konzerte veranstaltet, die überall regen Anklang finden. Beruflich hat der Patrizier – wie könnte es anders sein – mit der Vergangenheit zu tun. An der Nürnberger Uni lehrt er als Dozent für Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Und oft taucht in den Vorlesungen ein bekannter Vorfahre des Geschlechts auf, das zu den ältesten überhaupt zählt.

Heute reist Baron von Stromer den Spuren seiner Vorfahren nach. In Rußland, Polen und der Tschechoslowakei forscht er in verstaubten Archiven. Seine Besuche im Ostblock nutzt er zu historischen Vorträgen. Stationen: Nowgorod, Kiew und Moskau.

Immer wieder stößt der Uni-Dozent auch auf skurille Ahnen, die wahrlich Außergewöhnliches leisteten (so der „Urviecher“ Ernst von Stromer, der als Archäologe von Rang und Namen das größte Landtier ausgrub, das man je in Bayern gefunden hat: das „Dinotherium Giganticum Bavaricum“, einen Vorfahren unseres Elefanten.

Gern erwähnt wird auch jenes Finanzgenie Christoph Friedrich Stromer, der im mittelalterlichen Nürnberg zu aller Entrüstung eine Steuer für käufliche Mädchen einführte, um den arg strapazierten Stadtsäckel wieder aufzufrischen. Ein Genius, der angesichts der Kassenlage des modernen Nürnbergs sich auch heute Verdienste erwerben könnte.

Noch bis 1969 bestimmte die Familie die Geschicke Nürnbergs an führender Stelle mit. Emil Freiherr von Stromer war von 1952 an bis zu seinem Tode Landrat von Nürnberg. Otto von Stromer, Oberbürgermeister der Stadt in den Gründerjahren um 1860 und als „Liberaler“ im Königreich Bayern nicht gerade beliebt, war der letzte Patrizier auf dem Sessel des Stadtoberhauptes. Der letzte einer langen Reihe des Standes, der Jahrhunderte hindurch dieser Stadt seinen Stempel aufgedrückt hat.

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