11. April 1965: Großputz mit Schmutz

11.4.2015, 08:00 Uhr
In Tausenden Nürnberger Haushaltungen ist jetzt der (Putz-)Teufel los: Das große „Stöbern“, noch kurz vor Ostern hat begonnen, und die fleißigen Hausfrauen machen sich daran auch noch den letzten Winkel des Haustands zu lüften.

In Tausenden Nürnberger Haushaltungen ist jetzt der (Putz-)Teufel los: Das große „Stöbern“, noch kurz vor Ostern hat begonnen, und die fleißigen Hausfrauen machen sich daran auch noch den letzten Winkel des Haustands zu lüften. © dpa

Wie eh und je stehen die zwar „gleichberechtigten“, dafür oft doppelt belasteten Ehefrauen alleine da, um einen Berg von Arbeit zu bewältigen. Ganz und gar im „Drillich“, Hosenanzug plus Kopftuch, machen sie aus der alten eine neue Wohnung, denn alles, was den Winter über Patina angesetzt hat, wird wieder auf Hochglanz poliert. Dabei soll das Stöhnen, besonders in frischer Frühlingsluft, gesundheitsfördernd sein . . .

„Wie man´s halt anschaut, das Werkeln!“ sagt Frau S. in der Mathildenstraße, die gerade einen Stapel Bettdecken über die Teppichstange wirft, „es kann nämlich auch Spaß machen, mal richtig Inventur zu halten!“ Die alte „Woar“ muß raus, das steht mal fest, und Mottenpulver muß in die wolligen Kleidungsstücke rein – wobei das Pulver neuerdings flüssig ist und „Spray“ heißt und sogar noch nach Cologne duftet. Von stinkigen Kugeln oder bröselnden Waldmeister-Bündeln kann längst keine Rede mehr sein.

Überhaupt macht es die hausfrauenfreundliche Industrie den „Stöberinnen“ immer leichter, der Putzerei Herr zu werden. Die passenden Mittel und Mittelchen halten die Fachgeschäfte bereit; „heller und weißer denn je“ wird’s ohne sie gar nie mehr. Und doch lassen sich viele Nürnberger Hausfrauen lieber als altmodisch abstempeln, als daß sie von der bewährten Methode abgingen: sie lüften, klopfen, bürsten und reiben ihr Hab und Gut, nehmen Schmierseife für die Fensterrahmen und Wachs für den Boden – und sie sind mit dem Ergebnis zufrieden wie einst die Omama.

„Im Westen nichts Neues!“ ruft uns lachend eine muntere Sechzigerin hinter der Teppichstange zu, „jetzt gibt’s nur Putz-Latein!“ Sie hat gut reden, denn sie ist in der „Endphase“ ihrer Stöberei. Sie hat bereits den Keller aus- und umgeräumt und dabei die Weckgläser auf ihre Haltbarkeit geprüft, hat die Abstellkammer geplündert und die Hausapotheke durchsucht. Was an Tröpfchen und Tabletten nicht mehr gebraucht wird - „hinaus damit“, hat sie gesagt. Genauso entschied sie beim Anblick von Flaschen, etwa „Salmiak“ beschildert, aber nur noch mit dürftigem Inhalt. Fort mit ihnen, erklärte sie, ehe mit den Resten womöglich Schaden angerichtet wird.

Sei´s drum: die Frühjahrskur sollte nicht ausschließlich dem Drum und Dran von Haus und Garten gelten! Sobald die Schürze abgebunden ist, wäre auch der frische Tau auf das eigene, nämlich weibliche, Angesicht fällig. Motto: Hausputz beendet, bin selber schön, Ostern kann kommen!

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