14. April 1967: Weltstadt-Silhouette an der Rednitz

14.4.2017, 07:00 Uhr

© Gerardi

Sie verdient dieses Prädikat nicht nur wegen der „Skyline“, die auf dem Baugelände 15 Meter über Flur und Wiesen auftragen wird und deren höchster Punkt mehr als 60 Meter vom Erdboden entfernt ist. Vielmehr birgt die Siedlung so viele originelle Ideen, daß es schwerfällt, alle auf einmal aufzuzählen: keine sichtbaren Straßen mehr, sondern unterirdische Verkehrswege, Parkplätze und Garagen; ein Einkaufszentrum, das sich nur schlecht mit bisherigen Einrichtungen vergleichen läßt, Sonne im Zimmer und Blick ins Grüne von jeder Wohnung aus; ein Motel mit 60 Betten. Das sind einige Ergebnisse der sorgfältigen Entwicklungsarbeit. Rund 60 Millionen Mark kostet die von Professor Gerhard G. Dittrich für die Versorgungsanstalten der deutschen Bühnen und deutschen Kultur-Orchester entworfene „kleine Stadt“, die zum überwiegenden Teil in Fertigbauweise mit Großplatten errichtet wird.

Der Holzeinschlag, der beim Reichelsdorfer Friedhof bereits begonnen hat, ist von der Bundesstraße 2 aus zu sehen und zeigt jedermann den Standort der neuen Wohnanlage an, zu der im ersten Abschnitt 560 Ein- bis Fünf-Zimmer-Wohnungen gehören. Die Sorgsamkeit, mit der der Architekt und seine Mitarbeiter zu Werke gegangen sind, diente jedoch nicht allein dem Ziel, den Menschen sowohl ein individuelles als auch zum Nachbarn orientiertes Heim zu schaffen. Die Planer nahmen ebenso auf die herrliche Landschaft Rücksicht.

Die beiden Täler, Entengraben und Rednitzgrund, die als Naturschutzgebiete der Bevölkerung Erholung bieten werden, bleiben unangetastet. Außerdem dürfen die Hänge und andere Teile des Baugeländes nicht abgeholzt werden, weil sie unter Landschaftsschutz stehen. Erhalten werden besonders auch die Eichen und Birken, die es in dieser Gegend gibt.

In dieser landschaftlich einmaligen Umgebung – sie bietet obendrein den Vorteil, daß über die künftige neue Bundesstraße 14 eine Verbindung zur Innenstadt entsteht, wie sie besser nicht sein könnte – werden in den nächsten Jahren Menschen leben, die sich sicherlich zuerst einmal an ihr Zuhause gewöhnen müssen. Am Entengraben werden durch geschickte Höhengliederung, architektonische Gestaltung und Grundrißlösung der Baukörper und Wohnungen nicht nur ungewöhnliche städtebauliche Akzente gesetzt, sondern es stecken auch viele andere „Bonbons“ in der „kleinen Stadt“, mit denen das übliche Maß an Bequemlichkeit weit übertroffen wird.

Hierher gehört die eigenwillige Verkehrserschließung, denn die Straße, die in die Wohnanlage führt, verschwindet bereits beim Zentrum unter der Erde und verläuft unter den Gebäuden als Ring, von dem aus alle Hauseingänge erreichbar sind. Im Boden verbergen sich auch die 250 Parkplätze für Besucher, die zweigeschossigen Garagen (für jede Wohnung) eine und eine Großtankstelle. Weil die Gebäude ringsum auf Stützen stehen, ergibt sich eine ganz natürliche Belüftung der untersten Etagen, während die Straße von oben durch einzelne Durchbrüche – abgesehen von den Leuchten – zusätzlich belichtet wird.

Darüber aber liegt der weiträumige Bereich für die Fußgänger, der sich bis zum Zentrum hinüberzieht, und gärtnerisch gestaltet wird. Niemand kann also später einmal sehen, was sich drunten abspielt. Denn droben herrscht Ruhe, spielen die Kleinstkinder in den ihnen zugedachten Räumen, während sich die Größeren etwas abseits zu zwei Bolzplätzen bemühen müssen.

Die Erwachsenen aber brauchen nur ein paar Schritte zu machen, dann sind sie im Zentrum, das neben den Einrichtungen des täglichen Bedarfs ein neuartiges Kleinkaufhaus, eine Art Bazar, enthält, in dem etwa in der einen Ecke Schreibwaren verkauft, in der anderen Ecke Zigaretten feilgeboten werden und gegenüber der Lotto-Tip möglich ist. Im Zentrum befindet sich außerdem Platz für die Gesundheit, Arztpraxen, Apotheke, die Sauna und das Kneippbad, der Kosmetiksalon und der Friseur.

Mit hineingepackt wurden außerdem ein Motel, eine Gaststätte, ein Café und für die Kegelbrüder eine Bahn. Vollkommenheit aber erlangt das ganze Gebiet, wenn die Stadt Nürnberg eines Tages eine neue Schule baut: einzelne Bungalows, die den Hang „hinabklettern“. Spätestens dann werden die Bewohner alles beieinander haben, was ihr Herz begehrt.

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